Rohstoffe : "Ölpreis steigt auf bis zu 105 Dollar"
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"Ein Ölpreis von 105 Dollar!" Händler vermuteten zunächst einen April-Scherz, als diese Hausnummer die Runde zu machen begann. Doch Analysten von Goldman Sachs bewegen mit einer kühnen Preisprognose den Rohölmarkt.
"Ein Ölpreis von 105 Dollar!" Händler vermuteten einen April-Scherz, als diese Hausnummer, ausgehend von New York, am Donnerstag im späten Handel die Runde zu machen begann. Doch es war eine die Märkte bewegende Nachricht mit einem realen Hintergrund.
Denn Analysten von Goldman Sachs, einer einflußreichen Investmentbank, haben das Band ihrer Preisprognose für Rohöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) von zuletzt 50 bis 80 Dollar auf 50 bis 105 Dollar je Barrel (rund 159 Liter) erweitert. Ihrer Einschätzung nach befindet sich der Ölmarkt möglicherweise im Frühstadium einer steilen Hausse ("super spike"), die den Preis für diesen wichtigsten Energierohstoff auf bis zu 105 Dollar treiben könne.
Bei „Versorgungsstörungen“ Ölpreisexplosion?
Die Analysten merken sogar an, daß sich diese Voraussage wohl noch als zu vorsichtig erweisen würde, wenn Versorgungsstörungen in einem bedeutenden Förderland auftreten sollten. Andererseits erklären sie aber auch, die Prognose stehe unter dem Vorbehalt, daß das Wirtschaftswachstum in China und in anderen aufstrebenden asiatischen Ländern nicht stark einbreche.
Der Ölpreis, der sich nach einem Anstieg auf den am 17. März verzeichneten Rekordwert von 57,60 Dollar in einer Korrekturphase befand, zog unmittelbar nach Veröffentlichung der Goldman-Sachs-Analyse wieder spürbar an. Am Freitag stieg der Preis in New York in der Spitze auf knapp 56 Dollar je Barrel. Bisher hat noch kein Goldman Sachs vergleichbarer Marktteilnehmer eine so kühne Ölpreisprognose abgegeben. Die Einschätzung der Lage durch diese Investmentbank hat besonderes Gewicht, weil sie stark im Rohstoffgeschäft verwurzelt ist und der von ihr geschaffene Goldman Sachs Commodity Index (GSCI) einer der am meisten beachteten Rohstoffindizes ist. Die Analysten relativieren die schlagzeilenträchtige Preisprognose von bis zu 105 Dollar jedoch insofern, als sie für das laufende Jahr einen Durchschnittspreis von 50 Dollar und für 2006 einen solchen von 55 Dollar nennen. Zuvor hatten sie Preise von durchschnittlich 41 Dollar beziehungsweise 40 Dollar vorausgesagt.
Ein Bündel von Gründen für steigende Preise
Goldman Sachs begründet seine neue Beurteilung der Situation am Ölmarkt mit der hartnäckig hohen Nachfrage, einer sich ausweitenden Preisdifferenz zwischen "süßen" und "sauren" Ölsorten sowie mit einer weiter stark steigenden Kostenstruktur in der Ölwirtschaft. Süße, leichte oder schwefelarme Sorten wie das amerikanische WTI und das aus der Nordsee stammende Brent-Öl lassen sich mit vergleichsweise geringem Aufwand besonders zu Benzin verarbeiten. Die schwefelhaltigeren und daher schwerer zu raffinierenden Sorten stammen zu einem großen Teil aus der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec).
Kernpunkt auf der Nachfrageseite der Analyse von Goldman Sachs ist der Benzinpreis, der wenigstens auf dem amerikanischen Markt fast täglich neue Rekordhöhen erklimmt. Die Investmentbank erwartet, daß der Benzinverbrauch in Amerika weiter steigt, weil der Treibstoff trotz der in der jüngsten Vergangenheit verzeichneten drastischen Verteuerung die Industrie und die Verbraucher heute bei weitem noch nicht so stark belastet wie auf dem vorausgegangenen Gipfel von 1980/81. Die Aufwendungen für Benzin lägen derzeit bei 3,6 Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts, bei 5,3 Prozent der gesamten Konsumausgaben in Amerika und bei 5 Prozent der verfügbaren Einkommen. Unter der Annahme, daß diese Werte die Höhen der siebziger Jahre wieder erreichen, müßte die Obergrenze der Preisprognose von 105 Dollar sogar auf 135 Dollar je Barrel angehoben werden, erklärt die Investmentbank.
Auf Basis ihrer Ölpreisprognose empfiehlt Goldman Sachs weiterhin Ölaktien zum Kauf, allen voran das Papier von Exxon Mobil, dem größten Energiekonzern der Welt.