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Neues Geschäftmodell : Crowdfunding für Acker und Weinberg

  • Aktualisiert am

Riesling-Dividende an der Mosel Bild: dpa

Die Film- und Medienindustrie macht es vor: Jetzt sammelt auch die Landwirtschaft Geld im Internet. Als Gegenwert erhalten die Finanzierer Naturalien.

          Eine Kiste Wein oder frisches Biogemüse – wer sich per Schwarmfinanzierung an landwirtschaftlichen Projekten beteiligt, dem winken appetitliche Gegenleistungen. Crowdfunding-Plattformen wie indiegogo.com oder seedmatch.de bringen nicht nur kreative Köpfe aus der Film- und Medienindustrie mit potentiellen Geldgebern zusammen, sondern inzwischen auch so bodenständige Berufsgruppen wie Bauern, Winzer und Bierbrauer. Ob neue Maschinen, ein zusätzliches Stück Land oder ein neuer Hühnerstall – der Schwarm liefert das Geld und bekommt zum Teil Naturalien als Gegenwert.

          Die ganz großen Beträge werden allerdings bisher noch nicht für solche Agrarprojekte eingespielt. Ein Ökobetrieb im schleswig-holsteinischen Schönwalde finanzierte so beispielsweise die Entwicklung zweier neuer landwirtschaftlicher Produktionsgeräte. Je nach gestifteter Summe boten die Bauern den Geldgebern beispielsweise Rezeptsammlungen, Gemüsepakete oder Übernachtungen im Heu an – und nahmen mit ihrer Aktion gut 7400 Euro ein, wie Karsten Wenzlaff vom Institut für Kommunikation in sozialen Medien berichtet.

          Wie in diesem Fall geben die Finanziers beim Crowdfunding häufig nur einige Euro – und springen dann oft schon wieder zum nächsten Projekt. Vorteil für die Initiatoren der Kampagnen: Sie müssen ihren Investoren kaum Mitspracherechte einräumen und beim Scheitern ihres Unternehmens nicht für die Ausfälle aufkommen, denn das unternehmerische Risiko tragen die Geldgeber. Mehr Verbindung schaffen da Genussscheine, wie sie die Winzerin Sybille Kuntz aus Lieser an der Mosel ausgibt. Schon vor 20 Jahren kam die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin auf die Idee, sich von ihren Kunden über solche Wertpapiere Geld zu leihen für die Erweiterung ihres Weingutes, nachdem sie bei den Banken zuvor mit ihren Plänen abgeblitzt war. „Der Zuspruch damals war überwältigend“, erinnert sich Kuntz, die sich mit ihrem Einfall als Pionierin sieht. Seither hat sie mit dem Geld vor allem neue Anbauflächen gekauft, darunter erhaltenswerte Weinberge in ersten Lagen, wie sie sagt. Die Anleger bekommen am Ende eines jeden Jahres ihre „Riesling-Dividende“ geliefert – und nach Laufzeitende des Genussscheins ihren Einsatz zurück.

          Im Zweifel gibt es auch die Rentenbank

          Das Internet beflügelt neue Varianten und Mischformen solcher Formen der Geldbeschaffung: So ließ sich eine Münchner Brauerei von ihren Kunden per Genussschein-Ausgabe ihren Neubau finanzieren und zahlt die Zinsen in Form von Speis und Trank aus.

          Die Beispiele zeigen, dass beim Crowdfunding auch ideelle und nicht zuletzt Werbezwecke eine Rolle spielen. Wer das Wagnis eingeht und Geld in ein neues Projekt steckt, wird nicht nur Teil der Gründungsgeschichte, sondern vielleicht auch treuer Kunde. Speziell für die Landwirtschaft gilt zudem: Mit dem Trend zu regional und ökologisch erzeugten Lebensmitteln wachse auch bei den Verbrauchern das Interesse an der Produktion, sagt Wenzlaff. Das Crowdfunding biete ihnen nicht nur die Möglichkeit, direkt in Kontakt zu kommen mit den Bauern, sondern auch die Lebensmittelerzeugung mitzugestalten.

          Einen ganz großen Aufschwung der Schwarmfinanzierung für Bauern erwartet der Deutsche Bauernverband allerdings nicht – und das nicht nur, weil viele der Projekte vom finanziellen Volumen eher überschaubar sind. Vielmehr hätten die Bauern mit der Landwirtschaftlichen Rentenbank einen Partner, der ihnen bei Bedarf verbilligte Kredite zur Verfügung stellt, sagt ein Verbandssprecher. Und weil die meisten Betriebe auf eigenem Grund und Boden wirtschaften, fehle es auch nicht an den nötigen Sicherheiten.

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