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Verantwortungsbewusste Geldanlagen : Nachhaltigkeitsinvestoren werden aktiver

  • -Aktualisiert am

Schutz von Natur und Mensch: Nachhaltige Geldanlagen sind eine internationale Bewegung geworden Bild: dpa

Investoren fordern von Unternehmen, an denen sie sich beteiligen, Mitsprache und eine nachhaltige Unternehmenspolitik. Warum ist in Deutschland bisher noch so wenig davon zu sehen?

          Nachhaltige Geldanlagen - das klingt für viele nach Gesundheitsschuhen und handgestrickten Wollpullovern. Dieses Bild ist überholt. Allein in Deutschland ist der Markt für nachhaltige Geldanlagen im vergangenen Jahr auf 30,9 Milliarden Euro gestiegen, geht aus Zahlen des Forums für Nachhaltige Geldanlagen in Berlin hervor.

          Das Volumen scheint geradezu mickrig im Vergleich zu den 2,1 Billionen Euro, die laut dem Fondsbranchenverband BVI die in Deutschland aktiven Fondsgesellschaften Ende 2013 verwaltet haben. Genau 1,4 Prozent der Mittel, die in Deutschland die Fondsbranche verwaltet, lägen somit in Nachhaltigkeitsfonds.

          Tatsächlich jedoch haben sich Nachhaltigkeitsinvestoren in den vergangenen Jahren gewandelt. Sie durchforsten nicht mehr den Kurszettel der internationalen Börsen, um die wenigen Unternehmen zu finden, die glaubhaft am Erhalt der Umwelt arbeiten, faire Arbeitsverhältnisse anstreben, Minderheitsaktionäre anständig behandeln und auch sonst nicht versuchen, ihren Mitmenschen und der Welt allzu sehr zu schaden. Immer mehr engagieren sich die Verwalter nachhaltiger Geldanlagen als aktive Aktionäre in den Unternehmen, ohne dass sie dafür Investmentfonds auflegen, denen sie den Stempel „nachhaltig“ aufdrücken.

          Eine Steigerung um mehr als die Hälfte in fünf Jahren

          „Wir als Aktionäre haben eine Verantwortung, in den Unternehmen auf Nachhaltigkeit hinzuwirken“, sagt Matthias Beer, der im Bereich Nachhaltigkeit der Londoner Fondsgesellschaft F&C arbeitet. Früher sei es üblich gewesen, dass eine Fondsgesellschaft ein paar Nachhaltigkeitsfonds auflegt, die neben den klassischen Fonds existierten. Heute geht der Trend zu einem integrierten Ansatz. Dabei achten die Fondsmanager nach wie vor auf Mindeststandards im Bereich Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Doch anstatt zu versuchen, die wenigen Unternehmen herauszufiltern, die positiv auffallen, beabsichtigen die Fondsgesellschaften stärker, auf die Unternehmensführung einzuwirken, Nachhaltigkeitsbelange besser zu berücksichtigen.

          Dieser Ansatz gewinnt zusehends an Bedeutung und macht mittlerweile einen Großteil nachhaltiger Geldanlagen aus. Klassische Nachhaltigkeitsfonds dagegen verlieren an Bedeutung.

          Knapp 80 Milliarden Euro haben die Deutschen im vergangenen Jahr nachhaltig angelegt, geht aus Zahlen des Forum Nachhaltige Geldanlagen hervor. 49 Milliarden Euro liegen in Einlagen, beispielsweise von Bankkunden. Investmentfonds und Mandate machen 30,9 Milliarden Euro aus. Das ist gegenüber Ende 2009 eine Steigerung um mehr als die Hälfte. Privatanleger machen nur einen geringen Teil nachhaltiger Investments aus. Den Markt dominieren professionelle Anleger wie Versicherer, Banken oder Einrichtungen zur Altersvorsorge. Sie haben im vergangenen Jahr Mandate für nachhaltige Anlagestrategien im Volumen von 18,2 Milliarden Euro vergeben und wahrscheinlich auch einen großen Teil der 12,7 Milliarden Euro gezeichnet, die in Investmentfonds angelegt sind.

          Klassische Nachhaltigkeitsstrategien beruhen beispielsweise auf dem Ausschluss von Unternehmen, die mit Waffen handeln, in der Werbung zu viel nackte Haut zeigen oder dem Konsum von Alkohol Vorschub leisten. Diese Gutmenschenstrategien sind nur ein Teil des Anlageuniversums. Daneben haben offensivere Strategien an Terrain gewonnen, die auf dem Engagement als Aktionär, dem Einsatz von Stimmrechten auf Hauptversammlungen oder Integration beruhen. In diesen Strategien liegen in Deutschland gut 30 Milliarden Euro. Das ist mehr als ein Drittel des gesamten Volumens des deutschen Marktes für nachhaltige Geldanlagen. Doch damit ist ihre Bedeutung im internationalen Vergleich gering.

          Die britische Fondsgesellschaft F&C beispielsweise verwaltet umgerechnet nur 4,1 Milliarden Euro in ausgesprochenen Nachhaltigkeitsfonds. Das ist nur ein kleiner Teil des Vermögens von gut 100 Milliarden Euro, das F&C insgesamt betreut. Hinzu kommen jedoch Engagement-Mandate für externe Kunden von 74,5 Milliarden Euro und für interne Fonds oder Vermögensverwaltungsmandate von 35 Milliarden Euro. Das Beispiel zeigt, wie sehr die Nachhaltigkeitsbranche heute weit über die reinen Nachhaltigkeitsfonds in die Wirtschaft hineinwirkt.

          „Wichtig ist jetzt, dass wir in der Nachhaltigkeitsbranche zu gemeinsamen Standards und einer größeren Transparenz kommen“, sagt Beer. Der Nachhaltigkeitsexperte zeigt sich in dieser Hinsicht zuversichtlich. Die Initiative UN PRI, die im Auftrag der Vereinten Nationen für nachhaltige Geldanlagen auf der ganzen Welt arbeitet, zählt schon 1.260 Unterzeichner, die zusammen auf ein verwaltetes Vermögen von 45 Billionen Dollar kommen.

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