https://www.faz.net/-gv6-qdpn

Schwellenländer : Aktienmärkte verlieren Anleger

  • Aktualisiert am

Der kuweitische Handelsplatz soll aufgewertet werden Bild: AFP

Die Warnungen von Analysten vor den Risiken der Schwellenbörsen machen sich bemerkbar. Mittlerweile zeigen sich deutliche Kapitalabflüsse. MSCI plant die Neueinstufung einiger Länder.

          3 Min.

          Die zunehmenden Warnungen mancher Anlagestrategen vor den Aktienmärkten der Schwellenländer scheinen anzuschlagen. Sie gründen sich wesentlich auf Aspekte der Liquidität. Es gilt die Formel, dass eine deutliche Erholung des Dollar im Zuge einer spürbaren Besserung des amerikanischen Leistungsbilanzdefizits die internationale Liquidität massiv einschränken würde.

          Die Hauptleidtragenden eines solchen Prozesses wären die Schwellenländer. Deren Zentralbanken könnten dann ihre Interventionen zugunsten des Dollar einschränken oder sogar ganz einstellen. Ziel dieser phasenweise sehr massiven Eingriffe war es, die Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder über eine mehr oder minder enge Bindung ihrer Währungen an den Dollar zu erhalten beziehungsweise zu stärken. Dieses Verfahren wird noch immer besonders in Asien angewandt, so dass von Amerika und den intervenierenden asiatischen Ländern als einem faktischen Dollar-Block gesprochen wird.

          Noch kein Trend

          Tatsächlich sind nach Erkenntnissen von Merrill Lynch in den beiden Wochen vor dem 18. Juni bereits netto 5,5 Milliarden Dollar aus den Schwellenbörsen abgeflossen. Zuvor sollen diesen seit Beginn des zweiten Quartals netto noch 17,9 Milliarden Dollar zugeflossen sein. Bemerkenswert erscheint, dass nach Berechnungen der Investmentbank dem Abfluss von Mitteln aus den Schwellenbörsen eine massive Zunahme des Zustroms in die etablierten Aktienmärkte gegenübersteht.

          Sie will aber noch nicht davon sprechen, dass hier eine neue Tendenz entstanden sei. Dies werde sich wohl erst nach weiteren zwei Wochen zeigen. Im Gegensatz zu anderen Strategen wie Albert Edwards von Société Générale äußert sich Michael Hartnett, der Chefstratege von Merrill Lynch für die Schwellenbörsen, durchaus nicht pessimistisch zu dieser Anlagekategorie. Er meint sogar, weitere Abflüsse in der Größenordnung von 3 bis 5 Milliarden Dollar in den nächsten Wochen würden ihn wieder zuversichtlich stimmen. Dies beruht auf der Überlegung, dass der starke Kapitalabfluss für Pessimismus der Anleger gegenüber den Schwellenmärkten spreche, der sich auch im Ergebnis der jüngsten Umfrage der Investmentbank unter internationalen Fondsverwaltern ausdrückt.

          Institutionelle könnten umdenken

          Zu diesen monatlichen Umfragen von Merrill Lynch ist anzumerken, dass ihr eigentlicher Nutzen für Anleger darin liegt, erkennen zu können, wie und wo die institutionellen Investoren positioniert sind. Ergeben sich eindeutige Schwergewichte, so gilt dies als veritabler Ansatz zu einem gegensätzlichen Verhalten im Sinne der „contray opinion“. Sie sagt, dass das, was viele zur gleichen Zeit an denselben Märkten unternehmen, nicht aufgehen kann.

          Kapitalbewegungen größeren Ausmaßes in die Schwellenbörsen hinein und aus ihnen heraus sind in den kommenden zwölf Monaten auch zu erwarten, weil Morgan Stanley Capital International (MSCI) eine Neubewertung einer Reihe von Schwellenländern plant. Dies ist deshalb von großer Bedeutung, weil sich wohl die meisten institutionellen Investoren bei der Verteilung ihres Kapitals auf diese Anlagekategorie an der Gewichtung der einzelnen Länder im einschlägigen MSCI-Index orientieren.

          In Wirklichkeit handelt es sich um zwei Indizes, nämlich den Emerging Market Index (EM) und den Frontier Market Index (FM). Letzterer setzt sich aus Ländern zusammen, die im Gegensatz zu Ersteren über noch nicht voll entwickelte Kapitalmärkte verfügen, also zum Beispiel noch Beschränkungen im Kapitalverkehr mit dem Ausland aufrechterhalten.

          BRKC gewinnt

          MSCI hat dieser Tage angekündigt, Israel und Südkorea von Schwellenmärkten zu etablierten Märkten befördern zu wollen. Kuweit, Qatar und die Vereinigten Arabischen Emirate sollen von „frontier markets“ auf „emerging markets“ heraufgestuft werden. Argentinien und Kolumbien plant MSCI von „emerging markets“ auf „frontier markets“ zu degradieren, es sei denn, es würde eine erhebliche Besserung der Kapitalverkehrsbestimmungen erfolgen.

          Fest steht schon heute, dass Jordanien im November zum „frontier market“ zurückgestuft wird. MSCI führt in den kommenden Monaten Gespräche mit der Finanzwirtschaft, bevor endgültig über die in Aussicht gestellte Neuordnung entschieden wird.

          In Fachkreisen heißt es, den größten Nutzen aus den Veränderungen dürften Brasilien, China, Kuweit und Russland ziehen. Argentinien und Kolumbien würden andererseits Nachteile in Form abnehmender Kapitalzuflüsse spüren. Auch Israel und Südkorea könnten negativ betroffen sein, weil sie von den „Großen“ im Rahmen der Schwellenländer zu den „Kleinen“ unter den etablierten Ländern herabstiegen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nicht jedes Architektenhaus gehört einem Architekten.

          Kolumne "Nine to Five" : Und wann baust du dein Haus?

          Smalltalk über den Beruf des Gesprächspartners ist beliebt – entblößt zuweilen aber rührend naive Vorstellungen über Stellenprofile. Hier einige kuriose Beispiele.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.