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Dax-Unternehmen : Betriebsrenten werden immer teurer

Finanziert ihre Pensionen fast vollständig aus: Die Deutsche Bank Bild: Wolfgang Eilmes

Durch den Niedrigzins sind die Kosten für die Altersvorsorge ihrer Mitarbeiter für die börsennotierten Konzerne in nur einem Jahr um ein Viertel teurer geworden. Das geht ans Eigenkapital. Doch es gibt keinen Ausweg.

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          Die Unternehmen in Deutschland stecken derzeit in einem Dilemma: Einerseits kommen sie im Bemühen um knappe Fachkräfte nicht darum herum, neue Mitarbeiter auch mit einer attraktiven betrieblichen Altersversorgung zu locken. Andererseits werden diese Angebote durch die niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt immer teurer. Mittelständler vor allem in strukturschwachen Regionen stellt das vor erhebliche Herausforderungen. Doch auch an den 30 Dax-Konzernen geht diese Entwicklung nicht spurlos vorbei. Durch die internationalen Rechnungslegungsstandards (IFRS) bekommen sie die Effekte sogar noch ungeschminkter zu sehen als Unternehmen, die nach dem deutschen Handelsgesetzbuch (HGB) bilanzieren.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Im vergangenen Jahr sind die Verpflichtungen der 30 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland so stark gestiegen wie nie zuvor. Sie wuchsen um ein Viertel auf 372 Milliarden Euro, wie zwei gleichzeitig vorgelegte Bilanzanalysen der beiden Beratungsgesellschaften Towers Watson und Mercer zeigen.

          Durch den Niedrigzins müssen die Konzerne einen deutlich gesunkenen Rechnungszins zugrundelegen, um ihre künftigen Verpflichtungen zu ermitteln. Vor allem dadurch ist der heutige Wert der gesamten Zusagen an Arbeitnehmer innerhalb eines Jahres um rund 70 Milliarden Euro gestiegen. Auch in diesem Jahr gehen beide Beratungsgesellschaften von einem höheren Versorgungsaufwand aus.

          Pensionen belasten Ausfinanzierungsgrad

          Das ging schon im Jahr 2014 auf Kosten des Eigenkapitals der Unternehmen. In der Summe belasteten die Pensionen dieses mit 45 Milliarden Euro – der Anstieg des Eigenkapitals von 614 auf 666 Milliarden Euro relativiert sich dadurch erheblich. Entlastend war für die Dax-Konzerne, dass sich auch ihr Planvermögen, das sie explizit gebildet haben, um künftige Pensionsverpflichtungen zu decken, positiver als erwartet entwickelt hat. Die niedrigen Zinsen hatten Kursgewinne der festverzinslichen Wertpapiere zur Folge, in die Dax-Unternehmen mit 55 Prozent den größten Anteil ihrer Vermögen angelegt haben.

          Vor allem dadurch ergab sich eine Rendite von 12 Prozent auf die Vermögen – sogar 2 Prozentpunkte mehr, als Towers Watson auf Basis der Kapitalanlagestruktur Ende vergangenen Jahres im Jahresverlauf prognostiziert hatte.

          Das alles führt dazu, dass der sogenannte Ausfinanzierungsgrad innerhalb eines Jahres von 65 auf 61 Prozent gefallen ist. „Die Eigenmittel und die Bilanzen der Unternehmen wurden durch den Niedrigzins in erheblichem Umfang belastet“, sagte Thomas Jasper, der die Sparte Betriebspensionen bei Towers Watson in Deutschland verantwortet, vor der Presse in Frankfurt. „Aber die deutschen Unternehmen sind stark.“ Der Grad der Ausfinanzierung sage nichts darüber aus, wie sicher die Zusagen der Konzerne an ihre Mitarbeiter seien, betonte er.

