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Nachhaltigkeitsfonds : In der Defensive

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Umweltthemen lassen sich leichter verkaufen und so finden als nachhaltig geltende Geldanlagen leichter Absatz. Doch tatsächlich geht der Trend zu Geldanlagen, die nur oberflächlich betrachtet verantwortungsvoll sind. Die Anlageklasse braucht neuen Schwung.

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          In der Bewegung der nachhaltigen Geldanlage macht sich Ernüchterung breit. Finanzprodukte, die auf den Klimawandel setzen, laufen Nachhaltigkeitsfonds derzeit den Rang ab. „Die Nachhaltigkeitsbranche tritt auf der Produktseite zurzeit etwas auf der Stelle“, sagt André Härtel, Nachhaltigkeitsexperte des Fondsanalysehauses Feri Euro-Rating Services in Bad Homburg. „Es beschäftigen sich zwar immer mehr Leute mit dem Thema, und es kommen neue Anbieter und Produkte dazu, aber die Dynamik findet derzeit in erster Linie bei Themenfonds statt, die in der Regel nicht wirklich nachhaltig sind.“

          Damit bestätigt Härtel für Deutschland einen Trend, der auch in der Schweiz zu sehen ist. Dort ergab eine Umfrage unter Fondsgesellschaften, dass diese ein weniger großes Interesse an Nachhaltigkeitsfonds sehen als an Themenfonds, die auf Umwelttechnologien setzen, auf erneuerbare Energien oder auf Wasser, Wald und Landwirtschaft (siehe Infografik).

          Themenfonds sind oft nur oberflächlich nachhaltig

          Diese Entwicklung ist für die Nachhaltigkeitsbewegung bedrohlich, weil Themenfonds sich zwar das Interesse der Anleger an einer Bewahrung der Ressourcen der Erde zunutze machen und vom Nachhaltigkeitsgedanken profitieren, oft aber ohne selbst nachhaltig zu sein. „Es stellt sich schon die Frage, wie nachhaltig eine Windkraftanlage ist, wenn man bedenkt, wie viel Beton für das Fundament benötigt wird, wie viel Stahl für den Träger und wie viel Glasfiber für die Rotoren“, sagt Christoph Butz, Nachhaltigkeitsexperte der Schweizer Privatbank Pictet. „Die Umweltbilanz eines Umwelttechnologie-Fonds fällt unter Umständen gar nicht so positiv aus, wie es ausschaut.“

          Nachhaltigkeit ist eines der großen Modethemen geworden. „Das ist längst kein Thema mehr, das nur Öko-Fundis interessiert“, sagt Sabine Döbeli, Nachhaltigkeitsexpertin der Schweizer Privatbank Vontobel. Kaum ein Unternehmen will heute nicht „nachhaltig“ Gewinn erzielen und kaum ein Politiker nicht „nachhaltig“ die Staatsfinanzen sanieren. „Der Begriff Nachhaltigkeit wird schon inflationär verwendet und häufig als schickes Synonym für dauerhaft benutzt“, beklagt Härtel.

          Erodierung mühevoll geschaffener Standards

          Die Anbieter von Nachhaltigkeitsprodukten haben große Anstrengungen unternommen, Definitionen und Standards zu finden: Ein nachhaltiges System nutzt seine Ressourcen so, dass es in seinen wesentlichen Eigenschaften auf natürliche Weise erhalten bleibt.

          Ursprünglich stammt der Begriff aus der Forstwirtschaft. Zwei Methoden wenden die Manager von nachhaltigen Geldanlagen an: Sie legen zum Teil Ausschlusskriterien fest wie Sklaven- und Kinderarbeit, Pornographie oder Drogen. Daneben hat die Branche ESG-Kriterien erarbeitet, wobei E für environment steht, S für social und G für (Corporate) Governance.

          Ein Unternehmen sollte somit auf ökologischer, sozialer und betriebswirtschaftlicher Ebene schonend und verantwortungsvoll mit seinen Ressourcen umgehen. Unternehmen, die für nachhaltige Investments in Frage kommen, werden regelmäßig von spezialisierten Ratingagenturen überprüft, inwieweit sie diesen Zielen näher kommen oder sie schon erfüllen. Im vergangenen Jahr waren in Europa rund 70 Milliarden Euro in etwa 700 Nachhaltigkeitsfonds angelegt.

          Am kritischen Punkt

          Dem Eindruck, die Nachhaltigkeitsidee werde aus dem kirchlichen Bereich vorangetrieben, trat jüngst Stephan Paul, Professor für Finanzierung und Kreditwirtschaft der Universität Bochum, entgegen: „Kirchen und Stiftungen legen relativ wenig in nachhaltigen Geldanlagen an“, sagte Paul unter Berufung auf eine Untersuchung der Union Investment. 55 Prozent aller Stiftungen und kirchlichen Einrichtungen achten demnach bei der Geldanlage ihrer Mittel nicht auf Nachhaltigkeitskriterien gegenüber 36 Prozent aller Anleger.

          Härtel sieht die Bewegung am Scheideweg: „Wenn nichts weiter geschieht, fürchte ich, dass das Thema Nachhaltigkeit doch nicht die Bedeutung bekommt, wie es die Anbieter erhofft hatten.“ Offenbar fällt es dem Vertrieb leichter, den Anlegern Klimawandelfonds zu verkaufen als die komplexeren Nachhaltigkeitsfonds.

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