https://www.faz.net/-gv6-16go4

Private Krankenversicherung : Zunehmend teurer

Überdurchschnittlich zur Kasse gebeten: Patienten der privaten Krankenversicherer Bild: AP

Vor allem männliche Neukunden mussten für ihre private Versicherung in den letzten beiden Jahren tiefer in die Taschen greifen. Die Versicherer dämpfen die Anpassungen dennoch - und gehen damit ins Risiko.

          3 Min.

          Neukunden der privaten Krankenversicherer haben im vergangenen und in diesem Jahr überdurchschnittliche Beitragssteigerungen hinnehmen müssen. Betrachtet man die Preiszuwächse auf Zehnjahressicht, lagen sie für männliche Neukunden zuvor noch deutlich unter 5 Prozent. In den Jahren 2009 und 2010 wurde diese Marke dagegen klar übertroffen. Das zeigt eine Analyse zur Beitragsstabilität der Ratingagentur Morgen & Morgen. Zugrunde gelegt wurden Tarife für 30 Jahre alte Arbeitnehmer. Die Unternehmen passen ihre Beiträge jeweils zum Jahresbeginn an.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Auch für Frauen sind die Versicherungsprämien überdurchschnittlich gestiegen. Gleichwohl seien Tarife für Frauen im Schnitt beitragsstabiler als die der Männer, sagt Martin Zsohar, einer der Geschäftsführer des Analysehauses. Das liege daran, dass wegen des Antidiskriminierungsgesetzes Kosten umverteilt und weibliche Kunden begünstigt wurden und „dass Frauen statistisch gesehen mehr auf sich und ihre Gesundheit achten“.

          Anpassungen spät nachgeholt

          Als einen wichtigen Grund für die hohen Anpassungen nennt die Agentur die Gesundheitsreform des Jahres 2007. Durch sie hatten unzufriedene Kunden 2009 für ein halbes Jahr die Möglichkeit, ihren Versicherer zu wechseln und dabei einen Teil der Alterungsrückstellungen mitzunehmen. Diese Portabilität gilt seit Anfang vergangenen Jahres auch für Tarifwechsel. „Viele Anbieter passten 2008 eher moderat an, um dann nach Einführung der Portabilität 2009 stärker anzupassen“, erklärt Zsohar. Zum vergangenen Jahr hin mussten die Unternehmen wegen der neu eingeführten Portabilität einen zusätzlichen Kostenbaustein in die Prämien einkalkulieren. Um die Kunden nicht zu verschrecken, verzichteten einige von ihnen darauf, zusätzlich noch einen Zuschlag für die steigenden Gesundheitskosten zu erheben. In diesem Jahr dagegen hätten manche Unternehmen die nicht erfolgten Anpassungen nachgeholt, beobachtet auch Guido Leber von der Ratingagentur Assekurata.

          Für Bestandskunden sieht man die Folgen der Reform dagegen erst in diesem Jahr, weil ihnen kein Wechselzuschlag abverlangt wird, die Versicherer aber ebenfalls bemüht waren, im ersten Halbjahr 2009 keine Kunden durch zu hohe Prämien zu verlieren. Assekurata hat im Marktdurchschnitt für 2010 Erhöhungen von 7,4 Prozent unter den Unternehmen ermittelt, für die sie ein Rating erstellt. Der langfristige Durchschnitt liegt mit rund 5,3 Prozent deutlich darunter.

          Unangenehme plötzliche Steigerungen für den Kunden

          Die Unternehmen können Beitragserhöhungen wie im Jahr 2009 abfedern, indem sie auf ihre Reserven zurückgreifen - die Rückstellungen für die Beitragsrückerstattung. Das ermöglicht, die Versicherten entweder über eine Bar-Beitragsrückerstattung zu entlasten oder dadurch, dass die Gesellschaft die Anpassung mit Hilfe der Reserven dauerhaft abmildert.

          „Die Krankenversicherer finanzieren diese Abmilderung aber nicht immer dauerhaft aus“, sagt Leber. Er spricht von einer Bugwelle, die manche Gesellschaft vor sich her schiebt, wenn sie die Anpassung nur für ein einzelnes Jahr dämpft und somit die Prämie limitiert. „Im nächsten Jahr addieren sich dann gegebenenfalls die Beitragsanpassungen“, erklärt er. Denn besteht der Kostendruck im Gesundheitswesen fort, kann es für den Kunden zu unangenehmen plötzlichen Steigerungen kommen. „Insgesamt ist das kein schlechtes Instrument, man muss es aber bilanziell beherrschen, sonst droht eine explosionsartige Anpassung“, argumentiert Leber. Die Unternehmen trauen sich die bilanzielle Kompetenz aber durchaus zu. „Die Limitierungen sind bei uns nach dem Alter gestaffelt: Je älter eine versicherte Person, desto höher ist die Limitierung. Für über Neunzigjährige werden die Beitragsanpassungen grundsätzlich voll ausfinanziert“, erklärt beispielsweise die Barmenia.

          Temporärer Ausfinanzierung schwer quantifizierbar

          Anders als in der Lebensversicherung, wo die Reserven genutzt werden, um die Überschussbeteiligung konstant zu halten, dienen sie den Krankenversicherern dazu, die Beitragsentwicklung über mehrere Jahre zu glätten. Haben sie Steigerungen dauerhaft ausfinanziert, bindet das viel Kapital. Sind sie nur temporär ausfinanziert, müssen sie dagegen auf ein Jahr warten, in dem nicht schon Kostensteigerungen sie zu höheren Prämien zwingen. „So etwas ist aber aus der Bilanz ganz schwer abzulesen und deshalb für uns kaum quantifizierbar“, sagt Leber.

          Da es für die Unternehmen durch die seit langem niedrigen Zinsen immer schwerer wird, die Reserven mit ihren Kapitalerträgen aufzufüllen, müssen sie ihre Tarife sehr genau kalkulieren. In den zehn Jahren bis 2006 hatten sich die Neugeschäftsbeiträge für Männertarife durchschnittlich noch um 4,54 Prozent erhöht. Bis 2010 lag der Wert bei 5,62 Prozent. Für Frauentarife kam es zu einer Steigerung von 3,87 auf 4,2 Prozent, wie aus dem Rating von Morgen & Morgen hervorgeht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.