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Norwegen : Der stärkste Staatsfonds sieht plötzlich schwach aus

Einnahmen aus den Öl- und Gasfeldern vor der Küste wollen gut angelegt werden. Bild: Getty

Der norwegische Staatsfonds ist Vorbild für viele deutsche Anleger. Doch im Sommer hat er 29 Milliarden Euro verloren. Was ist da los?

          5 Min.

          Yngve Slyngstad gilt als Mann von hohen moralischen Ansprüchen. Die muss er als Chefanleger des norwegischen Staatsfonds auch verkörpern. Schließlich hat Slyngstad von Berufs wegen genau darauf zu achten, dass nur Unternehmen, deren Ruf so gut ist wie ihre Rendite, in sein Portfolio kommen. Konzerne dagegen, die gewisse soziale und umweltpolitische Mindeststandards nicht erfüllen oder denen ein Schmuddelimage anhaftet, werden unerbittlich aussortiert von dem Fondschef und seinen Mitstreitern von der Zentralbank.

          Thomas Klemm
          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Von daher richtet der ethisch korrekte Herr Slyngstad seinen scharfen Blick seit Wochen nach Wolfsburg, wo ein scheinbar untadeliges Unternehmen insgeheim manipuliert und betrogen hat, bis die Abgaswerte passen. Denn der VW-Skandal macht auch dem Statens pensjonsfond, wie der Fonds auf Norwegisch heißt, ziemlich zu schaffen. Weil der Staatsfonds einen Anteil von 1,22 Prozent an der Volkswagen AG hält, hat er rund 300 Millionen Euro verloren, seit die ersten Mauscheleien ans Licht kamen und daraufhin der Kurs der VW-Aktie abstürzte.

          Der Abgas-Skandal und seine Folgen haben auch mit dazu beigetragen, dass Slyngstad in der vergangenen Woche selbst unter Erklärungsdruck geriet. Musste der Fondschef doch der kritischen Öffentlichkeit Rede und Antwort stehen, warum der seit fast zwanzig Jahren erfolgreiche Staatsfonds zwei Quartale nacheinander Verlust gemacht hat. War das Minus zwischen April und Juni mit acht Milliarden Euro (0,9 Prozent) schon beachtlich, so schoss es in den darauffolgenden drei Sommermonaten, in die auch der VW-Skandal fiel, auf 29 Milliarden Euro (4,9 Prozent) empor. Nur zweimal seit seiner Gründung 1996 hat der Staatsfonds einen höheren Quartalsverlust gemacht.

          Hat die Norweger das Glück verlassen?

          Zwar war es für alle Investoren ein heißer Sommer, vor allem wegen des Einbruchs an den chinesischen Börsen und dessen Folgen für den Rest der Finanzwelt. Darüber hinaus erklärt Slyngstad den größten Quartalsverlust seit vier Jahren vor allem mit der schieren Größe des Staatsfonds. Aktuell verwaltet er 754 Milliarden Euro, deswegen könnten laut Slyngstad „Marktschwankungen kurzfristig einen erheblichen Einfluss haben“. Aber könnte es auch daran liegen, dass die Norweger, die seit Jahren auch vielen Deutschen als vorbildliche Anleger gelten, das Glück verlassen hat? Haben sie falsche strategische Entscheidungen getroffen?

          Seiner Strategie ist der Fonds zwar grundsätzlich treu geblieben: nämlich langfristig die größtmögliche Rendite zu erwirtschaften bei akzeptablem Risiko. Zum Aktienanteil von 60 Prozent im Portfolio kommen noch 37 Prozent festverzinsliche Wertpapiere und drei Prozent Immobilien, so dass der Fonds geradezu vorbildlich aufgestellt ist, wie Experten bekunden. Seit 1998 kommt er im Schnitt auf eine jährliche Rendite von 5,8 Prozent. Nach der Finanzkrise hat der Staatsfonds indes mit einer Umschichtung begonnen. Er reduziert seine Investitionen in Europa und verstärkt sie in Schwellenländern. Die Verantwortlichen glauben, dass dort langfristig mehr Geld zu holen ist. Auch Immobilien in besten Lagen wie jüngst an der Londoner Oxford Street erwirbt der Fonds zunehmend.

          Im zurückliegenden Quartal ist die Rechnung nicht aufgegangen, im Gegenteil: Mit chinesischen Aktien verlor der Staatsfonds 21,3 Prozent, mit Anteilsscheinen aus anderen Schwellenländern 16,6 Prozent. Dass ein solcher Strategiewechsel risikoreich ist und kurzfristig Geld kosten kann, hatte Slyngstad schon vorher betont. Entsprechend gelassen gibt man sich nun auch im Umfeld des Staatsfonds. Es sei zwischen Verlusten und Volatilität zu unterscheiden, sagt beispielsweise Martin Wirth, der von seiner Frankfurter Anlagegesellschaft FPM aus für den Staatsfonds arbeitet und damit zu dessen überschaubarer Schar externer Fondsmanager gehört: „Wer langfristig orientiert und diversifiziert aufgestellt ist und keine kurzfristigen Verpflichtungen erfüllen muss, kann auch zwischenzeitliche Kursrückgänge gut meistern.“

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