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Makroökonomie : Die Fed in der Zwickmühle

  • -Aktualisiert am

Fed-Präsident Bernanke: Zinsen doch weiter nach oben? Bild: AP

Während die Krise auf dem Häusermarkt anhält, sieht der amerikanische Notenbankchef die Inflation als größeres Risiko, will sagen: mit Zinssenkungen ist vorerst nicht zu rechnen. Hoffnung und Sorge macht eine mögliche Konjunkturerholung.

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          Einige Zeit lang sah es so aus, als wäre die Krise auf dem amerikanischen Häusermarkt für die Zentralbank der Vereinigten Staaten (Fed) in diesem Jahr Thema Nummer eins, nachdem sich das gesamtwirtschaftliche Wachstum abgeschwächt hatte und die Inflation (weitgehend) unter Kontrolle war.

          Die Finanzmärkte schienen auf mögliche Zinssenkungen im späteren Jahresverlauf zu spekulieren. Diese Einschätzung wurde in den vergangenen Tagen jedoch durch stärker als erwartet ausgefallene Arbeitsmarktzahlen und Einkaufsmanager-Indizes sowie von den Äußerungen des Notenbankpräsidenten Ben Bernanke am Dienstag über den Haufen geworfen.

          Häusermarkt nicht mehr das größte Sorgenkind?

          Der Notenbankchef spielte den Ernst der Lage auf dem amerikanischen Häusermarkt nicht herunter. Im Gegenteil. In einer Rede anlässlich der International Monetary Conference in Kapstadt räumt Bernanke ein, dass diese Krise länger anhalten werde, als bislang angenommen (vgl. auch Das Problem ist nicht der Subprime-Sektor).

          Nach Ansicht von Bernanke werde die Schwäche dieses Sektors die übrige Wirtschaft allerdings nicht nach unten ziehen. Der Fed-Präsident sagte, dass die Zentralbank die Inflationsentwicklung weiterhin im Blick behalte, da „nach wie vor Aufwärtsrisiken bestehen“. Die Finanzmärkte schienen mit diesen Äußerungen indes nicht gerechnet zu haben; der Dow Jones Industrial Average Index gab noch am selben Tag 81 Punkte ab.

          Im Wirtschaftsausblick der vergangenen Quartale war der Häusermarkt stets das größte Sorgenkind der Fed. Angesichts eines starken Rückgangs der Wohnungsbauaktivitäten, rückläufiger Hausverkäufe und sinkender Eigenheimpreise hielten die Geldpolitiker Ausschau nach Zeichen einer Eintrübung der Konsumlaune und einer Zurückhaltung der Unternehmen bei Personaleinstellung und Investitionsausgaben.

          Diese Sorgen scheinen sich nun zu zerstreuen. In seinem Kommentar sagte Bernanke, dass „wir bislang keine bedeutenden Auswirkungen der Häusermarktschwäche auf andere Wirtschaftszweige beobachten“. Er erwarte, dass die Konjunktur an Fahrt gewinnen werde und sich das Wirtschaftswachstum gegen Jahresende in der Nähe der Trendrate - die Ökonomen bei etwa drei Prozent sehen - bewegen dürfte.

          Rückzug an der Prognose-Front

          Der Notenbankpräsident geht zwar von einer anhaltenden Krise auf dem Häusermarkt aus, seine geäußerten Wachstumserwartungen implizieren jedoch, dass nicht mit einer Fortsetzung des in den vergangenen drei Quartalen beobachteten Rückgangs des Sektors zwischen 15 und 20 Prozent gerechnet wird. Auf Grundlage der vorläufigen Daten für das zweite Quartal scheint es tatsächlich Anzeichen dafür zu geben, dass der Abwärtsdruck auf dem Häusermarkt nachlässt. Die Ökonomen von JPMorgan Chase erwarten, dass die Wohnungsbauaktivitäten im zweiten Quartal um lediglich acht Prozent sinken könnten.

          Gleichzeitig präsentierte sich das Wirtschaftswachstum außerhalb des Bausektors stärker als gedacht. Der Arbeitsmarktbericht für Mai übertraf die Erwartungen und robustere Arbeitsmärkte dürften unterstützend auf solide Verbraucherausgaben angesichts gestiegener Benzinpreise einwirken. Darüber hinaus zeigen die ISM-Einkaufsmanager-Indizes für das verarbeitende Gewerbe und für den Dienstleistungssektor eine Belebung der Wirtschaftsaktivität und eine gestiegene Auslandsnachfrage.

          Die jüngsten Zahlen veranlassten die Ökonomen zur Korrektur ihrer Prognosen des Wirtschaftswachstums und der geldpolitischen Aussichten. In einer Studie schrieb Jan Hatzius, Chefvolkswirt bei Goldman Sachs: „Wir nehmen unsere Prognose einer Zinssenkung der Notenbank im Jahr 2007 zurück“. Daneben erhöhte er seine Schätzungen des Bruttoinlandsprodukts im zweiten Quartal von zwei auf drei Prozent und im dritten Quartal von zwei auf zweieinhalb Prozent.

          Zinserhöhung statt - senkung?

          Auch David Rosenberg, Chefökonom für Nordamerika bei Merrill Lynch, zog seine lange postulierte Prognose bevorstehender Zinssenkungen zurück, und geht nun von einer Beibehaltung des Zinsniveaus von 5,25 Prozent aus.

          Hatzius und Rosenberg scheinen allerdings nicht die einzigen zu sein, die ihre Einschätzungen zukünftiger geldpolitischer Schritte revidieren. Die Rendite der zweijährigen amerikanischen Staatsanleihen befindet sich im Aufwind und nach Angaben des Finanzdienstleisters Bloomberg zeigt der Optionshandel mit Futures auf den amerikanischen Tagesgeldsatz, dass eine zunehmende Zahl von Anlegern auf eine Zinsanhebung vor Jahresende wettet.

          Sollte sich die Konjunktur schneller und stärker als bislang erwartet erholen, könnte dies sämtliche Überschusskapazitäten der Wirtschaft in kürzester Zeit abbauen und die Arbeitslosigkeit verringern. Dies würde die Risiken eines zunehmenden Preisdrucks erhöhen, während die Inflation über dem von der Fed gewünschten Niveau bleiben würde. Bei weiteren Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung ist daher zu erwarten, dass die Fed dem Häusermarkt weniger Beachtung schenken und ihr Augenmerk stattdessen stärker auf die Entwicklung der Preissteigerung richten dürfte.

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