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Rohstoffe : Hoher Ölpreis schadet nicht nur der Chemie

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Nach dem Irakkrieg wird der Ölpreis unter die Marke von 25 Dollar je Faß fallen - bei dieser Prognose waren sich Wirtschaftsforscher einig. Doch es ist anders gekommen. Zum Leidwesen nicht nur der Chemie.

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          Auch Experten sind nicht gegen Irrtümer immun. Dies zeigt sich beim Rückblick auf Prognosen, wie sich der Ölpreis entwickeln werde. Nachdem er innerhalb eines Jahres von rund 22 auf mehr als 30 Dollar am Vorabend des Irakkriegs geklettert war, wagten Wirtschaftsforscher und Börsianer wohltuende Vorhersagen: Wenn der Krieg im Sinne der von den Amerikanern geführten „Allianz der Willigen“ beendet sein wird, dürfte der Preis für das 159 Liter fassende Barrell Öl unter die Marke von 25 Dollar rutschen. Und zwar dauerhaft.

          Daraus ist indes nicht geworden. Zwar tendierte der Ölpreis in der Tat zwischenzeitlich zur Zielmarke 25 Dollar hin - doch am Mittwoch ist der Ölpreis auf ein 20-Wochenhoch gestiegen. Im Tagesverlauf kostete das Barrell der Nordsee-Sorte Brent in London 30,55 Dollar, in New York wurde Öl zur Lieferung im September für 32,68 Dollar je Faß verkauft.

          Dieses Preisniveau ärgert nicht nur die Chemieindustrie, die Öl als Rohstoff braucht und zu Produkten, die an andere Industrien weiterverkauft werden, veredelt. Auch die Verbraucher spüren es im Portemonnaie. Und was ein Dollar mehr oder weniger für das Wirtschaftswachstum bedeutet, läßt sich beziffern. Zwar mehren sich Stimmen, die meinen, der Ölpreis habe seinen Höhepunkt gesehen. Doch Prognosen können - siehe oben - fehl gehen. Falls sich die Experten abermals irren sollten, könnte dies auch auf die Konjunktur und Aktienmärkte merklich durchschlagen.

          Preisanstieg mehrfach begründet

          Gründe für den Preisanstieg nach der zwischenzeitlichen Erholung nach dem Irakkrieg werden viele genannt. Zum einen gilt die kumulierte Menge an Vorräten auf der Welt als vergleichsweise gering. In Amerika sind drei Prozent weniger Öl und Treibstoffe in den Depots als vor einem Jahr, unter anderem wegen anhaltender Lieferengpässe in Venezuela und der traditionell steigenden Nachfrage von Urlaubern, die mit dem Auto in die Ferien fahren. Zweitens werden Streiks und zeitweise Schließungen von Ölförderanlagen in Nigeria angeführt. Drittens gilt die Tatsache, daß die Instandsetzung von Ölfeldern im Irak länger als gedacht auf sich warten läßt, als preistreibend. Nicht zu vergessen die psychologischen Folgen von Terroranschlägen wie dieser Tage in Indonesien.

          Was der Ölpreisanstieg für die Chemieindustrie bedeutet, haben in den vergangenen Wochen unter anderem Dow Chemical, Celanese und jüngst Bayer erläutert: Diese Unternehmen müssen mehr für diesen Rohstoff und für Gas bezahlen, als ihnen lieb ist. Zwar haben sie höhere Preise durchsetzen können, doch drückt die Entwicklung tendenziell auf die Kosten und damit auf die Gewinne. Die Folge: Auch aus diesem Grund ist die Chemie-Sparte von Bayer im ersten Halbjahr kaum profitabel gewesen - was dem Aktienkurs nicht zuträglich ist.

          Opec kann Ölpreis nicht festlegen - Börsen entscheidend

          Nun wagt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung die Prognose, der Ölpreis habe seinen „vorläufigen Höhepunkt“ erreicht. Dem Kartell Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) sollte es gelingen, den Preis für das Barrell im Zielkorridor von 22 bis 28 Dollar einzupendeln. Allerdings eher am oberen Rand dieser Spanne, vermuten die Forscher.

          Klaus Matthies, Öl-Experte beim Hamburger Weltwirtschaftsarchiv, ist jedoch skeptisch, ob diese Vorhersage treffsicher ist. Die Opec habe zuletzt einen geringeren Preis angestrebt, als Öl wirklich gekostet habe. Zudem könne das Kartell nicht festlegen, wieviel für ein Barrell zu zahlen sei. Es richte sich vielmehr an den Notierungen an den Rohstoffbörsen in London und New York aus. Um den Preis zu drücken, könnten die Opec-Staaten höchstens die Fördermenge erhöhen.

          Doch ob ein solcher Beschluß sich auch am Markt niederschlage, hänge nicht nur vom Verhältnis von Angebot und Nachfrage, sondern auch von anderen Einflüssen ab. Wie sich zuletzt gezeigt habe, sagte Matthies und verwies auf die Schwierigkeiten im Irak, die Terroranschläge, die Spannungen in Nigeria und das weiter schwache Förderniveau in Venezuela. Zudem entwickelten auch die Rohstoffbörsen ihre Eigendynamik: „Wenn Marktteilnehmer meinen, Öl werde eher teurer als billiger, dann wird es auch teurer.“

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