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Kreditausfallversicherungen : Ein Schritt zu einem stabileren Finanzsystem

Bild: F.A.Z.

Den Handel von Kreditausfallversicherungen (CDS) wickelt künftig ein zentraler Kontrahent ab. Die Risiken werden so transparenter und damit besser beherrschbar. Das Vorgehen beruht in Europa auf Freiwilligkeit.

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          Die Europäische Kommission ist ihrem Ziel, dem Finanzsystem in Europa mehr Stabilität zu verleihen, ein Stück näher gekommen. Fristgerecht bis Ende Juli haben die Banken begonnen, den Handel von Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps, CDS) über eine zentrale Gegenpartei abzuwickeln. Dies hatte der EU-Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy im Oktober 2008 gefordert. Im Februar hatte die Branche eine entsprechende Selbstverpflichtung unterzeichnet.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Der CDS-Handel fand bis dato unreguliert und komplett außerbörslich statt. In den vergangenen Jahren wuchs das Segment auf ein versichertes Kreditvolumen von mehr als 62 Billionen Dollar (44 Billionen Euro) Ende 2007. Die weitgehend unbesicherten Risiken, dass ein CDS-Vertragspartner seine Verpflichtungen nicht erfüllen kann, blieben jedoch unbeachtet. Insbesondere der amerikanische Versicherer AIG hatte in großem Stil unbesicherte CDS verkauft, in der Annahme, dass der Versicherungsfall nicht eintrete. Im September 2008 musste der damals weltgrößte Versicherer mit erheblichen staatlichen Mitteln vor der Insolvenz bewahrt werden, weil viele der versicherten Kredite ausgefallen waren oder ein Ausfall drohte.

          Mehr Stabilität

          Um solche Schieflagen künftig zu vermeiden und damit dem Finanzsystem insgesamt mehr Stabilität zu verleihen, soll der Aufbau von unbesicherten CDS-Risiken in unbekannter Höhe durch das Einschalten einer zentralen Gegenpartei vermieden werden. In Europa werden Eurex Clearing - eine Tochtergesellschaft der Deutschen Börse AG und der Schweizer Börse - und die amerikanische ICE Clear als zentrale Gegenparteien auftreten. Sie stehen fortan in der Mitte eines jeden Geschäfts. Sie sind Käufer für den Verkäufer und Verkäufer für den Käufer.

          Die Marktteilnehmer müssen bei den Clearinghäusern Sicherheiten hinterlegen. Eurex Credit Clear - wie die Gesellschaft der Deutschen Börse heißt - verlangt zum Beispiel einen Mindestbeitrag von 50 Millionen Euro für einen Clearing-Fonds, eine Eigenkapitalausstattung der angeschlossenen Marktteilnehmer von mindestens 2 Milliarden Euro und zudem noch Sicherheitshinterlegungen je nach Risiko der eingegangenen Positionen.

          Wahrscheinlichkeit eines Ausfalls wird reduziert

          „Jeder Marktteilnehmer kann künftig nur so viel Risiko aufnehmen, wie er auch beherrschen kann“, sagt Thomas Book, Mitglied des Eurex-Vorstandes und verantwortlich für das Clearing. Ein Kollaps großer Marktteilnehmer werde durch das zentrale Clearing zwar nicht in jedem Falle verhindert, die Wahrscheinlichkeit eines Ausfalls werde aber enorm reduziert. „Außerdem werden die Folgen beim Ausfall eines Marktteilnehmers isoliert und damit negative Folgeeffekte für weitere Marktteilnehmer und den gesamten Markt vermieden.“ Ein weiterer Vorteil der Einschaltung eines zentralen Kontrahenten besteht darin, dass die im Markt befindlichen Risiken transparent gemacht werden können.

          Eurex Credit Clear bietet zunächst die Abwicklung von Papieren auf die CDS-Indizes Itraxx Crossover, Itraxx Europe und Itraxx Hivol sowie von 17 europäischen Einzelwerten aus der Energiebranche an. In den nächsten Wochen soll die Palette auf alle Serien der Indizes und alle 200 Einzelwerte ausgeweitet werden. Die Deutsche Börse teilte am Freitag mit, dass bereits mit Start des Angebots am Donnerstag erste Clearing-Transaktionen über Eurex Credit Clear abgewickelt worden sind. Bislang seien lediglich Nomura und Unicredit an das System angeschlossen, weitere Handelsteilnehmer dürften aber in den nächsten Wochen folgen.

          Überwachung der Selbstverpflichtung

          Die Abwicklung über eine zentrale Gegenpartei beruht in Europa auf Freiwilligkeit. Große Marktteilnehmer wie Deutsche Bank, Goldman Sachs oder HSBC haben sich der EU-Kommission gegenüber jedoch am 17. Februar verpflichtet, von Ende Juli an ein Clearinghaus zur zentralen Verrechnung zu nutzen. Falls die über die staatliche Regulierung weniger erfreuten Banken die Selbstverpflichtung nicht einhalten, behält sich die Kommission Zwangsmaßnahmen vor. Für die Überwachung der Selbstverpflichtung hat die Kommission eine Arbeitsgruppe aus Händlern, Banken, Clearinghäusern und Aufsichtsbehörden eingerichtet.

          Dass neben dem größten europäischen zentralen Kontrahenten Eurex Clearing mit ICE Clear noch ein zweiter Anbieter am Markt ist, begrüßt die Kommission: „Ich freue mich, dass es die Anstrengungen der Branche sowie der Dienstleister möglich gemacht haben, dass zwei europäische Anbieter diese Produkte dem Clearing unterziehen können“, sagte McCreevy am Freitag. „Dies ist für die Entwicklung eines sicheren und wettbewerbsfähigen Umfeldes von großer Bedeutung.“ Diskutiert wird zudem die Einführung einer zentralen Gegenpartei auf weiteren kaum regulierten Märkten wie Zins-, Währungs- und Aktienderivaten. Bedingung ist jedoch eine weitgehende Standardisierung der Produkte. Daher könnte es zunächst nur eine Meldepflicht für außerbörsliche Transaktionen geben, um Risikopositionen sichtbar zu machen.

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