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Porträt Alfred Platow : Der Pionier der Ökofonds

  • -Aktualisiert am

Er bezeichnet sich als „vermutlich schlechtbezahltesten Vorstand der Finanzbranche“: Ökofondsmanager Alfred Platow - monatliches Bruttogehalt: 12.000 Euro. Bild: Roeder, Jan

Alfred Platow, einst Hausbesetzer, führt heute Deutschlands wichtigsten Ökofonds. Sein Erfolgsrezept: Er denkt gegen den Strich.

          Manchmal muss man kämpfen, um Frieden zu finden, vor allem den eigenen. Das weiß Alfred Platow nur zu gut. Er tut ja schon sein ganzes Leben lang nichts anderes. Obwohl er erklärter Pazifist ist und Worte wie Kampf so gar nicht mag und standhaft meidet. Aber er kämpft auf seine Weise: Er knöpft sich ein Thema vor und wühlt sich hinein, bis er das Unterste zuoberst gekehrt hat. Er nimmt Fakten nicht einfach hin, er stellt Fragen. Auch im Gespräch, in dem er selbst die Antworten geben soll, löchert er lieber sein Gegenüber. Besonders eine Frage stellt er gerne, seine Lieblingsfrage - die nach dem „Warum“. Mit der hat er schon Hunderte Banker, Fondsmanagerkollegen und Versicherungsvorstände genervt. Von denen wollte er vor allem eines wissen: Warum kann man Geld nicht ethisch korrekt anlegen?

          „Banker und Finanzleute fragen nie: Warum?“, sagt Platow, „das ist eine pädagogische Frage, die stellen eben nur Sozialarbeiter.“ Und er ist schließlich einer, zumindest „theoretisch“. Er studierte fünf Jahre Sozialarbeit an der Fachhochschule Düsseldorf, „zusammen mit der Renate“. Renate heißt mit Nachnamen Künast und ist heute Grünen-Politikerin und Ex-Verbraucherministerin. Doch Platow nennt sie - wie viele andere Größen der Politiker, und Bankenszene - immer nur mit Vornamen, nach guter Sozialpädagogenmanier.

          Seine Eltern nahmen ihm das Studienfach lange übel, die hatten etwas ganz anderes für ihn im Sinn: Aus dem Sohn zweier Steuerberater sollte ebenfalls ein Finanzmann und Steuerberater werden. Das galt für sie als ausgemacht, nachdem der Sohn mit zehn Jahren schon Inventurhefte führte und später Groß- und Außenhandelskaufmann wurde. Nur fragte sich Platow danach selbst: Warum überhaupt?

          Er steuerte radikal um, ließ sich zum Kindergärtner ausbilden, begann das Studium der Sozialarbeit und engagierte sich für allerlei, was in den 80er Jahren so gar nicht ins Weltbild bürgerlicher Familien passte, sondern ihn zum Revoluzzer machte: Er war eine der treibenden Kräfte der Hausbesetzerszene in Düsseldorf, er hat drei Jahre lang den Anti-Atomkraft-Widerstand in Lüchow-Dannenberg organisiert und in Gorleben mit Aktivisten diskutiert. Alfred Platow erzählt das ganz ruhig, ganz ohne Pathos, aber nicht ohne Stolz. Es war der Beginn seiner Aufrührer-Karriere.

          Inzwischen ist Platow beruflich zum Geld zurückgekehrt und einer der schrägsten und bekanntesten Fondsmanager der Republik. Aber nicht, weil seine Fonds die größten wären, sondern weil sie die „ökologischsten“ sind - und noch dazu erfolgreich. Regelmäßig wacht ein elfköpfiger Anlageausschuss streng darüber, dass nur Aktien von nachhaltigen und sozial wirtschaftenden Unternehmen aufgenommen werden, vor allem aus den Bereichen Gesundheit, Bildung, Kosmetik und soziale Kommunikation - so etwa eine Firma, die das Internet in Afrika voranbringt. Im abgelaufenen Jahr hat das Flaggschiff Ökoworld Ökovision Classic eine Wertentwicklung von 17 Prozent hingelegt, über drei Jahre erzielte er 8,8 Prozent jährlich, und auf zehn Jahre gesehen war er hierzulande der beste Ökofonds mit einer Performance von 73 Prozent. Mittlerweile verwaltet die Muttergesellschaft Versiko eine halbe Milliarde Euro an Kundenvermögen. Auch das hätte niemand gedacht, als die zwei Firmengründer 1982 an den Markt gingen mit ihrer „kollektiven Versicherungsagentur Alfred + Klaus“, so nannten sie die Urzelle ihres Unternehmens.

