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Lebensversicherungen : Viele Lebensversicherer bevorzugen ihre Aktionäre

Bild: F.A.Z.

Die Gesellschaften klagen über die niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt. Dabei erzielen sie genug Überschüsse, um ihre Eigner üppig zu bedienen. Die Kunden werden dagegen benachteiligt.

          Es gibt zwei Arten von Verbraucherschützern: Die einen lehnen die Lebensversicherung grundsätzlich ab, weil sie als Mischprodukt Altersvorsorge und Risikoschutz verknüpft und damit weniger Rendite bleibt. Zu dieser Sorte zählen Verbraucherzentralen wie die in Hamburg, die besonders versicherungskritisch ist, oder der Bund der Versicherten.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Die anderen halten das Produkt insbesondere wegen seiner Garantien für eine sichere und solide Kapitalanlage. Hier verschafft sich vor allem der Branchendienst Map-Report mit seinen Vergleichsanalysen Gehör.

          Versicherten gehen 100 Millionen Euro verloren

          Rund 78 Millionen deutsche Verträge funktionieren nach diesem Prinzip mit Garantien und zusätzlichen Überschussbeteiligungen - gegenüber etwas mehr als 13 Millionen fondsgebundenen Policen, bei denen der Kunde das Risiko der Kapitalanlage trägt. „Ich hänge an dem klassischen Garantieprodukt“, sagt auch Hermann Weinmann. „Eine private Leibrente ist für mich ein Muss“, betont der Professor für Versicherungsbetriebslehre, der seit zwei Jahrzehnten an der Fachhochschule Ludwigshafen forscht. Nur die tatsächliche Ausgestaltung der Policen stört ihn. Um mehrere 100 Millionen Euro brächten die Versicherungsgesellschaften ihre Policeninhaber, weil sie die Aktionärsinteressen mehr beachteten als das Kundenwohl.

          Hermann Weinmann

          „In der Finanzkrise sind die Versicherten einseitig belastet worden. Das finde ich keine faire Verteilung“, sagt Weinmann. „Darauf achten Verbraucherschützer bislang viel zu wenig.“ Weinmann schlendert durch die hübsche Altstadt seines Wohnorts Bensheim an der Bergstraße und erläutert das Problem. Seit einigen Jahren rechnet er den Studenten in seinen Vorlesungen vor, wie Versicherer ihre Überschüsse aufteilen: auf ihre Kunden, die Aktionäre und das Eigenkapital, das im Unternehmen verbleibt.

          Dafür verwendete er stets Bilanzkennziffern des Marktführers Allianz Leben. Eines Tages fiel ihm auf, dass ein immer höherer Anteil des Gewinns an die Anteilseigner ging und immer weniger für die Versicherungsnehmer übrig blieb. „Leider ist diese Rechnung vollkommen intransparent. Ich appelliere an die Unternehmen, sie selbst offenzulegen, oder an den Gesetzgeber, sie dazu zu zwingen“, sagt Weinmann.

          Politik bevorzugt Aktionäre

          Ohne sie zu beachten, schreitet Weinmann an den pittoresken Fachwerkhäusern von Bensheim vorbei und biegt in eine enge Gasse ein. Vor einer Targo-Bank-Filiale macht er halt und reibt sich den Kopf. 4,8 Prozent jährlich verspricht ein Werbeplakat den Kunden einer Lebensversicherung. „Die Überschussbeteiligung ist doch gar nicht langfristig garantiert“, beschwert er sich über die irreführende Werbung. „Und wenn die Unternehmen so weitermachen, bleibt immer weniger vom Überschuss übrig“, prognostiziert der Betriebswirt.

          Eine politische Reform hat es den Unternehmen - beileibe nicht nur dem Marktführer - erleichtert, Aktionäre zufriedenzustellen. Im Jahr 2008 wurde die Mindestzuführungsverordnung geändert. Sperriges Wort, einfaches Prinzip: Sie regelt, wie der Versicherer seinen Überschuss aufteilen darf. Mindestens 90 Prozent des Zinsgewinns, mindestens 75 Prozent des Risikogewinns und mindestens die Hälfte der sonstigen (überwiegend Kosten-)Gewinne müssen die Versicherer ihren Kunden gutschreiben; den Rest dürfen sie an die Aktionäre ausschütten oder als zusätzlichen Kapitalpuffer thesaurieren. Zuvor mussten 90 Prozent aller Überschüsse den Kunden gutgeschrieben werden.

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