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Nachhaltige Geldanlage : Grüner wird's nicht

  • -Aktualisiert am

Bild: Mart Klein und Miriam Migliazzi

Nach dem gescheiterten Klimagipfel von Kopenhagen wollen erst recht alle grün sein - auch bei den Anlegern. Ökologische Fonds und Anleihen schießen ins Kraut wie selten zuvor - doch Vorsicht: Es sind viele dubiose darunter.

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          Etwas Besseres hätte der Branche gar nicht passieren können: Erst die Krise und jetzt noch Kopenhagen. Dass sich die Staatschefs beim Weltklimagipfel nicht einigen konnten, tut der Sache nicht mal einen Abbruch, im Gegenteil. Das Grüne ist ins Bewusstsein gesickert. Viele wollen jetzt „irgendwie grüner“ werden, damit wenigstens einer mal damit anfängt. Und Produkte gibt es ja schon genug, auch für Sparer.

          Genau das ist das Problem der ökologischen Geldanlage: Fonds, Anleihen und Genussscheine, die Solaranlagen, Windparks oder Teakholzplantagen finanzieren, gibt es inzwischen so reichlich, dass der Anleger den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Über 300 Öko-Fonds sind allein im deutschsprachigen Raum auf dem Markt. Vor zwei Jahren, bevor der Finanzkrisen-Tsunami über die Welt schwappte, waren es nur etwas mehr als die Hälfte.

          Nachhaltigkeit ist nicht renditeärmer

          „Der Löwenanteil der grünen Geldanlage steckt aber gar nicht in Publikumsfonds“, sagt Robert Haßler, Vorstand der Ratingagentur Oekom Research. Sondern in Spezialfonds oder direkten Unternehmensbeteiligungen, die auch Privatanlegern offenstehen.

          Wie konnten sich die grünen Anlagen so rasant vermehren? Zum einen keimte in der Finanzkrise bei vielen der Wunsch, Geld nachhaltiger anzulegen. Sinnvoller, als es Superspekulanten hinterherzuwerfen. Zum anderen haben viele Studien gezeigt, dass Nachhaltigkeit und Rendite keine Widersprüche sind. „Früher sagten viele: Wer ökologisch anlegt, muss Renditeabschläge hinnehmen“, sagt Haßler, „das ist totaler Quatsch.“

          Bei gängigen Indizes ist die Nachhaltigkeit nachrangig

          Die Wertentwicklung der großen Nachhaltigkeitsindizes ähnelt denen breiter Aktienindizes, bestätigt Michael Schröder vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Tatsächlich gleichen sich die Kurse des Dow Jones Sustainability Index und des MSCI World bis aufs Haar (siehe Infografik).

          Das ist auch kein Wunder, weil der Dow Jones Sustainability genauso breit auf alle Branchen setzt: In ihm sind Autoaktien ebenso enthalten wie Chemie-, Pharma- oder Ölkonzerne. Er fährt den „Best-in-Class“-Ansatz und nimmt jeweils den Hersteller auf, der im Vergleich zur Konkurrenz am nachhaltigsten wirtschaftet, indem er etwa Umweltpapier und Energiesparlampen benutzt oder humane Arbeitsbedingungen schafft.

          Welche Produkte er herstellt, ist erst mal egal. Das kritisieren viele. Nachhaltigkeitsexperten raten deshalb: Bei der grünen Geldanlage sei ein aktiv gemanagter Fonds ausnahmsweise die bessere Wahl als ein passiver ETF auf den Sustainability Index.

          Natur-Aktien voran

          Doch es gibt einen grünen Index, der 30 internationale Unternehmen enthält, die wirklich ökologisch wertvolle Produkte herstellen wie Biolebensmittel, Windturbinen oder Halbleiter für Solaranlagen: den Natur Aktien Index (NAI). In ihm sind die deutschen Firmen Aixtron und Solarworld ebenso vertreten wie der japanische Fahrradhersteller Shimano.

          Wer sich die Wertentwicklung des NAI ansieht, zweifelt garantiert nicht mehr, ob grünes Geld Rendite bringt: Er sticht jeden anderen Index locker aus und legte seit 2001 satte 300 Prozent zu. Das alles spornt Anleger an.

