https://www.faz.net/-gv6-7l0k5

Porträt Alfred Platow : Der Pionier der Ökofonds

Schreck der Finanzbranche

Heute kommt er im Anzug, wirkt aber eher wie ein Studienrat oder Pastor als wie ein Fondsmanager. Krawatten hasst und meidet er, egal wie edel der Anlass auch ist. „Ich besitze nicht einmal eine.“ Sogar als er 2012 von einem Wirtschaftsblatt zum „Man of the Year“ der Finanzbranche gekürt wurde, schüttelte er im Nobelhotel dem Commerzbankvorstand ohne Schlips die Hand: „Die mussten mich eben ertragen, wie ich bin.“

Er war lange Jahre so etwas wie der Schreck der Finanzbranche. Schon neun Monate nach Unternehmensgründung hatte er 10 Millionen Mark eingesammelt und zog damit von Bank zu Bank. In den 90er Jahren klapperte er mit noch mehr Geld die Investmentgesellschaften ab. Seine Botschaft war immer dieselbe: „Ich habe eine besondere Investmentidee und bringe das Geld schon mit. Es soll nachhaltig angelegt werden“ - also nach strengen ökologischen und sozialen Standards. Weder in Rüstungsfirmen noch in Atomkonzerne, auch nicht in Firmen, die Mitarbeiter ausbeuten oder die Umwelt verschmutzen, sollte das Geld fließen, das müsse man den Anlegern zusichern können. Weil niemand den Platow’schen Anforderungen standhielt, gründeten Alfred und Klaus 1995 ihre eigene Kapitalanlagegesellschaft und ihren eigenen Fonds.

Warum die Gesellschaft in Luxemburg angemeldet ist? Weil die deutsche Finanzaufsicht sich weigerte, sie hierzulande zuzulassen. „Ein ,Öko‘ im Namen ginge nicht, sagten die Zuständigen damals zu uns. Wir könnten Einspruch einlegen, das würde fünf Jahre dauern, und danach wären wir pleite. Aber: Sie hätten schon bei der Aufsichtsbehörde in Luxemburg angefragt - die gäbe unserem Antrag sofort statt.“ Also packten die beiden fünf Umzugskartons mit Unterlagen ein, mieteten sich einen VW-Bus und düsten nach Luxemburg. Ein Jahr später legten sie den ersten Fonds auf.

Es gibt zig Anekdoten wie diese, und Platow ist ein echter Geschichtenerzähler, der mit sanfter Stimme stundenlang Geschichten aus der Finanzwelt zum Besten geben kann, die alle eines illustrieren: seinen jahrelangen Kampf „gegen den Staatsapparat und die Verwaltungssturheit“. Immer wieder schweift er dabei zu seinen Lieblingsthemen ab, über die er fast pastoral spricht: über den Humanismus und die kapitalistische Gesellschaft, über finanzielle Bildung in Schulen und eine Welt ohne Gier und über eine neue Generation, „die nicht unbedingt aus 100000 Euro eine Million machen will, sondern der es hoffentlich gelingt, entspannter an das Thema Geld zu gehen“. Vielleicht hat er dabei seinen Sohn im Auge, der 18 Jahre alt ist und sich gut vorstellen kann, mit 25 Jahren den Vater, der heute 64 ist, als Vorstand der Versiko abzulösen.

Platow jedenfalls wäre das sehr recht. Er selbst habe ja etwas länger gebraucht, „ich habe erst als 33-Jähriger mit meinen Eltern Frieden geschlossen“, sagt er. Es war der Moment, in dem er erkannte „dass es viel wirkungsvoller wäre, das Geld der Umweltbewegung als Druckmittel einzusetzen, als von Demonstration zu Demonstration zu fahren“. Als er „Sozialarbeiter des Geldes“ wurde, so nennt Platow das, was er heute macht. Manche sagen ihm, er habe es tatsächlich geschafft, dass viele Firmen und manche Banken umgedacht hätten.

Nachhaltigkeit heißt für Platow immer auch Vorausdenken: Er legt im Internet als „vermutlich schlechtbezahltester Vorstand der deutschen Finanzbranche“ sein Gehalt offen (12000 Euro brutto im Monat) und pflegt auch bei den Fonds Transparenz. Wo sie investieren und warum, können Anleger genau nachlesen. Langjährige Wegbegleiter bescheinigen ihm deshalb: „Man kann mit ihm über alles diskutieren, nur eines muss man nicht: mit ihm über Geld streiten.“

Weitere Themen

Die größten Börsengänge Video-Seite öffnen

Das sind die Top 10 : Die größten Börsengänge

Uber wird bei seinem Börsengang etwas mehr als acht Milliarden Dollar erlösen – und kommt damit nicht unter die Top 10 der größten Börsengänge. Die ersten vier Plätze belegen Konzerne aus China; aus Deutschland ist ein Unternehmen dabei.

Topmeldungen

„Zerstörung der CDU“ bei Youtube : Kommt damit klar!

„Ihr sagt doch immer, dass die jungen Leute mehr Politik machen sollen“: Ein politisches Video des Youtubers Rezo sorgt unter Jugendlichen für Aufregung. Sein Titel: „Die Zerstörung der CDU“.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.