https://www.faz.net/-gv6-13rs9

Lebenszyklusfonds : Langläufer mit kurzem Atem

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Lebenszyklusfonds sollten Anleger in die Rente begleiten. Doch die ersten schließen jetzt schon. Schade, denn die Idee war gut.

          Ein junger Anleger hat viel Zeit bis zum Rentenalter und kann sich deshalb eine hohe Aktienquote im Depot leisten. Ein älterer Anleger wird hingegen seine Geldanlagen Stück für Stück in Anleihen umschichten, um nicht kurz vor dem Renteneintritt in einen Aktiencrash zu geraten. Das ist das kleine Einmaleins eines jeden Anlegers.

          Doch nicht jeder will sich um die Umschichtung von riskanten in sichere Geldanlagen selbst kümmern müssen. Dafür gibt es sogenannte Lebenszyklusfonds. Diese auch Lifecycle- oder Zielfonds genannten Produkte sind langfristig auf ein bestimmtes Enddatum für die Geldanlage ausgerichtet. Die Fondsmanager fahren das Risiko im Zeitablauf herunter, damit das Ersparte nicht kurz vor dem Ablaufdatum durch einen Aktiencrash verloren geht.

          Kaum Interesse

          Doch das Interesse der Anleger ist trotz dieser an sich guten Idee sehr gering. J.P. Morgan reagierte als Erster: Die fünf Lebenszyklusfonds mit Laufzeiten bis 2035 sind seit Anfang des Monats geschlossen. „Die Entscheidung erfolgte wegen des niedrigen verwalteten Vermögens“, begründet Charles Neus, Geschäftsleiter bei J.P. Morgan Asset Management, den Beschluss.

          Zwischen sechs und sieben Millionen Euro verwalteten die Fonds jeweils. Um wirtschaftlich gemanagt werden zu können, sei mindestens das Doppelte erforderlich gewesen. Die Aussichten, in nächster Zeit ausreichende neue, für ein effizientes Portfoliomanagement notwendige Mittelzuflüsse zu bekommen, seien schlecht gewesen, so Neus.

          Doppelt verloren

          Die betroffenen Anleger konnten ihre Anteile zurückgeben oder in einen anderen Teilfonds der Gesellschaft umschichten. Verlust haben sie damit in jedem Fall gemacht. Denn weil Lebenszyklusfonds am Anfang fast das gesamte Kapital in Aktien stecken, haben sie den Börsencrash des vergangenen Jahres voll abgekriegt und sich nur schwer erholt. Dazu kommt: Wer den Lifecycle-Fonds im vergangenen Jahr gekauft hat, um damit der Abgeltungsteuer zu entgehen, hat doppelt verloren: Die Steuer wird nämlich nun auch noch fällig, wenn seit dem Kauf keine zwölf Monate vergangen sind.

          Die Deutsche-Bank-Tochter DWS Investments, immerhin der größte deutsche Fondsanbieter bei Publikumsfonds, zieht nach: Zum 27. November dieses Jahres verschwinden die drei angebotenen Lebenszyklusfonds vom Markt. „Zukunftsfonds“ hatte DWS sie getauft - sie haben nun keine Zukunft mehr. Grund ist auch hier das viel zu geringe Volumen, das die Fonds für die DWS unwirtschaftlich gemacht hat. Zusammengenommen kommen die drei Fonds auf ein Volumen von gerade mal 10 Millionen Euro. Wie bei J.P. Morgan können die Anleger auch hier ihre Fondsanteile zurückgeben oder in einen anderen Fonds umschichten.

          Nur staatlich Gefördertes gefragt

          Für Marc Lederer, Anlageberater bei Hesse + Partner, ist die steuerliche Förderung von konkurrierenden Altersvorsorgeprodukten der Hauptgrund für die Probleme der Lebenszyklusfonds. „Die Deutschen kaufen alles, wofür sie vom Staat eine Vergünstigung bekommen. Das hat man ja schon bei der Abwrackprämie gesehen.“ Darunter leide die ungeförderte Konkurrenz wie eben die Lifecycle-Fonds. Lohnend seien sie erst für eine Laufzeit von mindestens 15 Jahren - diese Langfristigkeit schrecke viele Anleger ab.

