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Digitale Vermögensverwalter : Würden Sie diesem Roboter Ihr Geld geben?

Das ist kein Bankberater, sondern der Roboter „C-3PO“ aus „Star Wars“. Bild: Imago

Die jungen Geldanlage-Portale erklären unmissverständlich: Bankberater werden überflüssig, der Roboter übernimmt das Kommando. Und baut das passende Depot. Vorsicht ist aber dennoch geboten.

          Auf den ersten Blick erscheint Oliver Vins wie ein gewöhnlicher Bankberater: schwarzer Anzug, weißes Hemd, schwarzes Brillengestell, nur die Krawatte fehlt. Sobald Vins aber zu reden beginnt, wird schnell klar, dass sein förmliches Auftreten ein wenig trügerisch ist.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Spricht der Gründer und Vorstand des Geldanlage-Portals Vaamo vor Bankvertretern und anderen Finanzmanagern, was hin und wieder vorkommt, dann nimmt er ihre Anlageprodukte freundlich lächelnd aufs Korn. Dann gibt er den Bankenschreck, den Wolf im Schafspelz sozusagen, und ruft der versammelten Expertenschar schon mal zu: „Bausparen, Lebensversicherung, Tagesgeld – Ihre Produkte sind tot!“

          Damit seine Kampfansage an das Establishment aber nicht nur im inneren Zirkel wahrgenommen wird, sondern auch draußen bei den Kunden, flankiert Vaamo-Chef Vins seine starken Worte mit Werbeplakaten sowie provozierenden Radiospots. Darin bedankt sich eine Frauenstimme mit beißender Ironie bei den Banken – „für die viel zu hohen Gebühren, die falschen Produkte und die schlechten Öffnungszeiten“. Das Auftreten von Vaamo als forsch zu bezeichnen ist fast etwas verniedlichend.

          Im Kampf um den Kunden zeigen sich die jungen Vermögensverwalter überaus selbstbewusst. Von den klassischen Banken unterscheidet sie vor allem eines: Sie haben die Vermittlung von Fonds automatisiert und bieten sie im Internet an. „Robo Advisors“ werden sie genannt, obwohl der Begriff ursprünglich herablassend gemeint war. Amerikanische Vermögensverwalter alten Schlags hatten ihn als Kampfbegriff erfunden, um die digitale Konkurrenz, die Algorithmen mehr vertraut als Menschen, zu stigmatisieren. Inzwischen finden immer mehr Kunden, vor allem jüngere, Gefallen an den Plattformen zur Geldanlage. Manche Experten vergleichen die Portale wegen ihres überschaubaren Angebots dagegen mit einem Discounter und sprechen von „Aldisierung“.

          Am Ende entscheidet der Kunde

          Ob sie nun Vaamo heißen oder Ginmon, Quirion, Cashboard, JustETF, Easyfolio oder Scalable Capital: Allesamt sind sie überzeugt, das bessere, billigere, bequemere und obendrein transparentere Angebot zu haben als Banken oder andere Vermögensverwalter. „Wenn die Banken den Kunden ihre Produkte anbieten, dann heißt es oft ,friss oder stirb‘“, sagt Lars Reiner, Gründer und Geschäftsführer von Ginmon. Bei den Internetportalen dagegen sollen nicht schwer durchschaubare Finanzprodukte im Vordergrund stehen, sondern die Bedürfnisse der Sparer. Das klingt verlockend für die Kunden und gefährlich für die Geschäftsmodelle der klassischen Vermögensverwalter.

          Ein Portfolio bei diesen Online-Portalen zu erstellen, geht zwar nicht ganz so schnell und einfach, wie der Slogan „Geldanlage in drei Klicks“ verspricht; es ist aber auch nicht viel langwieriger und schwieriger. Es funktioniert ähnlich wie ein Gespräch mit einem Berater aus Fleisch und Blut. Als Erstes ist jeder Interessent gefordert, sich über sich selbst, seine finanziellen Möglichkeiten und Bedürfnisse bewusst zu werden. In der Regel muss er zunächst acht bis zehn Fragen beantworten, um Sparziele, monatliche Sparrate, Anlagezeitraum und vor allem die persönliche Risikoneigung (gering, mittel oder hoch) offenzulegen. Am Ende erfährt jeder, zu welchem Anlegertyp er gehört, und bekommt ein passendes Muster-Portfolio nahegelegt. In der Regel handelt es sich dabei um ETF, die die Wertentwicklung eines Börsenindex wie des Dax abbilden und vergleichsweise günstig sind.

