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Preisverfall dauert an : Angst vor Immobilienkrise in den Niederlanden

Insgesamt sind die Immobilienpreise in den Niederlanden seit 2008 um 15 Prozent gefallen. Der Boden ist nach Ansicht von Fachleuten aber noch nicht erreicht Bild: REUTERS

In den Niederlanden wächst kurz vor der Parlamentswahl die Sorge vor einer tiefgreifenden Immobilienkrise. Der größte Baukonzern des Landes warnt vor Verhältnissen wie in Spanien.

          In den Niederlanden wächst die Sorge vor einer tiefgreifenden Immobilienkrise. Die Preise für Häuser sind im vergangenen Jahr um 8 Prozent gefallen, wie das niederländische Statistikamt CBS in dieser Woche mitteilte. Vielerorts liegen die Preise damit wieder auf dem Niveau von vor knapp zehn Jahren. Großbanken wie die Rabobank und die ABN Amro haben zuletzt angekündigt, in großem Stil Kredite abzuschreiben.

          Hendrik Kafsack

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Der größte niederländische Baukonzern BAM warnt vor einer mit der in Spanien vergleichbaren Krise im Immobiliensektor. BAM rechnet mit einem weiteren Rückgang der Häuserpreise um 10 bis 15 Prozent. Damit hätten Immobilien innerhalb von vier Jahren 30 Prozent des Wertes verloren. Frühestens in zwei bis drei Jahren werde sich der Markt erholen, teilt der Konzern mit.

          Die Preise für Immobilien fallen schon seit einigen Jahren

          Die größte Hypothekarbank der Niederlande, die Genossenschaftsbank Rabobank, hatte schon am Donnerstag mitgeteilt, dass die Kosten für faule Kredite im ersten Halbjahr dieses Jahres auch wegen der anhaltend schlechten Lage am Wohnungs- und Immobilienmarkt um mehr als drei Viertel auf 1,1 Milliarden Euro gestiegen seien. Die verstaatlichte Bank ABN Amro teilte am Freitag mit, wegen der Belastung durch Problemanleihen sei der Nettogewinn im zweiten Quartal um 13 Prozent auf 341 Millionen Euro gefallen. Vor allem im Immobiliensektor seien Kredite geplatzt, hieß es auch hier.

          Die Preisentwicklung seit 2008 Bilderstrecke

          Die niederländische Zentralbank hat schon vor einigen Monaten gewarnt, dass der Preisverfall am Immobilienmarkt die niederländischen Banken in Schwierigkeiten bringen könnte, wenn sie in Folge immer mehr faule Kredite abschreiben müssten. Auch der Staat ist betroffen, haftet er doch für Hauskredite von knapp 140 Milliarden Euro. Insgesamt sind die Hypothekenschulden in den Niederlanden mit 640 Milliarden Euro etwas höher als die gesamte Wirtschaftsleistung des Landes.

          Die Preise für Immobilien fallen zwar schon seit einigen Jahren. Zuletzt hat der Preisverfall in einem insgesamt schwachen wirtschaftlichen Umfeld aber wieder stark an Fahrt zugenommen. Insgesamt sind die Immobilienpreise seit 2008 um 15 Prozent gefallen. Der Boden ist dabei nach Ansicht von Fachleuten noch nicht erreicht, auch wenn kaum jemand die äußerst negative Einschätzung der Situation durch die BAM teilt. Die meisten Bankenvertreter und Volkswirte rechnen damit, dass sich der Abwärtstrend in diesem Jahr noch fortsetzt. Im kommenden Jahr könnten die Preise allerdings schon wieder leicht anziehen.

          Ministerpräsident will Steuernachlässe generell begrenzen

          Ursache für den Preisverfall ist nach Ansicht von Fachleuten neben der Wirtschaftslage, dass die niederländischen Banken in den neunziger Jahren und zu Beginn des neuen Jahrtausends Hauskredite in großem Stil ohne ausreichende Sicherheiten vergeben haben. Hinzu kommt, dass Steuernachlässe für den Kauf von Immobilien viel Geld in den Sektor gelenkt haben. Die EU-Kommission und der Internationale Währungsfonds (IWF) haben die niederländische Regierung deshalb aufgefordert, das seit 2001 geltenden System grundlegend zu reformieren. Die Regierung des amtierenden Ministerpräsidenten Mark Rutte hat das ihrer Einschätzung nach bisher zu zögerlich in Angriff genommen.

          Derzeit liegt die Reform jedoch auf Eis. Am 12. September wird in den Niederlanden gewählt. Die Zukunft der Immobilienförderung spielt dabei eine beträchtliche Rolle. Auch vor diesem Hintergrund seien die Aussagen von BAM zu sehen, heißt es in Amsterdam. Der Konzern wolle seine Pfründe sichern. Die als Favoriten geltenden Sozialisten wollen die Förderung nur für große Immobilienkredite streichen. Rutte will indes die Steuernachlässe künftig generell begrenzen. Auch Hauseigentümerverbände wie die Vereniging Eigen Huis warnen angesichts von Ruttes Plänen vor einem zusätzlichen Preisverfall von bis zu 9 Prozent und Verlusten von bis zu 100 Milliarden Euro. Das könne das Land in der aktuellen Krise nicht verkraften, was EU-Kommission und IWF nicht begriffen.

          Sicher scheint zumindest, dass viele Investoren wegen der unsicheren Zukunft der Förderung erst einmal abwarten. Optimistisch zeigt sich trotz allem der Vorstandsvorsitzende der Rabobank, Piet Moerland: Auch wenn der Immobilien- und Wohnungsmarkt momentan faktisch stillliege, drohe den Niederlanden langfristig sogar ein Wohnungsmangel. In den vergangenen Jahren sei viel zu wenig gebaut worden. 70.000 Interessenten stünden am Markt zuletzt Jahr für Jahr nur 45.000 fertiggestellte Häuser gegenüber. Wenn die Wirtschaftskrise erst überwunden sei, würden die Immobilienpreise deshalb auch schnell wieder steigen, sagt Moerland.

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