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Mogelpackung : Das fiese Fonds-Spiel

Wo ETF draufsteht, ist nicht unbedingt ETF drin. Bild: Getty

Indexfonds (ETF) sind so populär wie nie. Jetzt kommen immer mehr ETF auf den Markt, die so heißen, aber die Idee pervertieren.

          5 Min.

          Menschen, die dabei waren, bestätigen, dass man sich die Sache in etwa so vorstellen kann: In den Konferenzräumen der Fondsgesellschaften dieser Welt kommt immer häufiger eine spannende Übersicht auf den Tisch. Sie zeigt die enorme Popularität von sogenannten Exchange Traded Funds (zu Deutsch: börsengehandelte Indexfonds), mittlerweile besser bekannt unter dem Kürzel ETF. Waren vor zehn Jahren gerade einmal Gelder in Höhe von rund 600 Milliarden Dollar in diesen Fonds angelegt, sind es heute mehr als 3000 Milliarden - eine fast schon unheimliche Steigerung um mehr als 400 Prozent. In keinem anderen Bereich erzielt die Investmentbranche derart gigantische Zuwachsraten. Spätestens nach dieser Erkenntnis kommt darum in den Konferenzzimmern der Fondsgesellschaften stets die Frage auf: Warum machen wir das nicht auch?

          Dennis Kremer
          Redakteur im Ressort „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Hinter dem seltsam klingenden Kürzel ETF verbirgt sich ein einleuchtendes Prinzip. Die Fonds zeichnen die Wertentwicklung von Aktienbarometern wie beispielsweise des Dax exakt nach. Steigt der Dax also um drei Prozent, gewinnt auch der ETF drei Prozent hinzu; verliert der Dax zwei Prozent, verliert auch der ETF zwei Prozent. Einfacher geht es nicht, wissenschaftlich fundierter auch nicht. Setzen ETF doch eine grandiose Erkenntnis des Ökonomie-Nobelpreisträgers Eugene Fama in die Praxis um: Auf Dauer kann niemand, auch nicht der klügste Fondsmanager, bessere Ergebnisse erreichen als der Aktienmarkt als Ganzes. Darum kommen ETF ohne Fondsmanager aus.

          All dies hat dazu geführt, dass auch viele Privatanleger ihr Geld nicht mehr klassischen Fondsmanagern anvertrauen (für die sie überdies hohe Gebühren zahlen müssen), sondern Gesellschaften wie Blackrock - mit der Marke iShares der größte ETF-Anbieter der Welt. Viele traditionelle Fondsgesellschaften ärgert dies natürlich maßlos. Darum drängen sie nun mit Macht auf den Markt für Indexfonds.

          Angefangen hat die Sache, wie so häufig in der Finanzbranche, natürlich in Amerika. Dort haben in den vergangenen Monaten nacheinander Goldman Sachs, Franklin Templeton und Morgan Stanley erklärt, dass sie nun ins ETF-Geschäft einsteigen wollen. Noch sind viele ihrer neuen Fonds zwar nicht in Europa erhältlich, aber auch hierzulande tut sich viel: Kaum eine Woche vergeht, ohne dass nicht ein neuer ETF aufgelegt wird. Von der Deutsche Bank-Marke db x-trackers über die französischen Anbieter Amundi und Lyxor bis hin zu iShares kämpfen in Deutschland mehr als zehn Anbieter um die Aufmerksamkeit der Kunden.

          Was hinter den Pseudo-ETF steckt

          Das Unangenehme ist nur: Die Anleger haben von diesem neuen Wettbewerb erst einmal gar nichts, so paradox es sich zunächst auch anhören mag. Denn die ETF, die sowohl die etablierten als auch die neuen Anbieter derzeit überwiegend auf den Markt bringen, haben außer dem Etikett nicht mehr viel mit jenen einfachen Indexfonds zu tun, die ETF zu einer so sinnvollen Anlageart gemacht haben. Sie sind vielmehr, man muss dies so hart sagen, in den meisten Fällen eine weitgehende Pervertierung des ursprünglichen ETF-Prinzips: Sie sind kompliziert gestrickt, nicht einfach. Sie sind teurer, nicht billig. Und was das Frappierendste ist: Sie stellen auf einmal wieder in Aussicht, dass es eben doch möglich sei, besser abzuschneiden als der Markt - so als wären Nobelpreisträger Fama und seine Forschungen gar nicht existent. ETF, die besser sind als der Markt, kann es nämlich eigentlich per Definition nicht geben, wenn man Fama folgt.