          Die Depots unterscheiden sich oft nur in der Gewichtung zwischen Aktien und Anleihen. Je höher die Risikoneigung des Anlegers, desto größer ist der Anteil von Aktien im Portfolio. Wer zum Beispiel von der Software als „ausgewogener Anlagetyp“ identifiziert wurde, dem wird meistens zur gleichen Verteilung geraten: 60 oder 50 Prozent Aktienanteil, je nach Anbieter, der Rest Anleihen. Das Rebalancing, also die ständige Anpassung der Portfolio-Anteile, gehört zum Service. Bei Scalable Capital, das aus 1500 ETF die für jeden Risikotyp geeigneten 10 bis 15 auszuwählen verspricht, kommen Immobilien und Rohstoffe hinzu. Über Vaamo fließt das Geld in drei Aktien- und zwei Anleihefonds der amerikanischen Anlagegesellschaft Dimensional Fund. Investiert wird weitgehend in fünf Bereiche: Aktien aus Industrieländern, Aktien aus Schwellenländern, Aktien kleinerer und mittlerer Unternehmen sowie Staatsanleihen und Unternehmensanleihen. Jeder Kunde muss letztlich selbst entscheiden, wie er sein Geld anlegt. Robo Advisors bieten nur Hilfe zur Selbsthilfe.

          Kaum Unterschiede zwischen einzelnen Portalen

          Eine Stichprobe der F.A.S. hat ergeben, dass allein schon die in Aussicht gestellten Renditen trotz ähnlichen Angebots recht unterschiedlich ausfallen können. Für eine einmalige Anlage von 10.000 Euro über zehn Jahre bei mittlerem Risiko soll der Anleger am Ende beispielsweise bei Ginmon auf 16.101 Euro kommen, bei Vaamo auf 16289 Euro, bei Scalable Capital auf 17571 Euro und bei Quirion auf 19.016 Euro. Die Renditen von bis zu acht Prozent sind aber keine Versprechen, sondern nur Annahmen, die nicht eintreten müssen. Auch auf die Preise, die über die Kosten für die ETF hinausgehen, ist zu achten. Bei Vaamo liegt die Servicepauschale zwischen 0,49 und 0,99 Prozent der Anlagesumme pro Jahr, Scalable Capital verlangt 0,75 Prozent, Quirion 0,48 Prozent. Bei Ginmon beträgt die Gebühr 0,39 Prozent, allerdings plus einer Erfolgsbeteiligung von 10 Prozent der erzielten Gewinne.

          Im Allgemeinen machen die verschiedenen Geldanlageportale keinen Hehl daraus, dass sich ihre angebotenen Produkte kaum unterscheiden: ETF hier und da und überall. Wenn es also gar nicht mehr so wichtig ist, wie sich jedes Portfolio zusammensetzt – worauf kommt es dann an? Zwei Start-ups berufen sich nicht nur auf wissenschaftliche Forschung im Allgemeinen, sondern haben sich Professoren ins Boot geholt. Hinter dem Anlagekonzept von Vaamo steckt Andreas Hackethal vom „House of Finance“ der Frankfurter Goethe-Universität. Für Scalable Capital hat Stefan Mittnik, Leiter des Center for Quantitative Risk Analysis an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, das Risikomanagement entworfen. Bei aller Expertise – am erfolgreichsten wird am Ende vermutlich derjenige Robo Advisor sein, der die Geldanlage dem Interessenten am einfachsten nahebringen kann. Und ihm dabei die Scheu nimmt, auch in Aktien zu investieren. „Unsere größten Konkurrenten sind Bargeld und Tagesgeld“, sagt Florian Prucker, Mitgründer von Scalable Capital. „Wie viel Geld ungenutzt auf den Konten herumliegt, das ist eigentlich ein Skandal.“

          Vorbild Amerika

          Die Robo Advisors richten sich vor allem an jene, die keinen sechsstelligen Anlagebetrag zur Verfügung haben und daher für klassische Vermögensverwalter uninteressant sind. Im Fokus stehen dabei besonders die Vertreter der jüngeren Generation, die zwar irgendwie ahnen, dass sie ihr Geld für die Zukunft gut anlegen sollten, sich aber nicht viel Zeit nehmen wollen, um sich darum zu kümmern. „Robo Advisors wollen die New Generation gewinnen, die stärker über Plattformen agieren will und nicht über einen Berater“, sagt Jörg Ambrosius, Deutschland-Chef des Finanzdienstleisters State Street. „Die Technik wird künftig einen weit größeren Stellenwert einnehmen.“

