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Leerverkäufe : Hedgefonds kochen auch nur mit Wasser

Keine Wettbude: An der Athener Börse waren Leerverkäufe über mehrere Monate verboten, weil sie den Abwärtstrend verschärft haben sollen. Bild: AP

Eine neue Studie zeigt: Leerverkäufe bringen im Schnitt schmale Renditen, dabei ist Blackrock größter Investor in solchen Geschäften. Besonders erfolgreich erweisen sich die Hedgefonds, die sehr aktiv am Markt sind und die mit mehreren Finanzinstrumenten arbeiten.

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          Den Münchner Verkehrstechnikkonzern Schaltbau hat die amerikanische Investmentgesellschaft Blackrock schon mehrfach ins Visier genommen. Gleich mehrere Male hat der Investor in den vergangenen Monaten große Mengen von Aktien des im S-Dax notierten Unternehmens verkauft, ohne sie überhaupt zu besitzen - zuletzt am 3. September 1,19 Prozent des gesamten Aktienvolumens.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mit solchen Leerverkäufen wetten Investoren auf fallende Kurse von Aktiengesellschaften. Sie veräußern Wertpapiere, die sie sich nur von anderen Marktteilnehmern geliehen haben, in der Hoffnung, sie am Ende der Leihfrist günstiger wiederbeschaffen zu können und die Differenz von Verkaufs- und Kaufpreis als Profit einzustreichen. In Krisenzeiten gelten solche Geschäfte immer wieder als Brandbeschleuniger und werden vom Regulierer oft als erstes verboten. Griechenland etwa hat in der Hochphase der Schuldenkrise Leerverkäufe an der Athener Börse untersagt, China nach seinem jüngsten Börsencrash auch. Dahinter steht stets die Befürchtung, dass Händler über Leerverkäufe ohnehin schon fallende Kurse immer weiter nach unten treiben.

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          Doch wer sind eigentlich die Leerverkäufer und was bringen ihnen diese Wett-Geschäfte? Bislang war in Europa wenig bekannt über diesen Teil des Börsenhandels. Erst seit November 2012 gilt in der EU eine Transparenzverordnung, nach der Marktteilnehmer dem Regulierer melden müssen, wenn sie sich mehr als 0,2 Prozent des Aktienvolumens eines Unternehmens für Leerverkäufe sichern. Veröffentlicht werden solche Orders, wenn sie mehr als 0,5 Prozent des Volumens überschreiten - in Deutschland listet der Bundesanzeiger solche Geschäfte auf.

          Hier ist nun zum Beispiel abzulesen, dass Blackrock offenbar auf fallende Kurse bei Schaltbau wettet. Denn schon vor der jüngsten Groß-Order am 3. September hatte die Investmentgesellschaft öfter ähnlich große Positionen eröffnet. Ob Blackrock damit gute Geschäfte gemacht hat, ist schwer zu sagen; der Aktienkurs der Schaltbau Holding schwankte zwar in den vergangenen Wochen arg, aber in den Keller gegangen ist er nicht.

          Größter Leerverkäufer: Blackrock Investment

          Blackrock Investment ist der größte Leerverkäufer in Europa, wie die beiden Forscher Stephan Jank und Esad Smajlbegovic von der privaten Frankfurt School of Finance & Management nun herausgefunden haben. Sie haben die öffentlichen Daten über die besonders großen Leerverkäufe von November 2012 bis Ende 2014 analysiert. Im Schnitt hatte Blackrock Investment an jedem Tag 46 solcher offenen Positionen, die Einheit Blackrock Fund Advisors noch einmal 25 am Tag. Auf Platz zwei und drei folgen die beiden Hedgefonds AQR Capital Management mit 35 offenen Positionen täglich und Oxford Asset Management mit 30. Alles in allem haben in der Zeit 358 Marktteilnehmer Leerverkäufe getätigt. Vor allem Hedgefonds nutzen dieses Instrument, sie machen 78 Prozent des Marktvolumens aus, gefolgt von offenen Investmentfonds mit knapp 6 Prozent. Das Volumen aller offenen Positionen hat sich in dem untersuchten Zeitraum deutlich vergrößert, von 20 Milliarden auf 35 Milliarden Dollar Anfang 2015.

          Große Summen. Doch im Schnitt springt bei den Geschäften überraschend wenig heraus, wie die beiden Forscher ebenfalls errechnet haben. Im Mittel spielten die Hedgefonds demnach eine risikoadjustierte Rendite von 6 Prozent ein. Dabei stützen sie sich auf relativ geläufige Handelsstrategien, wie Jank erläutert. So wetten viele etwa gegen die Aktien, die auch bisher schon schlecht gelaufen sind (Momentum-Werte) oder jene, die wegen Trendbewegungen vieler Investoren überbewertet sind (Betting-against-Beta). Hedgefonds kochen also auch nur mit Wasser. Und verglichen mit anderen Investoren, die nach den gleichen Strategien handeln, schneiden die Leerverkäufer nach Janks Daten schon weit weniger beachtlich ab, in vielen Fällen sogar schlechter.

          Bei der Analyse der Zahlen haben Jank und sein Forschungspartner auch Faktoren ausgemacht, die sich positiv auf den Handelserfolg auswirken. Vor allem der Heimvorteil hat Jank überrascht. „Offenbar können Hedgefonds, die auf Aktien im eigenen Land setzen, bessere Informationen über die Unternehmen bekommen“, sagt er. Investoren, die einen Sitz in Europa haben, konnten den Zahlen zufolgen mit den europäischen Aktien immerhin 0,07 Prozentpunkte mehr Rendite am Tag erzielen. Weiterhin erwiesen sich die Hedgefonds als besonders erfolgreich, die sehr aktiv am Markt sind und die mit mehreren Finanzinstrumenten arbeiten.

          Jeweils bessere Renditen erzielten auch die Leerverkäufer, die sich auf eine besondere Branche spezialisiert haben oder die als Erste mit Leerverkäufen einer Aktie begonnen haben. Auch das halten von Leerverkaufspositionen über einen längeren Zeitraum zahlt sich aus. Wer seine Positionen weniger als zehn Tage hielt, machte im Schnitt 0,17 Prozentpunkte weniger Rendite am Tag als Investoren mit längerfristigen Strategien.

          Ob Leerverkäufe nun wirklich Brandbeschleuniger in Krisenzeiten sind, darauf hat Jank allerdings keine Antwort. Es sei schwer zu unterscheiden, ob die Leerverkäufer auf Informationen reagieren, die dann auch die Kurse sinken ließen, oder ob die Kurse wegen der Leerverkäufe sinken. Auch die Frage, ob vorübergehende Verbote solcher Geschäfte in Krisenzeiten sinnvoll ist, will der Forscher lieber nicht beantworten.

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