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Neue Kapitalmärkte : Afrika entwickelt sich

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Fastfood-Ketten statt Hungerhilfe: Auf dem afrikanischen Kontinent entstehen derzeit viele innovative Unternehmen. Investmentfonds entdecken zunehmend die Finanzmärkte südlich der Sahara.

          3 Min.

          In den Wochen vor Ostern rückt Afrika wieder in das Bewusstsein der Deutschen. Da sammeln die Kirchen in ihrer diesjährigen Fastenaktion Spenden für bedürftige Menschen im Süden. Doch dies ist nur eine Facette des Kontinents. Die Region ist dabei, Hochtechnologie aufzubauen. „Afrika ist ein Pionier in der Nutzung des Mobiltelefons“, urteilen beispielsweise die Fondsmanager der Finanzgesellschaft Charlemagne Capital in London.

          Finanzinvestoren entdecken die Region südlich der Sahara zunehmend für die Anleger. Die Union Investment, Fondsgesellschaft der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken, will Mitte des Jahres einen Fonds auf den Markt bringen, der im Nahen Osten und in Afrika anlegt. Das ist insofern ein Signal, als sich die Fondsgesellschaften ansonsten mit der Auflage neuer Produkte zurückhalten.

          Dynamische Wirtschaft

          Die DWS, die Fondsgesellschaft der Deutschen Bank, hatte 2008 den DWS Invest Africa (Isin: LU0329759764) aufgelegt, in dem derzeit 96 Millionen Euro angelegt sind. Andere sind schon länger in der Region aktiv. Die Swiss & Global Asset Management der Schweizer Bank Julius Bär betreibt den JB EF Northern Africa (Isin: LU0303756455), der schwerpunktmäßig zwar in Ägypten, Tunesien und Marokko anlegt, aber auch an den Börsen in Nigeria, Kenia und Mauritius. Auch Bellevue Asset Management, JP Morgan, Charlemagne Capital, Wallberg Invest oder die Nordea haben den Kontinent als Anlageziel entdeckt.

          Entgegen den gängigen Afrika-Klischees im Norden hat sich in einigen Ländern des Kontinents eine dynamische Wirtschaft entwickelt. Während deutsche Entwicklungshelfer regionale Wirtschaftsstrukturen fördern, setzen andere Unternehmen in ihrer Branche Maßstäbe. Safaricom in Kenia zählt zu diesen Erfolgsgeschichten.

          Überweisungen per Handy

          Der Mobilfunkanbieter hat nicht nur das Land, das etwa anderthalb mal so groß wie Deutschland ist, mit einem Telekommunikationsnetz überzogen. Safaricom nutzt die neuen Möglichkeiten, die das Handy bietet, auf originelle Art: Die Gesellschaft entdeckte laut Charlemagne Capital als erstes Unternehmen der Welt, wie sich Mobiltelefone für sekundenschnelle Geldüberweisungen nutzen lassen. M-Pesa heißt das Produkt, wobei „pesa“ auf Swahili Geld bedeutet. Die Idee ist wegweisend. Nur 20 Prozent der Kenianer besitzen ein Bankkonto, doch 80 Prozent ein Handy.

          2008 ging Safaricom an die Börse Nairobi und löste auch in Kenia selbst stärkeres Interesse an Aktien aus. „Die Kapitalmärkte in Afrika bieten eine Chance, wie sie eine Generation nur einmal bekommt“, wirbt Daniel Broby, Leiter der Anlagestrategie der Fondsgesellschaft Silk Invest in London. Er betreut den Aktienfonds Silk Africa Lions Fund (Isin: LU0389403337).

          Erfolgreiche Mikrofinanziers

          Die Anlagestrategie des Fonds ist typisch für das neue Afrika: Während der Kontinent vielen Menschen vor allem als Ziel karitativer Hilfe bekannt ist, war er unter Investoren jahrhundertelang vor allem wegen seines Reichtums an Bodenschätzen begehrt. Doch die neuen Finanzinvestoren interessieren sich weniger für Minengesellschaften oder Ölförderunternehmen. Der Silk Africa Lions beispielsweise ist zu knapp 20 Prozent in Banken investiert und zu mehr als 10 Prozent in Aktien aus der Lebensmittelbranche.

          Die Brauerei Guinness Nigeria beispielsweise zählt zu den Favoriten vieler Anleger. Während viele Brauereien in Europa mit der Krise kämpfen, erhöhte sich im dritten Quartal 2009 der Gewinn um 46 Prozent und der Umsatz um 30 Prozent auf umgerechnet 312 Millionen Euro. Zu den Innovatoren auf dem afrikanischen Kontinent zählt auch die Equity Bank of Kenya. Ähnlich der Grameen Bank in Bangladesh, die der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus 1983 gründete, ist die Equity Bank auf Mikrofinanz spezialisiert. Sie verschafft ärmeren Bevölkerungskreisen Zugang zu Kleinkrediten, um die etablierte Großbanken einen Bogen machen. Das ist Entwicklungshilfe der neuen Art in Afrika.

          Das Geschäft mit Kleinkrediten läuft: Um 26 Prozent auf umgerechnet 8,5 Millionen Euro steigerte die Equity Bank, die mittlerweile in Uganda, Ruanda und im Süden Sudans aktiv ist, den Gewinn im ersten Quartal ihres Geschäftsjahres.

          Fastfood für Nigeria

          „Das, was gerade in Afrika geschieht, hat nichts mehr mit dem Bild zu tun, das wir in Europa von dem Kontinent haben“, sagt Afrika-Experte Broby. „Der Treiber für das Wirtschaftswachstum auf dem Kontinent ist heute die private Nachfrage der Verbraucher.“ UAC of Nigeria ist solch ein Fall. Während in europäischen Medien Bilder von Hungersnöten kursieren, baut UAC in dem Land eine Fast-Food-Kette nach der anderen auf: Mr Bigg's heißt beispielsweise die Kopie von McDonald's, Creamy Inn, Luv Dat Chicken, Nandos, Village Kitchen oder schlicht Pizza. Die Bilder von notleidenden Kindern sind nicht falsch. Sie entsprechen nur einer Realität dieses riesigen Kontinents, der zwischen Algier im Norden und Kapstadt an der Südspitze mehr als 8000 Kilometer misst.

          Früher legten Afrika-Fonds fast zwangsläufig ihren Anlageschwerpunkt auf Ägypten oder Südafrika und mussten häufig Unternehmen aus Industrieländern beimischen, die in Afrika tätig sind. Heute heißen die Favoriten Nigeria, Ghana, Kenia oder Mauritius. Afrika biete „mehr als ein Strohfeuer“, heißt es in einer Studie der Deutschen Bank zu den Kapitalmärkten des Kontinents.

          Gleichwohl sind die Risiken nicht zu unterschätzen, die politischen beispielsweise sind in manchen Ländern unabwägbar. Deshalb meiden Investoren kategorisch Länder wie Niger oder den Tschad. „Die einzige Möglichkeit, diese Risiken zu handhaben, heißt Diversifikation“, sagt Broby. „Wir investieren in keine Börse mehr als 25 Prozent.“ Dieses Limit hat er an der Börse Lagos in Nigeria erreicht.

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