https://www.faz.net/-gv6-72uy1

Prozess gegen Kweku Adoboli : „Kümmern Sie sich nicht um die Fachsimpelei“

  • -Aktualisiert am

Angeklagt: Kweku Adoboli auf dem Weg ins Gericht Bild: Reuters

Schon am ersten Prozesstag flogen Fachbegriffe wie ETFs, Futures, Hedgen und Riskmanagement durch den Londoner Gerichtssaal: Wie zwölf Geschworene über die Milliardenverluste eines UBS-Händlers urteilen sollen.

          2 Min.

          Für zwölf Geschworene am Londoner Southwark Crown Court haben am Freitag acht Wochen mit viel Kopfzerbrechen begonnen. In den kommenden zwei Monaten werden die Männer und Frauen, die über Recht und Unrecht des ehemaligen UBS-Händlers Kweku Adoboli entscheiden müssen, in die Fachsimpelei von Händlern komplexer Finanzkonstrukte einsteigen müssen.

          Schon am Freitag flogen Fachbegriffe wie ETFs, Futures, Hedgen und Riskmanagement durch den Londoner Gerichtssaal. Adoboli, im dunklen Anzug, von Staranwälten seiner Verteidigerkanzlei Bark & Co umgeben, scherzte vor Verhandlungsbeginn und verfolgte den Antrag der Staatsanwaltschaft auf Verurteilung wegen Betrug und Urkundenfälschung mit Ruhe. Er ist ein gewiefter Fachmann und lässt die Mühle des Prozesses stoisch über sich ergehen. Seine Zeit der Panik ist vorbei. Vor genau einem Jahr konnte er schließlich die bohrenden Fragen von William Steward aus dem Backoffice bei UBS nicht mehr beantworten.

          „Ich übernehme die volle Verantwortung“

          Unter dem Vorwand, einen Arzt zu besuchen, verschwand er aus dem Büro. Nachmittags beichtete er in einer E-Mail: „Lieber Will. Die ETF-Buchungen, die Du siehst, sind keine Transaktionen, die ich wirklich gemacht habe. Ich habe sie gebucht, um meine Verluste zu verschleiern, die ich außerhalb des Buches gemacht habe. Am Anfang habe ich mit den Transaktionen Gewinn gemacht - aber im Juli und August sind die Kurse eingebrochen“, schrieb Adoboli. „Erst war ich short, aber dann stiegen die Kurse wegen neuer Zuversicht über Griechenland. Ich wechselte auf die Käuferseite, aber habe dann nicht schnell genug eingedeckt.“

          Dann folgen Instruktionen an den Kollegen: „Was ich für Verluste gemacht habe, kannst Du sehen, wenn Du die ETF-Transaktionen einfach raus streichst. Ich wollte das Geld bis September wieder reinholen, aber es hat nicht geklappt. Einige Transaktionen laufen noch, vor allem im Dax und S&P 500. Die werden Freitag fällig.“ Dann räumt er ein: „Ich habe meinen Kollegen immer gesagt, dass die Transaktionen durch ETFs gedeckt seien. Ich übernehme die volle Verantwortung. Sorry, dass ich das gemacht habe und die Bank und meine Kollegen aufs Spiel gesetzt habe.“

          In der Nacht realisierten seine Vorgesetzten, dass seine Risikoposition 8,1 Milliarden Dollar betrug. Die Auflösung seiner Transaktionen brockte UBS einen Verlust von 2,3 Milliarden Dollar ein. Obwohl sein Handelslimit im Ausnahmefall 200 Millionen Dollar betrug, hatte Adoboli im Juli 2011 schließlich 5 Milliarden Dollar investiert. Da er zuvor im Backoffice gearbeitet hatte und die Schwachstellen des Kontrollsystems bei UBS kannte, merkte er bereits 2008, wie leicht er seine Spekulationen mit fingierten Hedge-Geschäften verschleiern konnte.

          Eine Transaktion, die sie nur schwer verstehen können

          „Ich nehme mal an, dass es Fragen geben wird, warum niemand anders von diesen Transaktionen wusste“, schrieb Adoboli in seiner Mail. Er hatte mit Konten gearbeitet, über die er seine Verluste und Gewinne schleuste. Das Wirrwarr der Handelsvorgänge war so komplex, dass er zum Beispiel Weihnachten 2009 nutzte, um die Transaktionen zu bearbeiten.

          Wie urteilen zwölf Männer und Frauen, die willkürlich aus der Bevölkerung ausgewählt wurden, über eine Transaktion, die sie nur schwer verstehen können? Adoboli verkaufte Short-Futures und kaufte ETF von einem Kunden, er baute also eine Long-Position in den ETF auf, weil er die Short-Futures nur sukzessive abverkaufte und er dann später die ETFs an den Emittenten zurückgab, also die Position angeblich ausgeglichen war. „Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf über diese Details“, erklärt ihnen die Staatsanwältin freundlich.

          „Wenn mich die Polizei bei einer Geschwindigkeitsübertretung erwischt, ist es unwichtig, in welchem Gang ich gefahren bin, wie viele Umdrehungen der Motor gerade machte und wie das Getriebe meines Autos funktioniert. Hier geht es darum, dass Adoboli gegen sein Handelslimit verstoßen hat, dass er die Transaktionen nicht wirklich abgesichert hatte, dass er die Buchungen verfälscht und gegenüber den Kontrolleuren der Bank gelogen hat.“ Die Finanzaufsichtsbehörden warten gespannt, ob in den kommenden Wochen beantwortet wird, warum niemand bei UBS die Zockerei von Adoboli erkannte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wer er ist, wissen die Deutschen ohne Google. Bei der Frage, was Boris Johnson mit dem Brexit zu tun hat, wird aber gerne die Suchmaschine bemüht.

          Google-Ranking : „Was ist Brexit?“

          Wissen Sie, was Kappa ist oder wer nochmal Evelyn Burdecki war? Das Google-Ranking offenbart so einiges darüber, was die Leute dieses Jahr bewegt hat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.