https://www.faz.net/-gv6-12a3s

Ökonomen als Anleger : John Maynard Keynes wurde zum Börsenmillionär

Der Brite verabschiedete sich nun von der Idee, mit einem geschickten Timing an der Börse vom Auf und Ab der Konjunktur zu profitieren: „Mir ist jetzt klar, dass solche Umschichtungen aus mehreren Gründen nicht praktikabel und unerwünscht sind." Denn sie verlangten eine "anormale Voraussicht“. Mit einem Vermögen von 7.815 Pfund stand Keynes Ende der zwanziger Jahre nicht wesentlich besser da als zu Beginn des Jahrzehnts. Zwei Jahre später versuchte er sogar verzweifelt, zwei der wertvollsten Bilder seiner Gemäldesammlung zu verkaufen. Doch weder für Matisse' „Déshabillé“ noch für Seurats „Study“ fand er einen Käufer zu einem akzeptablen Preis.

Vom Makro- zum Mikromanagement á la Warren Buffett

Keynes' große Zeit als Kapitalanleger waren die dreißiger Jahre, und das erscheint umso bemerkenswerter, als dies die Zeit der Weltwirtschaftskrise war. Anstelle gesamtwirtschaftlicher Analysen beschloss er nun, Aktien als Ergebnis präziser Unternehmensanalysen zu kaufen und langfristig zu halten. Sein neues Credo lautete: „Ich werde im Laufe der Zeit immer überzeugter, dass die richtige Form der Kapitalanlage darin besteht, recht große Beträge in Unternehmen zu investieren, von denen man denkt, etwas zu verstehen, und deren Management man vollständig vertraut. Es ist ein Fehler, zu denken, man begrenze sein Risiko, indem man sein Geld zu sehr auf Unternehmen verteilt, von denen man wenig weiß und denen man nicht richtig vertraut. Eigenes Wissen und Erfahrung sind definitiv begrenzt, und es gibt selten mehr als zwei oder drei Unternehmen, in die ich zu einem Zeitpunkt volles Vertrauen setze.“ Kurz gesagt: Er suchte Aktien, die, gemessen an ihrem Ertragspotential, unterbewertet waren, und davon gab es in der Weltwirtschaftskrise nicht wenige, wenn man nur Geduld mitbrachte. Viel später würde sich Warren Buffett einer ähnlichen Strategie verschreiben.

Dagegen vertraute Keynes der heute als Portfoliotheorie geadelten Idee nicht, Eier auf viele verschiedene Körbe zu verteilen - weil der Anleger dafür zu großes Wissen benötige: "Seine Eier auf eine große Zahl von Körben zu verteilen, ist der sicherste Weg zu wachsenden Risiken und Verlusten, wenn man nicht die Zeit oder die Gelegnheit besitzt herauszufinden, wie viele Körbe in ihrem Boden Löcher haben." Vor diesem Problem steht noch heute jeder Fondsmanager.

Stattdessen versuchte Keynes innerhalb eines wenige Werte umfassenden Portfolios, Risiken zu reduzieren. So kaufte er Minenaktien, weil diese Papiere sich historisch anders verhalten hatten als Industrieaktien. Ansonsten investierte er besonders in die britische Automobilindustrie (Austin und Leyland), in die Flugzeugindustrie und in Versorger. Außer in London unterhielt er ein Depot in New York, wo seine Gewinne in den dreißiger Jahren ganz überwiegend entstanden. Damals beschäftigte sich Keynes täglich mindestens eine halbe Stunde mit der Börse. Er verachtete das Telefon als Ruhestörer; die einzigen Personen, mit denen er unablässig telefonierte, waren Makler in London und New York.

Weitere Themen

Topmeldungen

Der Strand von Cala Major auf Mallorca

Die wichtigsten Fragen : Das müssen Spanien-Urlauber jetzt wissen

Die Bundesregierung hat eine Reisewarnung für ganz Spanien ausgesprochen – doch es gibt eine Ausnahme. Und nach wie vor darf man auf eigenes Risiko reisen. Die wichtigsten Fragen im Überblick.

Im Salzlandkreis : Der Osten liegt vorn

Ostdeutschland steht in Sachen Pandemiebewältigung viel besser da als der Westen. Ist das nur Glück oder lässt sich daraus angesichts steigender Infektionszahlen etwas lernen? Besuch in einem Landkreis, dessen Bewohner vieles anders machen.

Citys Star-Trainer unter Druck : Das Problem des Pep Guardiola

Seit neun Jahren hat Manchester Citys Star-Coach Pep Guardiola die Champions League schon nicht mehr gewonnen – auch weil er Fehler machte. Hat er etwa seine besten Jahre als Trainer schon hinter sich?

Proteste in Belarus : Das ganze Land steht hinter dieser Revolution

Seine eigene Tochter Marta wurde verhaftet und ist seit Tagen verschwunden, berichtet der Schriftsteller Artur Klinau in seinem Gastbeitrag. Was jetzt mit Belarus geschieht, entscheidet sich auch in Europa.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.