          Mit dem Verkauf von Versicherungen für sozial bewegte Firmen wollten der Aktivist Alfred (Platow) und sein Kompagnon, der Mathematiker Klaus (Odenthal), eine Marktlücke schließen. Platow war inzwischen Berater der Ökoszene und hatte versucht, für eine kollektive Schreinerei eine Betriebshaftpflichtversicherung aufzutreiben. Er tingelte von Versicherung zu Versicherung mit der Mission, eine Police abzuschließen - und stellte später fest, dass auch Naturkostläden oder eine Kreuzberger Zahnarztpraxis (bei der die Helferinnen genauso viel verdienen wie die Ärzte und die es heute noch gibt) ebenso schwer zu versichern waren. Vielen Versicherungen waren solche Ökobuden an sich suspekt, und dann kam auch noch deren Fürsprecher um die Ecke: dieser Mann mit Rauschebart, wallendem Haupthaar und Wollpullover. „Wir sahen ja ganz anders aus als die“, sagt Platow und muss selbst schmunzeln, dass er sogar Birkenstocksandalen im Dienst trug.

          Schreck der Finanzbranche

          Heute kommt er im Anzug, wirkt aber eher wie ein Studienrat oder Pastor als wie ein Fondsmanager. Krawatten hasst und meidet er, egal wie edel der Anlass auch ist. „Ich besitze nicht einmal eine.“ Sogar als er 2012 von einem Wirtschaftsblatt zum „Man of the Year“ der Finanzbranche gekürt wurde, schüttelte er im Nobelhotel dem Commerzbankvorstand ohne Schlips die Hand: „Die mussten mich eben ertragen, wie ich bin.“

          Er war lange Jahre so etwas wie der Schreck der Finanzbranche. Schon neun Monate nach Unternehmensgründung hatte er 10 Millionen Mark eingesammelt und zog damit von Bank zu Bank. In den 90er Jahren klapperte er mit noch mehr Geld die Investmentgesellschaften ab. Seine Botschaft war immer dieselbe: „Ich habe eine besondere Investmentidee und bringe das Geld schon mit. Es soll nachhaltig angelegt werden“ - also nach strengen ökologischen und sozialen Standards. Weder in Rüstungsfirmen noch in Atomkonzerne, auch nicht in Firmen, die Mitarbeiter ausbeuten oder die Umwelt verschmutzen, sollte das Geld fließen, das müsse man den Anlegern zusichern können. Weil niemand den Platow’schen Anforderungen standhielt, gründeten Alfred und Klaus 1995 ihre eigene Kapitalanlagegesellschaft und ihren eigenen Fonds.

          Warum die Gesellschaft in Luxemburg angemeldet ist? Weil die deutsche Finanzaufsicht sich weigerte, sie hierzulande zuzulassen. „Ein ,Öko‘ im Namen ginge nicht, sagten die Zuständigen damals zu uns. Wir könnten Einspruch einlegen, das würde fünf Jahre dauern, und danach wären wir pleite. Aber: Sie hätten schon bei der Aufsichtsbehörde in Luxemburg angefragt - die gäbe unserem Antrag sofort statt.“ Also packten die beiden fünf Umzugskartons mit Unterlagen ein, mieteten sich einen VW-Bus und düsten nach Luxemburg. Ein Jahr später legten sie den ersten Fonds auf.

          Es gibt zig Anekdoten wie diese, und Platow ist ein echter Geschichtenerzähler, der mit sanfter Stimme stundenlang Geschichten aus der Finanzwelt zum Besten geben kann, die alle eines illustrieren: seinen jahrelangen Kampf „gegen den Staatsapparat und die Verwaltungssturheit“. Immer wieder schweift er dabei zu seinen Lieblingsthemen ab, über die er fast pastoral spricht: über den Humanismus und die kapitalistische Gesellschaft, über finanzielle Bildung in Schulen und eine Welt ohne Gier und über eine neue Generation, „die nicht unbedingt aus 100000 Euro eine Million machen will, sondern der es hoffentlich gelingt, entspannter an das Thema Geld zu gehen“. Vielleicht hat er dabei seinen Sohn im Auge, der 18 Jahre alt ist und sich gut vorstellen kann, mit 25 Jahren den Vater, der heute 64 ist, als Vorstand der Versiko abzulösen.

          Platow jedenfalls wäre das sehr recht. Er selbst habe ja etwas länger gebraucht, „ich habe erst als 33-Jähriger mit meinen Eltern Frieden geschlossen“, sagt er. Es war der Moment, in dem er erkannte „dass es viel wirkungsvoller wäre, das Geld der Umweltbewegung als Druckmittel einzusetzen, als von Demonstration zu Demonstration zu fahren“. Als er „Sozialarbeiter des Geldes“ wurde, so nennt Platow das, was er heute macht. Manche sagen ihm, er habe es tatsächlich geschafft, dass viele Firmen und manche Banken umgedacht hätten.

          Nachhaltigkeit heißt für Platow immer auch Vorausdenken: Er legt im Internet als „vermutlich schlechtbezahltester Vorstand der deutschen Finanzbranche“ sein Gehalt offen (12000 Euro brutto im Monat) und pflegt auch bei den Fonds Transparenz. Wo sie investieren und warum, können Anleger genau nachlesen. Langjährige Wegbegleiter bescheinigen ihm deshalb: „Man kann mit ihm über alles diskutieren, nur eines muss man nicht: mit ihm über Geld streiten.“

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