          Die Umweltfonds der Namenlosen

          Aber dadurch treibt auch die Branche seltsame Blüten: „Es sind viele Anbieter auf dem Markt, die den Hype des Themas ausnutzen, um viele schlechte Produkte auf den Markt zu bringen“, kritisiert Martin Faust, Professor an der Frankfurt School of Finance und Experte für nachhaltige Geldanlage. So klebt mancher seinem Fonds das Etikett „Öko“ nur auf, ohne je zu erklären, nach welchen Kriterien er die Firmen dafür ausgewählt hat. „Wer als Sparer sozial engagiert ist und der Umwelt helfen will, ist oft unkritisch und lässt sich da schnell blenden“, warnt Faust.

          Skeptisch sollten Anleger immer dann sein, wenn sehr große oder völlig namenlose Gesellschaften „Umweltfonds“ auflegen, für die sie noch mit großem Marketingaufwand trommeln. Dann nämlich ist oft nur heiße Luft drin. Schon lange beackern das Thema Nachhaltigkeit dagegen die Bank Sarasin, Swisscanto, Scania und die österreichische Gesellschaft Kepler. Auch die grünen Fonds von Pioneer, Unicredit und der HVB-Gruppe kommen bei Branchenexperten an.

          Riskante kleine Geldanlagen

          Sparer sollten sich aber bewusst sein, dass nicht nur die Rendite sprießen kann, sondern auch die Gefahren wachsen: Sie investieren in eine enge Branche. In Firmen, die an neuen Techniken tüfteln, die keiner einschätzen kann und die genauso gut in fünf Jahren wieder verschwunden sein können.

          Wie schnell Öko-Firmen in Schieflage geraten, mussten Anleger schon oft erleben: Der bekannte Anbieter der „Solaranleihe“ EECH: pleite. Der größte Betreiber von Biogasanlagen Schmack: pleite. Der Waldanbieter Primeforestry: pleite. Die Zusammenbrüche sind besonders bitter, weil Zehntausende Sparer diesen Firmen direkt ihr Geld gaben, über Anleihen, Genussscheine und Geschlossene Fonds. Vielen ist nicht bewusst, dass sie damit Unternehmensbeteiligungen eingehen, bei denen sie an Gewinnen beteiligt werden, aber auch an Verlusten.

          Auch wenn solche Firmen oft mit ansehnlichen Zinsen locken: Der Windparkbetreiber Prokon ließ öfter mal die Anleger um die versprochene Rendite bangen. Daher rät Faust: „Wenn sich Anleger in Einzelfirmen engagieren, sollten sie das Geld mindestens über fünf oder sechs Firmen streuen.“ Wer das Geld nicht hat, ist mit einem Fonds oder einem grünen Tagesgeldkonto besser beraten.

          Nachhaltig anlegen

          1. Was ist Ihr Ziel? Ganz grün - oder erst mal nur ein bisschen? Zuerst sollten Sie sich fragen, wie viel Geld Sie zur Verfügung haben und ob Sie Ihre Geldanlage komplett auf ökologisch trimmen wollen. Das geht, wenn Sie ein Konto bei der Umweltbank oder GLS Bank eröffnen. Sie bieten auch Tagesgeldkonten an.

          2. Wen wollen Sie unterstützen? Soll das Geld in rein ökologisch wirtschaftende Unternehmen fließen? Oder möchten Sie auch internationale Konzerne unterstützen, die immerhin schon mehr Bewusstsein für die Umwelt entwickelt haben als andere? Im ersten Fall wäre der Natur Aktien Index das Richtige. Auf diesen setzt etwa der Green Effects NAI-Wertefonds (Isin IE0005895655). Allerdings gilt: Ob ein Solarzellenhersteller aus China wirklich umweltschonend produziert, garantiert keiner. Im zweiten Fall können Sie den Dow Jones Sustainability Index wählen. Er ist breit aufgestellt und bildet die wichtigsten amerikanischen Firmen ab. Er wird vom iShares DJ Eurostoxx Sustainability 40 (Isin: DE000A0F5UG3) abgebildet. Das senkt das Risiko. Er verspricht dafür auch keine Extra-Rendite. Wer will, kann mischen, rät Nachhaltigkeitsexperte Faust: 80 Prozent Sustainability Index, 20 Prozent NAI.

          3. Wie sicher wollen Sie anlegen? Wenn Sie eher vorsichtig anlegen wollen, ist ein Fonds die beste Wahl. Ausnahmsweise gilt: Besser keinen passiven Indexfonds. Fondsmanager kennen den grünen Markt gut und können Spreu von Weizen trennen. Ein ETF auf einen Nachhaltigkeitsindex kann das nicht. Wer bereit ist, hohes Risiko zu tragen, kann direkt in Firmen investieren. Aber die Gefahr von Verlusten ist groß. nadu.

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