          Ausfinanzierungsgrad sinkt schon seit Jahren

          Tatsächlich gibt es unterschiedliche Philosophien, in welchem Umfang eigens Planvermögen für Betriebsrenten geschaffen wird. Die Deutsche Telekom und Volkswagen legen dafür traditionell sehr wenig – nur etwa ein Viertel der Verpflichtungen – zur Seite. Sie setzen darauf, ihre Pensionäre aus den laufenden Erträgen zu bedienen. Die Deutsche Bank und SAP dagegen finanzieren fast vollständig aus.

          Bild: F.A.Z.

          Der Grad der Ausfinanzierung lag noch bis 2005 durchschnittlich um bis zu 16 Prozentpunkte unter dem heutigen Niveau. Dann hatten die Konzerne unter dem Druck internationaler Ratingagenturen höhere Dotierungen angepeilt. International ist die Entwicklung genau gegenläufig: Lag der Grad der Ausfinanzierung noch 2007 bei 106 Prozent, fiel er seither auf 80 Prozent. Sollten die Zinsen wieder steigen, sind auch wieder höhere Werte in Deutschland zu erwarten, denn mit einem höheren Rechnungszins steigen die Verpflichtungen der Unternehmen weniger stark.

          Unternehmen müssen attraktiv bleiben

          Hier liegt ein Unterschied zur Situation im Mittelstand, wo die Effekte des Niedrigzinses erst allmählich in den Bilanzen sichtbar werden. Denn der Rechnungszins der Unternehmen, die nach HGB bilanzieren, bestimmt sich aus dem Durchschnitt der vergangenen sieben Jahre. Die aktuellen Tiefststände der Anleiherenditen machen sich also erst nach und nach bemerkbar. In Unternehmen des Mittelstands beginnt gerade ein Umdenken mit Blick auf ihre Verpflichtungen.

          „Bleibt das Zinsniveau in nächster Zeit im Wesentlichen unverändert, führt das dazu, dass der Rechnungszins nach HGB weiter absinkt, und zwar schneller als bisher“, lässt sich Mercer-Chefaktuar Thomas Hagemann in einer Mitteilung zitieren. In diesem und dem kommenden Jahr werde er jeweils doppelt so stark zurückgehen wie im Vorjahr. „Der daraus resultierende Aufwand wird in jedem der beiden Jahre also mehr als doppelt so hoch sein wie im Jahr 2014.“

          Wie stark die Unternehmen durch ihre Pensionszusagen belastet werden, hängt aber vor allem von der Ausgestaltung ihrer Altersvorsorgeverträge ab. Noch vor drei Jahrzehnten bestanden alle Vereinbarungen aus festen Leistungszusagen, die einem bestimmten Prozentsatz des letzten Gehalts entsprachen. Seither haben die Unternehmen diese Last deutlich zurückgefahren und zunächst Festzinszusagen ausgesprochen – also einen festen Eurobetrag zum Renteneintritt. Solche Vereinbarungen gelten derzeit für den größten Anteil der deutschen Arbeitnehmer, sagt Towers-Watson-Berater Jasper.

          Bei neugeschlossenen Vereinbarungen hat sich das Bild noch einmal gewandelt: 54 Prozent der Zusagen erfolgen orientiert an der Kapitalmarktentwicklung, 30 Prozent als Festzinszusagen, 16 Prozent als Leistungszusagen. „Dieser Trend wird sich fortsetzen“, erwartet Jasper. „Denn die Unternehmen suchen nach Wegen, die Risiken im Griff zu behalten und gleichzeitig attraktiv für Mitarbeiter zu bleiben.“ Diese Aussage bestätigt auch eine Umfrage seiner Beratung unter 350 europäischen Unternehmen – rund ein Fünftel davon in Deutschland. 64 Prozent von diesen sehen die Arbeitgeber in der Pflicht, Altersvorsorge zu gestalten und durchzuführen, 24 Prozent die Privatpersonen und nur 13 Prozent den Staat. Selten ist die Übereinstimmung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern so groß: Unter 2000 befragten Angestellten fanden es 63 Prozent wichtig, dass Unternehmen Betriebspensionen bereitstellen.

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