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Kunstmarkt : Die Kunst schlägt den Dax

Alle Welt stürzt sich auf zeitgenössische Bilder. Die Preise für Andy Warhol, Francis Bacon und Gerhard Richter gehen durch die Decke.

          Die Beziehung zwischen der Kunst und dem großen Geld war schon immer eine zwiespältige. Vielen Angehörigen des Kunstbetriebs behagt es nicht, dass jedes Jahr größere Summen in den Kauf von Bildern fließen, dass die Jagd nach Rendite längst auch den Kunstmarkt erfasst hat. Doch all den Superreichen, die für ihr Geld auf dem Bankkonto kaum noch Zinsen erhalten, ist dies herzlich egal. Sie kaufen Kunst wie verrückt: Darum haben die Preise für Kunstwerke auch in den vergangenen zwölf Monaten ihr atemberaubend hohes Niveau gehalten.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dies lässt sich aus den Daten herauslesen, die die Kunstexperten von Artnet Analytics für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung  zusammengestellt haben. Die Fachleute haben die Ergebnisse von mehr als einer Million Auktionen in Nordamerika, Europa sowie Asien ausgewertet und ausgerechnet: Im Jahr 2014 haben Käufer aus aller Welt für insgesamt 16,1 Milliarden Dollar Kunst ersteigert - zuletzt lag der Wert nur im Jahr 2011 ein wenig höher. Und auch in Deutschland verläuft die Entwicklung rasant: In deutschen Auktionshäusern betrug der Erlös bei Kunstauktionen im vergangenen Jahr 277 Millionen Dollar. Damit ist die Bundesrepublik nach den Vereinigten Staaten, China, Großbritannien und Frankreich der fünftwichtigste Kunstmarkt der Welt.

          Die Wertentwicklung der zeitgenössischen Kunst ließ auch im Jahr 2014 alle anderen Kunstepochen hinter sich: Zwar kam es nicht zu einem neuen Weltrekord. Den hält mit 142,4 Millionen Dollar das Triptychon „Three Studies of Lucian Freud“ von Francis Bacon. Aber trotzdem gaben die Käufer enorme Summen aus: Bilder von Andy Warhol (darunter auch die Bilder „Triple Elvis“ und „Four Marlons“ aus dem Bestand der Aachener Spielbank) kamen auf einen Gesamtwert von sagenhaften 653 Millionen Dollar - kein anderer Künstler war 2014 wertvoller. In Deutschland führt Gerhard Richter die Liste an: Seine Bilder erzielten auf Auktionen im Jahr 2014 einen Erlös von insgesamt 294 Millionen Dollar.

          Wertsteigerung um 500 Prozent

          Die Experten von Artnet Analytics können nun aus den jährlich versteigerten Bildern der Künstler eine Art Preisindex für deren Werke entwickeln - wenn man so will: Warhols oder Richters Aktienkurs. Der Vergleich mit dem deutschen Börsenbarometer Dax dürfte manchen Aktienanhänger in Erstaunen versetzen. Die Preise für Warhol beispielsweise haben seit dem Jahr 2004 um mehr als 500 Prozent zugelegt - dagegen nimmt sich die Wertentwicklung des Dax bescheiden aus (siehe Grafik). Auch Gerhard Richter und Francis Bacon schlagen den Leitindex deutlich. Heißt das also jetzt, dass jedes Werk eines dieser Künstler gleich ein Hauptgewinn ist?

          Nicht unbedingt. Natürlich zeigt der Anstieg der Kurven klar: Die Nachfrage nach Bildern von Warhol, Richter oder Bacon ist derzeit enorm, heute lassen sich mit ihren Werken viel höhere Preise erzielen als vor zehn Jahren. Doch daraus kann man nicht unmittelbar schließen, dass dies nun für jedes einzelne Bild dieser Künstler gelten muss. Denn vollständig lassen sich die Gemälde eines bestimmten Künstlers und die Aktien eines Unternehmens dann eben doch nicht miteinander vergleichen. Während sich nämlich beispielsweise der Wert jeder einzelnen Siemens-Aktie genau gleich entwickelt, sind die Preise für einzelne Warhol-Bilder alle unterschiedlich. Aus dem einfachen Grund, dass eben auch die Bilder alle unterschiedlich sind (auch wenn Warhol dafür bekannt war, von einem Motiv wie den berühmten Campbell’s Suppendosen mehrere ähnliche Versionen anzufertigen).

          Der Preis eines Kunstwerkes hängt also nicht nur vom Namen und der Bekanntheit des Künstlers ab. Zusätzlich spielen die tatsächliche Größe eines Werkes eine Rolle, seine Bedeutung in der Schaffenshistorie des Künstlers und natürlich auch die Art der Darstellung: Ist es lediglich eine Skizze oder handelt es sich um ein Ölgemälde oder gar um eine Skulptur?

          Trotz der enormen Wertsteigerungen der jüngsten Zeit kann man als Besitzer eines Warhol noch nicht einmal sicher sein, dass sich das Bild überhaupt verkauft. Rund 400 Warhol-Werke fanden sich 2014 auf Auktionen, doch die sogenannte Abverkaufsrate lag nur bei 70 Prozent. Mehr als ein Drittel der Werke blieb also ohne Käufer. Für Bacon und Richter sehen die Zahlen ähnlich aus. Dies zeigt: Es ist eine Kunst, mit der Kunst Geld zu verdienen.

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