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Leitzinsen : Bernankes Dilemma

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Die Zinsen senken...? Bild: AP

Die Märkte rufen nach Zinssenkungen. Doch eine schwache Produktivitätssteigerung in den Vereinigten Staaten und ein starkes globales Wachstum könnten den Spielraum der amerikanischen Notenbank einschränken.

          6 Min.

          Der Häusermarkt liegt am Boden, die Kreditmärkte sind in Unruhe, der Arbeitsmarkt befindet sich mit einem Verlust von 4.000 Stellen im August im Kriechgang, und die Wall Street fordert den amerikanischen Notenbankpräsidenten Ben Bernanke lautstark auf, den Leitzins deutlich zu senken, um die Wirtschaft anzukurbeln.

          Investoren, Eigenheimbesitzer und Beschäftigte könnten jedoch enttäuscht werden, wenn sie mehr als eine oder vielleicht zwei kleine Leitzinssenkungen erwarten. Zum entscheidenden Zeitpunkt seiner Karriere als Notenbankpräsident kämpft sich Bernanke seinen Weg durch einen dichten und auf keiner Karte verzeichneten Wirtschaftsdschungel. Solange der Arbeitsmarkt nicht ins Bodenlose stürzt oder es zu einer anderen wirtschaftlichen Katastrophe kommt, wird er sich in den kommenden Monaten vermutlich sehr zurückhaltend zeigen.

          Die einst nach innen gewandte und vom Verarbeitenden Gewerbe dominierte amerikanische Wirtschaft wird nun vom Dienstleistungssektor geprägt und ist eng mit dem Rest der Welt verflochten. Dies bedeutet, dass die Pläne des Notenbankpräsidenten die Gesundheit der Weltwirtschaft einbeziehen müssen - und die war bislang robust. „Wir haben die Wachstumsprognosen für die Vereinigten Staaten nach unten und für den Rest der Welt nach oben korrigiert“ erklärt Tim Condon, leitender Volkswirt bei ING in Singapur.

          ...bloß um wieviel...?

          Fed kann Wachstum ankurbeln...

          Von gleichrangiger Bedeutung ist, dass Bernanke widersprüchliche Signale hinsichtlich des langfristigen Wachstums der Produktivität oder der Produktionsleistung pro Arbeitsstunde, womöglich der wichtigste statistische Einzelfaktor zur Festlegung der Geldpolitik, erhält. Laut einer von „Business Week“ durchgeführten Befragung von sechs führenden Volkswirten wird ein langfristiger jährlicher Produktivitätsanstieg von 2,25 bis 2,5 Prozent erwartet. Dies ist weniger als die für das Jahr 2004 erwarteten 2,75 Prozent, als „Business Week“ dieselbe Frage stellte, im historischen Vergleich jedoch noch immer recht robust.

          „Für die Fed bedeutet das, dass die potentielle Produktion über der tatsächlichen Produktion liegt“, so Dale W. Jorgenson, Wirtschaftwissenschaftler an der Universität von Harvard. Mit anderen Worten: In der Wirtschaft sind noch immer ausreichende Kapazitäten vorhanden, um den Unternehmen die Produktionsausweitung zu ermöglichen, ohne dabei die Inflation anzutreiben. Dies bedeutet wiederum, dass die Fed das Wachstum durch Zinssenkungen ankurbeln kann.

          ...aber es gibt auch Gefahren

          Für Bernanke und die Fed gibt es jedoch auch beunruhigende Anzeichen dafür, dass dem Produktivitätsboom der vergangenen zehn Jahre die Luft ausgehen könnte. Die Ökonomen rechneten für die Zukunft mit Produktivitätswachstum, die jüngste Geschichte sah indes weniger rosig aus. Die Produktion außerhalb der Landwirtschaft als Durchschnittswert der vergangenen vier Quartale ist gegenüber dem Vorjahr nur um 0,5 Prozent gestiegen, was dem geringsten Wachstum seit Mitte der 1990-er Jahre entspricht. Sollte ein derart langsamer Produktivitätsanstieg anhalten, könnte es für Bernanke extrem schwierig werden, ein nachhaltiges Zinssenkungsprogramm zu starten.

          Tatsächlich liegt die große Gefahr für Bernanke darin, dass den Vereinigten Staaten eine Umkehr des Verlaufsmusters der vergangenen Jahre bevorstehen könnte, als der Produktivitätsanstieg die größte Stärke der Vereinigten Staaten war. Dieses Wachstum führte zu höheren Reallöhnen in den 1990-er Jahren und zu steigenden Gewinnen in diesem Jahrzehnt. Ein starkes Produktivitätswachstum zog auch ausländische Investoren an die amerikanischen Aktien- und Rentenmärkte, was für niedrige Zinsen sorgte und zugleich Befürchtungen über das enorme Handelsdefizit minderten.

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