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Rohstoffe : Beim Öl könnten die meisten Experten weiter irren

  • Aktualisiert am
          3 Min.

          Irgend etwas scheint am Ölmarkt falsch gelaufen zu sein. Denn obwohl der Irak-Krieg längst beendet ist, hat sich der allgemein vorhergesagte Preiseinbruch nicht eingestellt. Ein Barrel (159 Liter) Öl der Opec-Länder kostet nach dem jüngsten Preisanstieg jetzt trotzdem wieder mehr als 30 Dollar. Und obwohl die meisten Experten noch immer von einem baldigen Preisrückgang ausgehen, gibt es gute Gründe für mittelfristig noch weiter steigende Preise.

          Bei Würdigung all dieser Argumente, zu denen auch die Terrorgefahr gehört, stellt man sich sogar die Frage, warum die meisten Experten in Sachen Ölpreis überhaupt so pessimistisch sind. Daß sie Recht bekommen, ist zwar nicht völlig auszuschließen, aber es gibt durchaus gewichtige Gründe, die dagegen sprechen. Und diese haben nicht nur mit der latenten Terrorgefahr und den schwierigen politischen Situationen in den großen Ölförderländern Venezuela und Saudi-Arabien zu tun.

          Experten liegen mit ihren Prognosen schief

          So ist es nun einmal nicht zu leugnen, daß die Ölpreise schon seit drei Jahren auf dem derzeitigen Niveau notieren und sich folglich ein starker Trend herausgebildet hat, der bisher allen preisdrückenden Einflüssen trotzte. Dies hat dazu geführt, daß die Experten nicht erst seit gestern schief liegen, sondern schon seit einiger Zeit irren. Damit bestätigt sich wieder einmal die Beobachtung, daß an den Finanzmärkten die Mehrheit meistens Unrecht hat.

          Dafür, daß dies so bleiben könnte, sprechen fundamental betrachtet vor allem die auf überraschend niedrige Niveaus abgesackte Lagerbestände. Gleichzeitig fällt die Nachfrage höher aus, als vielfach angenommen. Die Rolle, die das boomende China dabei spielt, das in diesem Jahr zum zweitgrößten Ölkonsumenten aufsteigen dürfte, ist hinlänglich bekannt. Aber selbst Amerika war zuletzt bei der Nachfrage für Überraschungen gut, denn wie jüngst bekannt wurde, ist dort die Nachfrage im Dezember um 3,3 Prozent höher gewesen als angenommen.

          Opec deutet Rolle rückwärts an

          Über diese Entwicklung erschreckte offenbar sogar die Organisation der Erdöl exportierenden Länder (Opec), denn die hat in dieser Woche erstmals eine Lockerung ihrer Förderpolitik angedeutet. Das käme einer Kehrtwende um 180 Grad gleich, hatte die Opec doch erst kürzlich beschlossen, ab April die Fördermenge um eine Millionen Barrel täglich zu kürzen. Ziel dieses Beschluß war es, einen Preisverfall in dem für Öl saisonal bedingt traditionell schwachen zweiten Quartal zu vermeiden. Doch dieser künstliche Hilfseingriff scheint nun überhaupt nicht mehr nötig zu sein. Jedenfalls notiert der Ölpreis nun schon seit 57 Tagen in Folge über dem von der Opec anvisierten Zielband von 22 bis 28 Dollar je Barrel.

          Für ein Anhalten der Versorgungsengpässe spricht längerfristig betrachtet auch der Umstand, daß seit einiger Zeit mehr Öl verbraucht wird als neue Quellen erschlossen werden. Dazu hat auch die notorisch skeptische Erwartungshaltung der Marktteilnehmer beigetragen. Denn auch die Ölkonzerne selbst planen mit einem deutlich tieferen Ölpreis, und auf dieser Annahme rechnen sich viele Investitionen zum Ausbau der Kapazitäten nicht, so daß diese unterlassen wurden.

          Befindet sich der Ölpreis in einem langfristigen Bullenmarkt?

          Angesichts dieser Rahmendaten kommt ein Händler bei einem kanadischen Broker, der nicht namentlich genannt werden will, weil auch sein Institut offiziell eine andere Ölpreisprognose hat, zu folgendem optimistischen Schluß: „Wir befinden uns in einem langfristigen Bullenmarkt und stehen dabei erst am Anfang des Zyklus. Auf Sicht von zwölf Monaten traue ich dem Ölpreis einen Anstieg bis auf 45 Dollar zu. Auch glaube ich nicht, daß die aus dem Irak (Anm. d. Red.: Irak hat nach Saudi-Arabien weltweit die größten Ölreserven) gemeldeten Förderquoten stimmen. Denn solange dort keine Ruhe und politische Klarheit herrscht, wird kein Dollar in Öl investiert werden.“

          Trifft diese Prognose ein, dürfte es für Investoren lohnend sein, sich im Ölsektor zu engagieren. Derzeit wird die Branche gemessen am hohen Ölpreis aber sogar eher gemieden. Die stiefmütterliche Behandlung hat ebenfalls mit dem marktkonformen Pessimismus zu tun, wonach die Ölpreise mittelfristig wieder fallen sollen. Denn dieses Szenario hält Anleger natürlich von Engagements bei Ölaktien ab.

          Kurse der Ölaktien spiegeln hohe Preise noch nicht ausreichend wider

          Das wiederum bietet Anlegern mit eigener Meinung die Chance, noch relativ günstig bei den Ölaktien zum Zuge zu kommen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis der amerikanischen Branchenvertreter liegt bei 14 und das der Europäer bei zwölf, was tiefer ist als am Gesamtmarkt. Sehr ansehnlich sind auch die Dividendenrenditen, die bei den Europäern im Schnitt bei 3,9 Prozent liegt und bei den Amerikanern bei 5,0 Prozent.

          Bereits etwas höher bewertet sind die reinen Explorationswerte, doch dafür bietet diese Gruppe auch einen noch höheren Hebel für den Fall, daß der Ölpreis hoch bleiben sollte. So setzt der bereits zitierte Händler auf die vier großen unabhängigen kanadischen Ölexplorationsfirmen Encana, Canadian Natural Resources, Talisman Energy und Nexen. Hier hält er weitere deutliche Kursgewinne für möglich, falls seine zuversichtliche Ölpreisprognose eintreffen sollte.

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