          Wie hat man sich diese neuen, merkwürdigen Konstruktionen nun konkret vorzustellen? Nehmen wir eine Gattung dieser falschen ETF, die die Anbieter gerade mit Freude herausbringen: Es handelt sich um sogenannte Multi-Faktor-ETF, was sich zugegebenermaßen gar nicht schlecht anhört. Dahinter steckt Folgendes: Die ETF-Entwickler betrachten jeweils unterschiedliche Untergruppen von Aktien, die sich alle durch eine bestimmte Eigenart (den „Faktor“, wie sie es nennen) voneinander unterscheiden. Dabei kann es sich um Aktien handeln, die derzeit besonders günstig oder unterbewertet sind, wofür sich der Name „Value“ eingebürgert hat. Es können auch Aktien von Firmen mit eher geringerem Börsenwert sein, sie hören ironischerweise auf den Namen „Size“ (zu Deutsch: Größe). Oder Aktien, deren Kurs nur wenig schwankt (gerne als „Low Vola“ bezeichnet). Es ist ein Leichtes, bei dieser Vielzahl von Begriffen den Überblick zu verlieren, und vielleicht ist dies sogar gewollt: Möglichst kein Kunde soll ja auf die Idee kommen, auf Anhieb die Wertentwicklung einer Aktienart in seinem ETF mit der Wertentwicklung eines einfachen Aktienbarometers wie des Dax zu vergleichen. „Multi-Faktor-ETF sind komplexe Finanzprodukte“ sagt Ali Masarwah vom Fondsanalysehaus Morningstar. Sie stehen damit im krassen Widerspruch zur ursprünglichen ETF-Idee.

          Bild: F.A.Z.

          Die Fondsgesellschaften kümmert das wenig. In einem zweiten Schritt mischen sie nun lieber die verschiedenen Faktoren miteinander ab. Sie entscheiden also, wie viel Gewicht beispielsweise die Value-Aktien im Vergleich zu den Size-Aktien und Low-Vola-Aktien im ETF einnehmen sollen. Anders gesagt: Man bastelt sich einen neuen Index. Dann müssen die Fondsgesellschaften den Computer nur noch beauftragen, diesen Index stets aufs Neue zu berechnen, und fertig ist der neue Multi-Faktor-ETF.

          Was so problemlos klingt, weist in Wahrheit ein ganzes Bündel an Schwierigkeiten auf. Beginnen wir bei den Begriffen, die dem ETF zugrunde liegen: Es gibt keine einheitliche Definition von Value- oder Size-Aktien - jeder Anbieter kann hier nach eigenem Gutdünken vorgehen. Dies mag angenehm für die Fondsgesellschaften sein, ist aber für Anleger mindestens lästig. Müssen sie sich doch jedes Mal mühsam darüber informieren, was die jeweilige Fondsgesellschaft darunter versteht. Das wäre ja noch machbar. Vor allem eine Aktienart, von der bislang noch nicht die Rede war, verdeutlicht aber die ganze Absurdität des Ansatzes. Es geht um den Faktor „Quality“, also um Qualitätsaktien, die seit neuestem in kaum einem Multi-Faktor-ETF mehr fehlen dürfen. Doch selbst erfahrene Investmentprofis rätseln darüber, welche Aktien damit im jeweiligen Fall gemeint sein können. Qualität kann schließlich vieles sein. Was zeigt, wie wahllos und mit welch fehlender Trennschärfe die Fondsgesellschaften solche Begriffe verwenden.

