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Schwellenländer : Keine dritte Schockwelle

Istanbuls neue Skyline: Die Türkei gehört zu den größten Gewinnern der niedrigen Energie- und Nahrungsmittelpreise Bild: Reuters

Amerikas Notenbank hat ihre Anleihekäufe eingestellt. Doch dank des niedrigen Ölpreises sind die Türkei und Indien weniger anfällig als zu Jahresanfang.

          Als im Mai 2013 der damalige amerikanische Notenbankpräsident Ben Bernanke erstmals ein Ende der Anleihekäufe der Fed andeutete, zogen die Anleger fast fluchtartig Geld aus Schwellenländern ab. Als die amerikanische Notenbank Fed im Januar dieses Jahres erstmals seit Herbst 2012 in einem Monat nicht 85 Milliarden Dollar für Staatsanleihen und Hypothekenpapiere ausgab, sondern nur noch 75 Milliarden Dollar, erfasste die Schwellenländer eine weitere Misstrauenswelle. Vor allem die Türkei, Brasilien, Indien, Indonesien und Südafrika waren von Anlegern gebrandmarkt als „die fragilen fünf“.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Anfällig macht diese fünf großen Schwellenländer ihr Leistungsbilanzdefizit. Sie importieren dank einer oft konsumfreudigen Bevölkerung mehr, als sie exportieren, und dieses Defizit muss durch Investitionen von ausländischen Unternehmen vor Ort oder von Kapitalanlegern finanziert werden. Wenn in Amerika durch die Fed und ihre Anleihekäufe nicht mehr die gewohnte überschüssige Liquidität geschaffen wird, so damals die Sorge an den Märkten, bekommen gerade die riskanten Schwellenländer ihre Defizite nur noch schwer gedeckt.

          In Osteuropa nur im stabilen Polen investieren

          Im Oktober nun hat die Fed ihre Anleihekäufe gänzlich eingestellt, und die dritte Schockwelle ist den Kapitalmärkten der Schwellenländer erspart geblieben. Das mag damit zu tun haben, dass seit Mitte Oktober die Anleger ohnehin risikofreudig sind. Ermutigt von Anleihekäufen diesmal der Europäischen Zentralbank und der Bank von Japan, haben die Anleger den Deutschen Aktienindex Dax von 8600 Punkten aus um 10 Prozent nach oben getrieben. Am Mittwoch kletterte der Dax erstmals seit Mitte September wieder zeitweise auf mehr als 9500 Punkte. Und in der Schweiz stieg der Aktienindex SMI am Mittwoch erstmals seit 2007 auf mehr als 9000 Punkte.

          Damit erscheinen etablierte Aktienmärkte, gemessen an den Gewinnen der Unternehmen, eher teuer. Aktien an Schwellenländerbörsen sind trotz oft zweistelliger Kursgewinne in diesem Jahr noch günstiger. Doch die Skepsis bleibt groß: „Ein allgemeiner Bullenmarkt für Emerging-Market-Aktien dürfte höchstwahrscheinlich noch eine Weile auf sich warten lassen“, heißt es ausgerechnet von der österreichischen Fondsgesellschaft Raiffeisen, die zu den größten Anbietern von Schwellenländerfonds gehört. Die amerikanische Großbank JP Morgan rät Anlegern, in Osteuropa nur im stabilen Polen und in der Türkei zu investieren. Und die Schweizer Großbank UBS erwartet in den nächsten sechs Monaten auf den Aktienmärkten der Schwellenländer eine unterdurchschnittliche Entwicklung. Als Ausnahme nennt Chefvolkswirt Andreas Höfert Indien und die Türkei.

          Gewinner und Verlierer des niedrigen Ölpreises

          Diese beiden Länder sind ins Blickfeld einiger Analysten gerückt. Beide müssen viel Energie importieren. Deshalb profitieren sie jetzt ungemein von den um 30 Prozent gesunkenen Ölpreisen. Ihr Leistungsbilanzdefizit verringert sich spürbar, da sie Öl im Ausland günstiger einkaufen. Zudem sinkt die Inflation. „Die Türkei dürfte der größte Gewinner der niedrigen Energie- und Nahrungsmittelpreise sein“, meint JP Morgan. Und die Commerzbank hat aus diesem Grund die türkische Lira als einzige Schwellenländerwährung auf ihrer Empfehlungsliste.

          Die Türkei ist ein seltenes Beispiel dafür, wie sich die Wahrnehmung der Anleger seit Jahresanfang gedreht hat. Im Januar hatte der Kapitalabzug dramatische Züge angenommen. Die Notenbank musste in einer Nachtsitzung den Leitzins für kurzfristige Anleihen von 4,5 auf 10 Prozent erhöhen. Zuvor hatte die türkische Lira in nur sechs Monaten zum Euro 18 Prozent an Wert verloren. Seit der Zinserhöhung aber ist die Lira am Aufwerten. Trotz ihrer anfänglichen Schwäche haben fast alle Währungen der fragilen fünf Schwellenländer in diesem Jahr zum Euro zugelegt. Wie unsere Grafik zeigt, hat sich die Aufwertung oft seit Mitte Mai noch beschleunigt. Damals erreichte der Euro zum Dollar seinen Jahreshöchstwert. Wer allerdings auf das wegen seines Leistungsbilanzüberschusses zu Jahresanfang beliebte Russland gesetzt hat, erlitt schon allein wegen des um 23 Prozent abgewerteten Rubel hohe Verluste.

          Russland ist ein Beispiel dafür, welche Risiken Anlegern in Schwellenländern drohen – bis hin zur Enteignung. Aber Russland ist insofern untypisch, als der Haushaltsüberschluss wesentlich gespeist wird durch Öleinnahmen. Damit leidet Russland unter dem niedrigen Ölpreis, der dagegen für die Ölimporteure Türkei, Indien und China „ein echter Segen ist“, wie Raiffeisen feststellt. Gerade in Indien sind die Hoffnungen in den neuen Premier Modi und seine Reformen groß. Indiens Aktienindex Sensex erreichte in dieser Woche einen neuen Rekord und hat seit Jahresanfang um 32 Prozent zugelegt.

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