          Der Fortschritt geht, wie könnte es anders sein, von den Vereinigten Staaten aus. Dort verwalten die beiden größten automatisierten Geldanlageportale, Wealthfront und Betterment, schon jetzt jeweils mehr als 2,6 Milliarden Dollar von knapp 150.000 Kunden. Ihr Erfolg hat längst Begehrlichkeiten der großen Vermögensverwalter geweckt, die mit der jungen Konkurrenz kooperieren oder sie gar ins eigene Haus holen. Seit vergangenem Jahr arbeitet die Fondsgesellschaft Fidelity mit Betterment zusammen. Unlängst hat Blackrock, die größte Fondsgesellschaft der Welt, das kalifornische Start-up Future Advisor übernommen, das zu den zehn größten Geldanlageportalen gehört. Traditionelle Vermögensverwalter oder Family Offices, die nur hochvermögende Familien betreuen, versuchen zwar ebenfalls, sich die technischen Möglichkeiten zunutze zu machen. Andererseits setzen sie sich von der Start-up-Konkurrenz ab und betonen, wie wichtig der persönliche Kontakt zu den Klienten und die damit einhergehende Beratung sei. „Mit einer Familie die Vermögensstrategie diskutieren, das können Sie nicht nur auf Basis von historischen Daten, Markterwartungen und wirtschaftlichen Prognosen“, sagt Thomas Rüschen, Vorstandsvorsitzender des Deutsche Oppenheim Family Office.

          Standardisierte Lösungen

          Während die Family Offices nur dem elitären Kreis der Hochvermögenden vorbehalten sind, will Scalable Capital „die Vermögensverwaltung, die klassischerweise ein elitäres Produkt ist, demokratisieren“. Anders als die anderen Plattformen, die lediglich als Vermittler von Fonds fungieren, verfügt das Start-up über eine Lizenz der Aufsichtsbehörde Bafin. Das heißt, die Jungunternehmer dürfen das Geld ihrer Kunden auch anlegen und verwalten. Dies geht dynamisch vonstatten. Scalable Capital setzt nicht auf starre Anteile von Aktien und Anleihen, sondern schichtet Portfolios um, falls das Risiko auf dem Markt größer wird, als es dem Profil des Anlegers entspricht. Es steht also nicht eine erwartete Rendite im Mittelpunkt, sondern das absehbare Verlustrisiko für den Anleger. „Kurse von Wertpapieren kann man schlecht beziehungsweise überhaupt nicht prognostizieren. Risiken dagegen kann man gut identifizieren und quantifizieren“, sagt Stefan Mittnik, der für das Münchner Start-up die Technologie entwickelt hat.

          Dennoch haben die Robo Advisors ihre Tücken. So ist nicht sicher, ob der potentielle Anleger sein Risikoprofil tatsächlich gut beurteilen kann. Zum einen setzt die Selbsteinschätzung ein gewisses Verständnis von Vermögensaufbau voraus. Zum anderen ist bekannt, dass die Einschätzung vieler Anleger von der Marktlage abhängt: Entwickelt sich der Markt gut, zeigen sie sich oft allzu optimistisch; entwickelt sich der Markt schlecht, überwiegt eher die Skepsis. Was bedeutet, dass ein und derselbe Fragenkatalog zu unterschiedlichen Zeitpunkten verschieden beantwortet und das persönliche Risikoprofil dabei ein Stück weit verzerrt werden könnte. Und selbst wer sich grundsätzlich richtig einordnet, bekommt kein auf ihn zugeschnittenes Portfolio, sondern eine standardisierte Lösung. Ganz abgesehen davon, dass die Robo Advisors noch recht jung sind und Erfolge ihrer bisherigen Anlageempfehlungen nur beschränkt messbar sind. Gleichwohl geben sie sich kämpferisch. „Die Umwälzungen werden in den nächsten zehn Jahren größer sein, als sich das viele vorstellen“, sagt Vaamo-Chef Vins. Doch auch in Zukunft stecken hinter jedem Robo Advisor Menschen, die ihn programmieren und genau darauf achten, was er mit dem Geld anstellt.

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