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Neue Geschäftsfelder : Vermögensverwalter fürchten Konkurrenz durch Google

Google weiß alles Bild: dpa

Fondsgesellschaften sorgen sich. Internetriesen könnten bald ins Vermögensverwaltungsgeschäft einsteigen. Alibaba gilt als Vorreiter.

          3 Min.

          Vier von fünf Vermögensverwaltern fürchten, dass sie künftig nicht nur untereinander im Wettbewerb stehen, sondern es auch mit neuen Marktteilnehmern zu tun bekommen. Vor allem Internetriesen wie Apple, Google und Alibaba sehen die Vermögensverwalter als künftige Konkurrenten, wie der Bankdienstleister State Street nun in einer weltweiten Umfrage herausgefunden hat, die dieser Zeitung exklusiv vorliegt.

          Thomas Klemm
          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
          Tim Kanning
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Als abschreckendes Beispiel für die Branche gilt der chinesische Online-Konzern Alibaba, der schon im vorvergangenen Jahr vorgeprescht ist und einen Geldmarktfonds namens Yu’e Bao aufgelegt hat. Ende 2014 verwaltete der Fonds ein Vermögen von 93 Milliarden Dollar und sprang damit kurzerhand unter die fünf größten Geldmarktfonds der Welt. Der schnelle Zuwachs an Anlegern und Vermögen ist nicht zuletzt dadurch erklärbar, dass Yu’e Bao sechs Prozent Zinsen zahlt und damit etwa das Doppelte dessen, was chinesische Bankkonten maximal einbringen.

          Sie kennen die Kunden

          Apple erregte vor wenigen Wochen Aufsehen, als sich das Unternehmen auf dem viertägigen Fund Forum International in Monaco präsentierte. In der Branche wurde daraus der Schluss gezogen, dass sich der amerikanische Konzern in die Thematik Kapitalanlage einarbeitet.

          79 Prozent der von State Street befragten 400 Vermögensverwalter aus 23 Ländern gehen davon aus, künftig auch mit Marktteilnehmern wie Google und Apple im Wettbewerb zu stehen. „Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Technologie-Unternehmen wie Apple künftig ein hohes Interesse an der Vermögensverwaltung haben wird - genauso wie es heute heißt, dass Technologie-Unternehmen Autos bauen wollen“, sagt Jörg Ambrosius, Deutschland-Chef von State Street. Zumal sich mit dem Verwalten von Vermögen nach einer kürzlich vorgestellten Studie der Boston Consulting Group wieder ähnlich gutes Geld verdienen lässt wie vor der Finanzkrise - und weit mehr als in den meisten anderen Wirtschaftszweigen.

          Vor allem die Datenmengen, über die die möglichen neuen Konkurrenten verfügen, könnten ihnen Vorteile gegenüber den klassischen Vermögensverwaltern bringen. „Sie sind nah am Kunden“, sagt Ambrosius. Viele Informationen, die der Berater der Vermögensverwaltung erst mühsam erfragen muss und die der Kunde vielleicht gar nicht über sich preisgeben will, können Apple und andere Konzerne einfach aus dessen Nutzerprofil und -verhalten ablesen. „Sie haben viele und detaillierte Informationen über Konsumenten. Diese können ihnen auch dabei helfen, außerhalb ihres angestammten Bereiches erfolgreich zu sein.“ Und warum, fragt Ambrosius, sollte „ein Anbieter wie Amazon nicht auch Fonds verkaufen“?

          Mehr Vertrauen in Computer als Menschen

          Nicht nur auf der Vertriebsseite droht den Vermögensverwaltern neue Konkurrenz. Auch Softwareanbieter für Finanztechnologien mischen schon jetzt mit. Manche bieten Algorithmen zur Strukturierung des Portfolios, und Social-Trading-Plattformen ermöglichen es Anlegern, das Verhalten von Händlern eigenständig nachzubilden. Die Entwicklung werde dadurch begünstigt, dass gerade jüngere Leute lieber auf einer Computerplattform arbeiten, als sich mit einem Berater auseinanderzusetzen. „Die Erwartungshaltung im Markt ist, dass innerhalb der nächsten fünf Jahre deutliche Verschiebungen stattfinden können“, sagt Ambrosius. So erwarten fast alle von State Street Befragten eine Konsolidierung im Markt. 46 Prozent gaben sogar an, gerade konkrete Ziele für eine Akquisition im Blick zu haben.

          Dabei geht es nach Angaben von Ambrosius sowohl um den Zusammenschluss gleich großer Unternehmen zu einem größeren Spieler wie auch um die Übernahme kleiner Einheiten durch die größten Vermögensverwalter. „Am Ende werden sich in der Vermögensverwaltung auf der einen Seite die Großen durchsetzen, weil sie eine große Produktpalette anbieten können. Auf der anderen Seite werden die Nischenanbieter stehen, die sich auf spezialisierte und margenstarke Produkte konzentrieren.“ Gerade bei passiven Anlageprodukten wie ETF sei eine kritische Größe wichtig, um Skaleneffekte erzielen zu können.

          Dass die Kauflaune unter den Vermögensverwaltern gegenüber der Befragung des Vorjahres deutlich gestiegen ist, führt Ambrosius auf den allgegenwärtigen Optimismus in der Branche zurück. Denn trotz der vielfältigen Herausforderungen zeigen sich die befragten Anbieter wieder zuversichtlich, was ihr Geschäft betrifft. 88 Prozent sahen zum Zeitpunkt der Befragung im April und Mai Wachstumschancen in den kommenden zwölf Monaten.

          Das liegt nicht zuletzt daran, dass die einzelnen Investoren in Zeiten niedriger Zinsen ihre Anlagevolumina erhöhen. So müssen etwa Unternehmen wegen der niedrigen Erträge bei den Betriebsrenten nachschießen, um die einmal zugesagten Summen auszahlen zu können. Aber auch bei vielen Privatanlegern habe sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass sie dem Vermögensverwalter bei dem niedrigen Zinsniveau mehr Geld überlassen müssen, wenn sie die gleichen Erträge erzielen wollen.

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