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Lebensversicherungen : Verträge sind flexibler geworden

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Mittlerweile gibt es immer größere Handlungsspielräume, Lebensversicherungsverträge an geänderte Lebensbedingungen ohne Kosten anzupassen. Allerdings können die Renditen dadurch niedriger ausfallen.

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          Lebensversicherungen galten lange als starr und unflexibel. Weil die Kunden einen festen Sparplan mit ihrem Anbieter verabreden, sieht sie die Politik zwar als besonders geeignet für die Altersvorsorge. So werden private Rentenversicherungen auch nach dem Abbau von Steuerprivilegien vor sechs Jahren steuerlich begünstigt.

          Biografien aber werden immer unsteter. Nach einem Jobverlust haben Kunden häufig vorübergehend Schwierigkeiten, ihre verabredeten Prämien zu zahlen. Wer sich scheiden lässt oder den Wohnort wechseln muss, könnte eine Teilauszahlung verlangen. Verschiebt ein Kunde seinen Rentenbeginn, will er womöglich auch die Police länger laufen lassen.

          Flexibilität kostet Rendite

          Die vertraglichen Regeln für solche Abweichungen haben sich bei vielen Anbietern in den vergangenen Jahren gelockert. „Wir begrüßen die Flexibilisierung“, sagt Lars Gatschke vom Verbraucherzentrale Bundesverband. „Allerdings kann sie wirtschaftlich für Verbraucher ein Verlustgeschäft sein.“ Denn werden Prämien beispielsweise dauerhaft herabgesetzt, wird die Abschlussprovision, die der Kunde zahlen muss, nicht an den geringeren Beitrag angepasst. Für die Vermittlung hat er dann zu viel bezahlt.

          Noch entscheidender aber: Der Versicherer behält umso mehr von der Prämie ein, je mehr Wechselfälle er im Vertrag einkalkuliert, um sich gegen das Risiko abzusichern. Das reduziert die Ablaufrendite. Einigen Vorständen geht die Entwicklung deshalb auch zu weit. Gemeinsam mit den gerichtlich erzwungenen Mindestrückkaufwerten vermindere es die Rendite um gut 0,5 Prozentpunkte, wenn man auf Abschläge im Stornofall verzichte. „Und die Unterbrechung der Beitragszahlungen kann steuerlich problematisch sein“, gibt ein Versicherervorstand zu bedenken. Der Fiskus könne bezweifeln, dass die Voraussetzung einer kontinuierlichen Beitragszahlung erfüllt ist.

          Spekulieren mit Versicherungen

          In vielen neuen Tarifen ermöglichen Versicherer, ihren Kunden ein- und auszuzahlen. Gerissene Kunden könnten mit günstigen Entwicklungen am Kapitalmarkt gegen den Versicherer spekulieren, ergänzt Michael Franke, Geschäftsführer des Analysehauses Franke & Bornberg. Sie könnten Geld abziehen, wenn anderweitig höhere Zinsen zu erzielen sind und zurückkehren, wenn die Versicherung wieder attraktiver ist - zum Nachteil für Kunden, die nicht spekulieren. Anhand von fünf Kriterien hat das Analysehaus für diese Zeitung ausgewertet, welche klassischen Tarife einer Gesellschaft am flexibelsten sind (siehe Infografik). Dabei zeigen sich erhebliche Unterschiede.

          Die Cosmos, LVM (zwei Versicherer mit traditionell hohen Renditen), Inter und Interrisk ermöglichen nach der Untersuchung keine Teilauszahlungen oder Zuzahlungen noch kann der Rentenbeginn verschoben werden. Beiträge können in diesen Verträgen gestundet werden, also erst zu einem späteren Zeitpunkt gezahlt werden, ein verbindlicher Anspruch besteht aber nicht. Zwei der Gesellschaften ermöglichen zwar, ohne Kosten den Vertrag beitragsfrei zu stellen, so dass keine neuen Prämien mehr erhoben und die Leistungen eingeschränkt werden. Wieder in Kraft gesetzt werden kann er anders als bei anderen Wettbewerbern aber nicht mehr. „Wichtig sind vertragliche Bestimmungen, weil sich mündliche Zusagen eines Vorstands auch ändern können“, sagt Analyst Franke.

          Arbeitslosigkeit und Beitragsfreistellung

          In den flexibelsten Tarifen besteht die Möglichkeit, den Rentenbeginn vor- oder zurückzuverlegen. Hohe Bewertungen kamen zustande, wenn sich der Rentenbeginn verschieben lässt mit fortgesetzten oder ruhenden Prämienzahlungen (DBV, Stuttgarter, Allianz, Alte Leipziger). Abzüge gab es, wenn es nicht möglich war, die Rente in eine Kapitalabfindung umzuwandeln (Alte Leipziger). Bei keinem Versicherer kann der Rentenbeginn auf so ein frühes Alter vorverlegt werden wie bei der Ideal (50 Jahre). Die Allianz weist sogar von sich aus rechtzeitig darauf hin, dass Kunden vorverlegen können.

          Wenn ein Kunde wegen Arbeitslosigkeit vorübergehend nicht zahlen kann, lassen sich die flexibelsten Verträge bis zu drei Jahre beitragsfrei stellen und bis zu zwei Jahre lang nachträglich stunden. Bei langfristigen Zahlungsschwierigkeiten erhält die Nürnberger Versicherung fast die höchstmögliche Punktzahl, weil eine Beitragsfreistellung ohne Abzug möglich ist - auch wenn die Prämie dauerhaft verringert wird. Und bis zu drei Jahre lang kann diese Entscheidung wieder rückgängig gemacht werden.

          Ideal und Allianz ohne Abzüge bei Teilauszahlung

          Will ein Kunde sich einen Teil seiner Police auszahlen lassen, kommt er bei der Ideal und der Allianz am günstigsten weg: Es gibt keine Abzüge und keinen Höchstbetrag. Einzige Einschränkung: Beide verlangen einen Mindestauszahlbetrag. In alle diese Verträge kann auch zugezahlt werden, um die Leistung zu erhöhen, wenn der Kunde Geld übrig hat. Nur bei der Allianz kann er damit statt einer höheren Leistung auch die Dauer seiner Zahlungen reduzieren. Hohe Punktzahlen gab es auch dafür, wenn die Zuzahlungen ab einer Mindestsumme nicht eingeschränkt sind (Debeka, DBV, Stuttgarter, Nürnberger, Condor). „Die Leistungen sind in solchen Verträgen niedriger als in den herkömmlichen“, sagt Debeka-Vorstand Roland Weber. „Viele Leute wollen aber die Flexibilität, egal ob sie sie in Anspruch nehmen.“

          So sehr die Verbraucherzentralen die gewachsene Flexibilität begrüßen, ein anderes Lebensversicherungsprodukt habe noch Nachholbedarf, bemängelt Verbraucherschützer Gatschke. „In der Berufsunfähigkeit muss noch ein Kriterienkatalog definiert werden, unter welchen Bedingungen man Beiträge vorübergehend aussetzen kann.“ Zwar werde das in der Elternzeit vielfach gewährt, für die Kurzarbeit gebe es aber trotz der Erfahrungen der Finanzkrise noch keine Regeln.

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