          Das ist aber noch längst nicht das größte Problem dieser neugeschaffenen ETF. Noch unerfreulicher für die Anleger ist, dass die Fonds durch ihre sehr spezielle Aktienauswahl nur noch bestimmte Ausschnitte des Aktienmarktes abbilden. Sie gehen somit die Wette ein, dass diese Teile des Marktes sich besser entwickeln werden als der Markt als Ganzes. Anders formuliert: Es handelt sich um den Versuch, den Markt zu schlagen - das genaue Gegenteil der ursprünglichen ETF-Idee und nahezu ein Ding der Unmöglichkeit.

          Kompliziert und teuer

          Nun sind auch traditionelle Aktienbarometer nicht über alle Zweifel erhaben (der Dax beispielsweise bildet ja auch nur die Wertentwicklung von gerade einmal 30 deutschen Aktiengesellschaften ab), und es kann sogar sein, dass einige der neuen Strategien eine Zeitlang richtig gut laufen. Trotzdem weisen sie im Vergleich zu Indizes wie beispielsweise dem MSCI World mit mehr als 1600 Unternehmen erhebliche Schwächen auf. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Zu den Value-Aktien zählen in der Regel jene Aktien, die unter ihrem Buchwert notieren, die vereinfacht gesagt also unfassbar billig sind. Das Blöde ist nur: Aktuell würde eine Auswahl von Value-Aktien für einen ETF vor allem auf eine Zusammenstellung von Bankaktien hinauslaufen, deren Kurse in diesem Jahr massiv gefallen sind - ein Klumpenrisiko.

          Beispiel zwei: „High Dividend“-Aktien (also Aktien mit hohen Dividendenausschüttungen, gemessen am Kurs) sind ebenfalls eine gerne genommene Kategorie für die Multi-Faktor-ETF. Doch auch dieses Kriterium kann zu einer seltsamen Aktienauswahl führen - angeschlagene Energiekonzerne wie Eon erhalten hier nämlich üblicherweise ein hohes Gewicht, weil ihre mickrige Dividende im Angesicht der katastrophalen Kursentwicklung immer noch verhältnismäßig hoch erscheint.

          Die Anbieter argumentieren nun gerne: Gerade darum seien Multi-Faktor-ETF so sinnvoll, weil sie die Schwächen der einzelnen Aktienarten durch die Zusammenstellung verschiedener Stile kompensieren würden. Dies mag unter Umständen sogar so sein. Aber man muss sich klarmachen, was dahintersteckt: Wer verschiedene Stile miteinander kombiniert, muss entscheiden, in welcher Gewichtung er dies tut. Läuft Value derzeit besser als Size? Oder sollen alle Stile im Portfolio den gleichen Anteil erhalten, bei fünf Stilen also jeweils 20 Prozent? Wie man es auch dreht und wendet: Mit passivem Anlegen, wie das Investieren in ETF auch gerne genannt wird, hat dies nichts mehr zu tun. Hier trifft die Fondsgesellschaft ganz bewusst die Entscheidung darüber, was das vermeintlich beste Mischungsverhältnis wäre. Doch woher in aller Welt sollte die Fondsgesellschaft diese Wunderformel haben?

          Womit wir beim eigentlichen Grund für den ganzen Aufwand wären: Den Anbietern kommt zupass, dass sie für die neuen, vermeintlich innovativen Multi-Faktor-ETF mehr Gebühren verlangen können als für klassische ETF. Kosten von 0,4 oder 0,5 Prozent klingen zwar nicht nach viel, sind aber vier bis fünf Mal so hoch wie bei einem typischen Dax-ETF. Ein gewaltiger Aufschlag.

          Die Anleger sollten dieses Spiel nicht mitmachen. So sinnvoll es auch ist, im eigene Portfolio auf einfache ETF (wie beispielsweise auf den MSCI World) zu setzen: Die neuen ETF sollten auf keinen Fall einen Platz darin finden.

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