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Vermögensverwaltung : Schwellenländer sind nicht per se eine gute Anlage

Russland als Anlageziel dürfte nicht nur wegen der Krim-Krise vielen Anlegern als sehr riskant vorkommen Bild: dpa

Die Unterscheidung zwischen Schwellen- und Industrieländern als Anlageregion ist unscharf. Unter beiden Gruppen gibt es gute und schlechte Länder.

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          Viele Privatanleger ziehen sich seit dem vergangenen Jahr wieder aus den Schwellenländern zurück. Das zeigen die Statistiken über die Abflüsse aus Publikumsfonds. Viele Großanleger dagegen zögern derzeit, weil sie überlegen, ob die vielerorts deutlich niedrigeren Kurse für Wertpapiere und Devisen schon wieder die Gelegenheit für einen günstigen Einstieg bilden. Vielleicht ist es sinnvoll, überhaupt einmal über die Schwellenländer als Anlageklasse nachzudenken.

          Viele Anleger haben in den vergangenen Jahren Fonds - aktiv gemanagte ebenso wie börsennotierte Indexfonds (ETF) - erworben, die in eine Vielzahl von Schwellenländern investieren. Auf diese Weise wollten die Anleger von der erhofften günstigen wirtschaftlichen Entwicklung der Schwellenländer profitieren, ohne sich den größeren Risiken einer Anlage in einzelnen Schwellenländern auszusetzen. Allerdings entwickeln sich die Schwellenländer derart unterschiedlich, dass sich die Frage aufwerfen lässt, ob sie als eine Anlageklasse verstanden werden sollen.

          Dies belegt alleine das Schicksal der sogenannten „BRIC“-Staaten. Mit diesem Kürzel fasste vor gut zehn Jahren der damalige Chefökonom der Investmentbank Goldman Sachs, Jim O’Neill, die vier Länder Brasilien, Russland, Indien und China zusammen. Damit trug O’Neill wesentlich zur Attraktivität von Kapitalanlagen in Schwellenländern bei.

          Analyse der Schwellenländer als Anlageziel

          Heute hat von diesen vier Ländern alleine China in wirtschaftlicher Hinsicht nicht enttäuscht, auch wenn der chinesische Aktienmarkt seit geraumer Zeit schwächelt. Die wirtschaftliche Entwicklung von Brasilien, Indien und Russland hat hingegen viele Anleger im Westen ernüchtert. Heute gelten Länder wie Indien unter anderem als Folge ihrer Leistungsbilanzdefizite als wirtschaftlich anfällig.

          Dave Garff von der amerikanischen Finanzgesellschaft Accuvest Global Advisors schlägt ein anderes Verfahren vor. Seine Idee besteht darin, einzelne Länder aus der Sicht eines Aktienanlegers als Anlageziele zu überprüfen, und er hat dies für 32 Industrienationen und Schwellenländer getan. Nun lassen sich Aktienmärkte auf unterschiedliche Weise analysieren. Garff hat dies aus der Sicht einer sogenannten wertorientierten Anlage („Value Investing“) getan. Stark vereinfacht geht ein Anleger hier an den Aktienmarkt heran wie Warren Buffett. Er sucht sich langfristig Aktien von Unternehmen mit guten wirtschaftlichen Aussichten, die derzeit an der Börse unterbewertet erscheinen. Garff hat drei Indikatoren herangezogen, mit denen er die einzelnen Aktienmärkte analysiert: Es handelt sich für die Unternehmen um das Verhältnis von Kurs zu Buchwert, von Kurs zum Gewinn der vergangenen fünf Jahre und von Kurs zum geschätzten Gewinn der kommenden zwölf Monate.

          Russische Wirtschaft enttäuscht

          Das Ergebnis der Untersuchung ist vielsagend: Im Durchschnitt erscheinen die Schwellenmärkte nicht sehr hoch bewertet, aber die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern sind gewaltig. Von den zehn am höchsten bewerteten Aktienmärkten befinden sich mehrere in den Industrienationen, aber mit Mexiko, Malaysia, Indien, Chile und Südafrika fünf in Schwellenländern. Umgekehrt befinden sich mit Russland, der Türkei, Brasilien und China auch einige Schwellenländer unter den Aktienmärkten, die nach den Kriterien der wertorientierten Kapitalanlage derzeit ziemlich billig erscheinen. Das sind nun allerdings nicht zufällig jene Märkte, aus denen viele Anleger in den vergangenen neun Monaten geflüchtet sind.

          Russland als Anlageziel dürfte nicht nur wegen der Krim-Krise vielen Anlegern als sehr riskant vorkommen. Die Analysten der Helaba haben in einer aktuellen Untersuchung die Wirtschaftslage des Landes untersucht und kommen zu einer wenig schmeichelhaften Einschätzung. Zunächst ist seit Ende 2011 das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts zurückgegangen. Im Jahre 2013 wuchs die russische Wirtschaft nur um 1,4 Prozent. Das ist für ein Schwellenland ein niedriger Wert, der überdies vor allem das Ergebnis zunehmender Konsumausgaben war, während die Investitionstätigkeit enttäuschend verlief.

          Als problematisch gilt auch ein starker Anstieg der Lohnkosten in den vergangenen Jahren, der die Wettbewerbsfähigkeit der russischen Industrie schwächte und damit die Gesamtwirtschaft noch stärker in eine Abhängigkeit von der Energiebranche brachte. Die weitere politische Entwicklung ist wenig kalkulierbar; die wirtschaftliche Entwicklung wirft Fragen auf: Wer in Russland Geld anlegen will, braucht einen langen Atem und gute Nerven.

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