          Sie waren auf einen ganzen Lebenszyklus ausgelegt - jetzt sterben sie schon im Säuglingsalter. Werner Hedrich, Analyst bei der Fondsratingagentur Morningstar, sieht das größte Problem im Vertrieb dieser Fonds. Bankberater hätten kein Interesse, einen Lebenszyklusfonds an den Mann zu bringen, auch wenn er für einen Privatanleger gut geeignet sei. Denn es fehle der Verkaufsanreiz. „Der Berater kassiert beim Verkauf genau einmal Provision. Aber dann ist der Kunde für die nächsten Jahrzehnte versorgt, braucht kein weiteres Produkt und bringt keine weitere Provision ein“, erklärt Hedrich. Was diese These stützt: In den Vereinigten Staaten, wo viele Banken auf Honorarberater setzen, sind Lebenszyklusfonds deutlich beliebter. Solche Berater leben nicht vom Verkauf, sondern von der Beratung.

          Gefährdete Art

          Viele deutsche Lebenszyklusfonds haben relativ kleine Volumina von unter 10 Millionen Euro und sind gefährdet. Ob nach J.P. Morgan und dem DWS weitere Anbieter die Reißleine ziehen und ihre Fonds vom Markt nehmen, lässt sich noch nicht sagen. „Bei uns sind definitiv keine Schließungen geplant“, versichert Thomas Wiesemann, Chef von Allianz Global Investors. Ihr größter Fonds mit mindestens 15 Jahren Laufzeit hat ein Volumen von lediglich sieben Millionen Euro.

          Die Sparkassen-Tochter Dekabank hat gegenteilige Erfahrungen mit ihren Lebenszyklusfonds gemacht. „Die Produkte sind gut nachgefragt. Deshalb gibt es keine Notwendigkeit, sie zu schließen. Wir behalten sie auf jeden Fall“, sagt Steffen Selbach, Leiter Vermögensmanagement der Dekabank. Die geringen Volumina seien kein Problem, da sie an andere Fondsprodukte gekoppelt seien, so Selbach. Das spart Kosten beim Management. „Das Konzept ist auf langsames Wachstum ausgelegt“, so Selbach.

          Wenig Unterschiede

          In der Gebührenstruktur unterscheiden sich die Fonds nicht großartig. Zwischen 1,0 und 1,5 Prozent Verwaltungsgebühren berechnen die Fondsgesellschaften. Auch die Anlagestruktur ist ähnlich. So setzen die meisten hierzulande erhältlichen Life-Cycle-Fonds größtenteils auf Aktien europäischer Unternehmen. In der Wertentwicklung liegen die großen Fonds ebenfalls dicht beieinander (siehe Tabelle). Die europäischen Indizes haben sie aber auch nicht geschlagen.

          Wer auf Nummer Sicher gehen will, sollte sich am Fondsvolumen orientieren - je größer der Fonds, desto weniger ist er von Schließung bedroht. Vor allem Fidelity, die Fondsgesellschaft, die die Idee der Lebenszyklusfonds aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland gebracht hat, verfügt über Fonds mit Volumina von 50 Millionen Euro und mehr. Diese sind auch langfristig lebensfähig. Pioniergeist zahlt sich eben aus.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Bastian Benrath

          F.A.Z.-Sprinter : Dunkle Wolken am Sommerhimmel

          In Sachsen beginnt der Prozess im Mordfall Daniel H., und in Paris möchte Boris Johnson weiter Zugeständnisse beim Brexit-Abkommen erwirken. Wie sie dennoch zu einem lockeren Sommertag kommen, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.