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Lehman Brothers : Zertifikaten droht Totalausfall

Noch offen, wie es mit Zertifikaten weitergeht! Bild: dpa

Den Besitzern der mehr als 200 in Deutschland gehandelten Zertifikate von Lehman Brothers droht nach dem Insolvenzantrag der Totalverlust. Fondsbesitzer müssen sich dagegen keine unmittelbaren Sorgen machen.

          Den Besitzern der mehr als 200 am deutschen Markt gehandelten Lehman-Brothers-Zertifikaten droht der Totalverlust ihres eingesetzten Geldes, nachdem die in den Vereinigten Staaten beheimatete Investmentbank am Montag Insolvenzantrag stellte. Zertifikate, die von der Gesellschaft in Deutschland emittiert wurden, sind Inhaberschuldverschreibungen und als solche im Insolvenzfall nicht geschützt.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          „Das Risiko eines Zahlungsausfalls für die Zertifikatebesitzer ist hoch“, sagt Carsten Heise, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). „Im Fall Lehman können Anleger nur warten, ob die Bank vor der Fälligkeit der Zertifikate wieder aus der Insolvenz herausfindet, denn als Gläubiger steht man hintenan“, fügt DSW-Hauptgeschäftsführer Ulrich Hocker hinzu.

          Fonds sind insolvenzsicher, Zertifikate nicht

          Wer die betroffenen Zertifikate am Montag schnell noch verkaufen wollte, wurde enttäuscht. „Sämtliche Produkte mit Basiswert Lehman Brothers oder von Lehman Brothers emittierte Papiere können bis auf weiteres nur sehr eingeschränkt oder überhaupt nicht gehandelt werden“, teilte die Börse Stuttgart mit. Auch auf der Scoach-Plattform werden die Produkte von Lehman Brothers „bis auf weiteres“ nicht gehandelt. Wie es mit den Zertifikaten von Lehman nun weitergeht, vermochte die Investmentbank noch nicht zu sagen.

          Eine rechtliche Handhabe gegen das Vorgehen der Emittenten und den möglichen Kapitalausfall gibt es nach Ansicht von Juristen nicht - selbst wenn in den Werbebroschüren häufig von Garantien und „100 Prozent-Kapitalschutz“ die Rede ist. Unter den Produktrisiken verweisen alle Emittenten von Zertifikaten darauf hin, dass der Anleger das Kreditrisiko des Emittenten trägt. Rechtlich kauft er eine Inhaberschuldverschreibung und wird somit Gläubiger des Zertifikate-Emittenten.

          Anders ist dies bei Fonds. Diese stellen ein Sondervermögen dar, das im Insolvenzfall vom sonstigen Vermögen der auflegenden Gesellschaft getrennt und damit vor fremdem Zugriff geschützt wird. Auch Aktiendepots nehmen von der Insolvenz der Depotbank keinen Schaden. Sparbücher und Festgelder sind zumindest teilweise durch Einlagensicherungssysteme geschützt. „Dem Anleger wird durch das traurige Beispiel von Lehman deutlich vor Augen geführt, dass es für Zertifikate einen sehr viel geringeren Schutz gibt als bei den meisten anderen Finanzprodukten“, sagt Heise.

          Mangelnde Handelbarkeit ist ein weiterer Nachteil der Zertifikate

          Neben dem Bonitätsrisiko wurde am Montag aber auch ein zweiter großer Nachteil von Zertifikaten offenbar: die mangelnde Handelbarkeit. Neben den Lehman-Zertifikaten konnten nämlich auch zahlreiche andere Produkte nicht gehandelt werden. So vermeldete zum Beispiel mit der Commerzbank das Geldhaus mit den meisten Produkten am Markt, dass sie zumindest von 9 bis 16 Uhr für alle Zertifikate, die eine amerikanische Bank als Basiswert haben, keine Kurse stellen werde.

          Andere Emittenten wie die UBS gaben an, für jegliche Zertifikate mit amerikanischen Basiswerten keine Kurse stellen zu können. Damit entstand für die Anleger dieselbe unbefriedigende Situation wie im Januar, als ebenfalls in unruhigen Marktphasen nur eingeschränkt Zertifikate gehandelt werden konnten. Unter den Produktrisiken heißt es bei fast allen Emittenten, dass der Emittent beabsichtigt, aber nicht verpflichtet ist, Preise für seine Produkte zu stellen.

          Neben der Insolvenz von Lehman sorgte auch die Übernahme von Merrill Lynch durch die Bank of America für Aufsehen am Zertifikatemarkt. Merrill ist mit 700 Produkten ein deutlich größerer Marktteilnehmer als Lehman. Was genau aus diesen Zertifikaten wird, vermochte bei Merrill Lynch noch niemand zu sagen. Die Bank of America ist bisher noch nicht auf dem deutschen Zertifikatemarkt aktiv. Ein Kapitalausfall droht jedoch nicht, da Merrill Lynch nicht insolvent ist, sondern nur einen neuen Eigentümer bekommt. Als im Frühjahr JP Morgan die taumelnde Investmentbank Bear Stearns übernahm, hat sie auch deren 80 Zertifikate mit übernommen.

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