https://www.faz.net/-gv6-z54m

Lebensversicherungen : Berufsunfähigkeit abzusichern bleibt günstig

Gegenläufe Effekte der Prämien stellte der Finanzvertrieb MLP fest Bild: AP

Nach der Entscheidung zur Senkung des Garantiezinses wäre rechnerisch eine Prämiensteigerung für Lebensversicherungsverträge zu erwarten. Allerdings kann es wegen des intensiven Marktes auch gegenläufige Effekte geben.

          3 Min.

          Nicht alle Lebensversicherungen sind von der Senkung des Garantiezinses betroffen. Nach der Entscheidung des Bundesfinanzministeriums, den Höchstrechnungszins auf 1,75 Prozent zu senken, stellen derzeit alle Anbieter ihre Tarife um, damit die neuen pünktlich zum 1. Januar am Markt sind. Von der Senkung sind auch Lebensversicherungsverträge betroffen, die nicht der Altersvorsorge dienen - wie etwa Risikolebens- oder Berufsunfähigkeitsversicherungen (BU-Policen). Fachleute rechnen dennoch nicht damit, dass sich Neuverträge verteuern.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          „Rechnerisch wäre eine Prämiensteigerung zu erwarten“, sagt zwar Miriam Michelsen, Leiterin Vorsorge des Finanzvertriebs MLP. „Durch den Wettbewerbsdruck und den größeren Spielraum in der Kapitalanlage kann es aber auch gegenläufige Effekte geben.“ Der Wettbewerb am Markt ist intensiv. Für ihr jüngstes Produktrating wertete das Analysehaus Morgen & Morgen 365 verschiedene Tarife aus. Ähnlich wie in anderen Versicherungssparten herrscht ein regelrechter Preiskampf. Knapp ein Drittel der untersuchten Tarife erhielt in der Analyse die Höchstwertung von fünf Sternen. Zwischen 480 und 600 Euro jährlich zahlt ein 30 Jahre alter Kaufmann, um bis zum Alter von 67 Jahren eine monatliche Rente von 1000 Euro im Falle der Berufsunfähigkeit abzusichern.

          Nur noch 34 Unternehmen erreichten fünf Sterne

          „Die Zinssenkung ist für Rentenprodukte ein Problem, für BU-Policen spielt sie eine untergeordnete Rolle. In der Vergangenheit waren sie von Senkungen kaum betroffen“, sagt Martin Zsohar. Der Geschäftsführer von Morgen & Morgen betont, dass Versicherer Überschüsse aus der Kapitalanlage und der Risikokalkulation verwenden können, um ihre kalkulatorischen Beiträge zu reduzieren. Zwischen 10 und 50 Prozent können sie für ihre Kunden dadurch herausholen.

          Bild: F.A.Z.

          Kaum noch Verbesserungen können die Kunden dagegen bei den Vertragsbedingungen erwarten. „Der Wettbewerb über Bedingungen ist zum Erliegen gekommen. Innovationen machen die Produkte kaum noch besser“, sagt Zsohar. Inzwischen gehören die Empfehlungen von Verbraucherschützern zum Standard in der Branche: Viele Tarife verzichten auf die sogenannte abstrakte Verweisung. Berufsunfähigen Kunden wird dann nicht mehr die Zahlung verweigert, weil sie ähnliche Tätigkeiten ausüben könnten. Auch rückwirkende Zahlungen sind üblich, viele Versicherer erkennen auch die Gutachten behandelnder Ärzte an.

          Für das Analysehaus Morgen & Morgen rückt deshalb stärker in den Fokus, wie spezialisiert die Unternehmen auf den BU-Schutz sind. „Deshalb haben wir den Fokus noch stärker auf die Kompetenz gelegt“, sagt Zsohar. Statt 44 Versicherer wie im Vorjahr erreichten deshalb nur noch 34 Unternehmen einen Fünf-Sterne-Tarif. Zur besonderen Servicequalität zählt etwa, wenn ein Versicherer genug ärztliches Knowhow im Innendienst hat, um eine professionelle Leistungsprüfung sicherzustellen. Während die Kunden seltener ihre Anzeigepflichten in der Gesundheitsprüfung verletzt haben, stieg die Zahl der Betrugsfälle.

          Psychische Erkrankungen führten am häufigsten zur Erwerbsunfähigkeit

          Verblüffend ist angesichts des Stellenwerts der BU-Policen für die private Risikovorsorge, wie wenig sie nach wie vor verbreitet sind. Die Quote von rund 23 Prozent der Haushalte, die häufig zitiert wird, ist irreführend, weil darunter ein großer Teil nur eine Kombination von Lebens- und BU-Police oder gar nur eine Beitragsbefreiung in der privaten Rente im Falle einer Berufsunfähigkeit ist. Von den 17 Millionen deutschen Verträgen insgesamt sind nur 3 Millionen reine BU-Policen - mit einer versicherten Monatsrente von immerhin durchschnittlich 816 Euro. Dennoch kommen die Fachautoren Dagmar Hühne und Holger Balodis in ihrem Ratgeber „Berufsunfähigkeit gezielt absichern“ zu dem ernüchterten Fazit: „Große Teile der Bevölkerung sind gegen das Risiko einer Berufsunfähigkeit nicht oder völlig unzureichend abgesichert.“

          Dabei zählen diese Policen neben privaten Haftpflichtversicherungen zum einzigen Schutz, den selbst versicherungskritische Verbraucherverbände ohne Einschränkung empfehlen. Denn im Jahr 2001 ist der staatliche Invaliditätsschutz zurückgefahren worden und entspricht heute einem Schutz gegen die vollständige Erwerbsunfähigkeit mit viel strengeren Bedingungen. Und es sind längst nicht nur Skelett- oder Herzerkrankungen, durch die Berufstätige ausscheiden müssen. Im Jahr 2009 waren psychische Erkrankungen mit 32 Prozent der Männer und 44 Prozent der Frauen der häufigste Grund auszuscheiden. Selbst wenn durch den Preiskampf also mögliche Vergünstigungen locken könnten, sagt MLP-Expertin Michelsen: „Eine BU-Police sollte man so früh wie möglich abschließen, um nicht das Risiko einer zwischenzeitlichen Erkrankung einzugehen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Unsere Autorin: Rebecca Boucsein

          F.A.Z.-Newsletter : Corona-Gipfel XXL: Testen und (ein bisschen) Öffnen

          Nach dem neunten Corona-Gipfel steht fest: Der Lockdown wird verlängert. Tests sollen ein paar Freiheiten möglich machen. Doch viele Fragen sind noch offen. Haben sich die Verhandlungen gelohnt? Darüber wird heute debattiert. Der F.A.Z.-Newsletter.
          Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in der Kleinstadt Wohlen im Kanton Aargau am 20. Februar 2021

          SVP gegen Corona-Regeln : Die Schweiz, eine Diktatur?

          Die SVP gehört der Schweizer Regierung an. Das hindert die Führung der größten Partei des Landes nicht daran, es wegen der Corona-Politik als Diktatur zu bezeichnen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.