https://www.faz.net/-gv6-6yv6c

Schwarmfinanzierung : Mit Kleckerbeträgen die Welt retten

Wer den Cent nicht ehrt... Bild: Müller, Andreas

Crowd Funding heißt die Masche, die das Kleingeld der Massen lockermacht. Das Internet verleiht der Idee Flügel. Künstler und soziale Organisationen sammeln Millionen.

          3 Min.

          Der Berliner Architekt Prime Le Van Bo hat die Masse, die „Crowd“, im Sinn. Sie hilft ihm, das Buch „Hartz IV-Möbel“ zu konzipieren. Sie soll die Vermarktung unterstützen. Aber vor allem finanziert sie es mit Spenden. Das Buch, das Mitte des Jahres herauskommen soll, enthält Anleitungen, mit deren Hilfe jeder billig Möbel im Bauhaus-Stil nachbauen kann. Selten war Mitmachen so gefragt wie in diesem Projekt.

          Bilderstrecke
          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Um das Buch drucken und unters Volk bringen zu können, hat sich der Architekt Le Van Bo das nötige Geld über die Crowd-Funding-Website „startnext.de“ besorgt. Dort stellte er den Plan für das Buch vor, gab die benötigte Summe an: 5000 Euro. Inzwischen ist der Plan übererfüllt. Mehr als 12.000 Euro wurden gespendet von mehr als 300 Leuten, 40 Euro im Durchschnitt. Ohne Gegenleistung bleiben die Helfer nicht: Normalspender bekommen das Buch, Großspender einen Tag mit dem Architekten.

          Kleingeld der Vielen

          “Startnext.de“, „Betterplace.org“ und andere Institutionen bieten Künstlern, Jungunternehmern und zunehmend sozialen Initiativen einen neuen Weg, Ideen mit Spenden zu finanzieren. Sie mobilisieren das Kleingeld der Vielen.

          Der klassische Ansatz sozialer Organisationen war es, viel Geld von wenigen einzuwerben, um Transaktionskosten pro Spenden-Euro gering zu halten. Für Kleinspenden bedienen sich karitative Organisationen immer häufiger Akquise-Agenturen, deren Mitarbeiter in Fußgängerzonen oder an Haustüren versuchen, Spendendaueraufträge zu akquirieren - gegen Provision. Am Ende bleibt von den Spenden wenig für die eigentliche Bestimmung.

          Webbasiertes Bezahlen macht’s möglich

          Das galt zumindest bis Crowd Funding seinen Siegeszug antrat. Es ist eine ziemlich frische Methode aus Amerika: Dahinter steckt der schlichte wie bestechende Gedanke, wenig Geld von vielen zu holen, ohne dass der Aufwand zu groß wird. Das funktioniert jetzt dank neuer Internetplattformen, webbasierter Bezahlmethoden und anderer Informationstechniken. Nun können Kleinspenden sicher und billig eingesammelt werden.

          Wer mit dem Crowd Funding angefangen hat, ist heute schwer zu ergründen. Amerikanische Fans der britischen Rockband Marillion sammelten schon 1997 über das Internet 60.000 Dollar, um die Band zu einer Tournee durch die Vereinigten Staaten zu bewegen. Die Plattenfirma wollte keine Amerika-Tournee finanzieren. Die ersten Crowd-Funding-Platformen im Internet hatten, dem Beispiel folgend, zunächst den Plan, Kunst im weiten Sinne zu Geld zu verhelfen. Artist-Share sammelt kleine Summen für Kunst- und Musikprojekte und gewährt im Gegenzug den Fans exklusiven Zugang zum Werk des Künstlers.

          Filmemacher, Comic-Zeichner und Entrepreneure

          Doch die Anwendungsgebiete habe sich längst vergrößert. Auf Kickstarter.org, einer der erfolgreichsten kommerziellen Internetplattformen für Crowd Funding, präsentieren Filmemacher, Designer, Comic-Zeichner, Videospiel-Entwerfer oder Entrepreneure ihre Vorhaben, um an das Geld der Vielen zu kommen. Die erfolgreichsten konnten mehr als eine Million Dollar loseisen und beweisen die Wucht der kleinen Leuten, wenn sie gebündelt wird.

          Spätestens da dürfte auch die Politik aufgewacht sein. Barack Obama verdankte seinen Wahlsieg nicht allein seinem Charisma, sondern auch Geld, das dank einer einzigartigen Crowd-Funding-Strategie hereinkam. Inzwischen ist die Idee im Sozialen Sektor angekommen und macht dort Furore. Die amerikanische Mikrokreditorganisation Kiva.org bündelt Kleinstspenden für Kleinkredite. Die deutsche Betterplace.org aus Berlin-Kreuzberg hat eine Internetplattform gebaut, auf der Spender eine Aufzuchtstation für Elefantenwaisen stützen, armen Berliner Kindern zu einer Sommerfreizeit verhelfen oder in eines der anderen 35oo Projekte in 134 Ländern Geld stecken, wie schon 200.000 Spender zuvor.

          Jeder kann ein Spender sein

          Till Behnke und seine Mitstreiter haben Betterplace.org großgemacht. Hier kommen nicht nur kleine soziale Projekte zum Zuge, die unter dem Radarschirm der karitativen Großorganisationen liegen. Zudem erreicht die Plattform Leute, die früher nie gespendet haben. Behnke gilt auch als einer der Vordenker des Projektes „Deutschland rundet auf“. Supermarktkunden spenden den Aufrundungsbetrag.

          Und was haben nun die Kunden davon? „Die merken, wie einfach es sein kann, Gutes zu tun“, sagt Christian Vater, Leiter der Kampagne „Deutschland rundet auf“. „Spenden macht glücklich“, sagt Vater. Und die Deutschen nebenbei zu regelmäßigen Spendern, hofft er: „60 Prozent der Leute haben noch nie gespendet, wissen wir aus Umfragen. Weil sie meinen, dass sie zu wenig Geld haben. Wir wollen zeigen: Jeder kann mitmachen, Spenden ist nichts Elitäres.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) Ende April in Berlin

          Machtkampf in der Union : Das Ende der Zerrissenheit?

          Merkel und Söder schrauben sich und ihre Parteien laut Umfragen in ungeahnte Höhen. Die Suche nach einem CDU-Vorsitzenden und einem Kanzlerkandidaten macht das immer schwerer.
          Wohin soll das Geld gehen? Jakob Blasel sagt: in die Zukunft. Zum Beispiel in die Windkraft.

          Fridays for Future : Verspielt nicht unseren Wohlstand!

          Die Corona-Krise trifft die Wirtschaft hart. Deutschland wird Unternehmen retten müssen. Fridays-for-Future-Aktivist Jakob Blasel sagt: Da hat die junge Generation ein Wörtchen mitzureden. Sie zahle ja auch die Zeche. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.