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Psychologie an der Börse : Die unerträgliche Leichtigkeit der fünf Milliarden

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Die Selbstüberschätzung macht es Aktienbesitzern schwer, Verluste zu akzeptieren, meint Joachim Goldberg Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

An der Börse folgt der Mensch nicht seinem Verstand, sondern dem Bauchgefühl. Für den Analysten Joachim Goldberg ist das selbstverständlich. Ein Gespräch über Börsenkräche, Panik und die Verluste bei der französischen Bank Société Générale.

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          An der Börse folgt der Mensch nicht seinem Verstand, sondern dem Bauchgefühl. Für den Analysten Joachim Goldberg ist das selbstverständlich. Ein Gespräch über Börsenkräche, Panik und die Verluste bei der französischen Bank Société Générale.

          Jérôme Kerviel hat das System der Société Générale umgangen, sich dabei aber nicht bereichert. Welche Motivation steckt hinter einem solchen Verhalten?

          Die Ökonomen gehen davon aus, dass die Menschen Gewinne und Verluste gleich behandeln. Die reale Welt aber ist eine andere. Menschen bewerten Verluste etwa zwei- bis zweieinhalbmal stärker als Gewinne. Deshalb ist es so schwer, zuzugeben, dass man verloren hat. „Loser“ ist nicht umsonst ein Schimpfwort. Einen Verlust möchte man ausgleichen. Damit fangen die Probleme erst an.

          Aber irgendjemand verliert doch immer an der Börse?

          Das ist richtig. Aber die Erfahrungen von Gewinnen und Verlusten unterscheiden sich. Wenn ich mich richtig entschieden habe, kann ich jederzeit meinen Gewinn einstreichen. Die psychologische Bindung an eine schlechte Entscheidung ist dagegen viel stärker. Einen Verlust will ich nicht realisieren. Meine Verlustentscheidung mache ich nur dann rückgängig, wenn ich mit heiler Haut aus der Geschichte herauskomme oder wenn ich gar nicht mehr anders kann: wenn also das Geld nicht mehr reicht, wenn ich es psychisch nicht mehr aushalte, wenn ich mich nicht mehr an den Verlust gewöhnen kann.

          Kann man sich denn an rund fünf Milliarden Euro Verlust gewöhnen?

          Menschen nehmen Dinge mit abnehmender Sensitivität wahr. Je größer die Gewinne werden, desto weniger nehmen wir sie wahr. Genauso ist es mit Verlusten: Der erste Verlust wiegt am schwersten. Von da an nehmen wir es immer leichter. Auch die Öffentlichkeit hat sich durch die amerikanische Immobilienkrise an die großen Verlustzahlen gewöhnt. Fünf Milliarden Euro hätten uns vor zwei Jahren viel mehr aufgeschreckt.

          Muss man ein Spieler sein, um mit fünfzig Milliarden Euro zu spekulieren?

          Viele Leute glauben, dass so jemand einen großen Spieltrieb hat. Aber ich denke, dass es darum ging, Verluste nicht zu realisieren. Stellen Sie sich so einen jungen Mann vor. Er kommt gerade vom „Middle Office“ und hat vielleicht schon lange gehofft, ein großer Händler zu werden. Und dann erzielt er anfangs sogar Gewinne. Plötzlich aber macht der Markt nicht mehr das, was er möchte. Anfangs ist das vielleicht noch nicht dramatisch, aber dann fällt der Dax immer weiter. Ich vermute, dass Kerviel sogar nachgekauft hat, um den Verlust abzufangen. Er erhöhte also den Einsatz. „Commitment“, also die Selbstverpflichtung gegenüber der eigenen Entscheidung, ist zwar eine Tugend in unserer Gesellschaft, aber in der Verlustsituation erhöht man dadurch das Risiko.

          Blendet unser Finanzsystem diese menschlichen Schwächen aus?

          In der Theorie sogar vollständig, ja. Der homo oeconomicus hat keine Gefühle. Er nimmt zu einhundert Prozent wahr, verarbeitet alles zu einhundert Prozent und ist absolut rational. Ursprünglich war er nur ein Modell, um Ökonomen in die Lage zu versetzen, wissenschaftliche Modelle kreieren zu können. Gefühle hatten in ihrem System keinen Platz.

          Hier tritt also die Differenz zwischen Theorie und Praxis zutage?

          Genau. In der Theorie sind Finanzmärkte effizient, jede Information schlägt sich sofort im Preis nieder. Die Praxis zeigt aber, dass ich die Information, die mir nicht passt, verdränge und sie nicht in mein Handeln einbeziehe. Erst die Finanzmarktpsychologie geht weiter. Durch die unterschiedliche Bewertung von Gewinnen und Verlusten sind einige Muster so systematisch in uns verankert, dass bestimmte Verhaltensweisen sogar vorhersagbar werden.

          Ist die ungeheure Summe der Grund für das große öffentliche Interesse?

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