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Konjunktur : Anlegen im Nebel

  • Aktualisiert am

Die Auswirkungen der Häusermarktkrise sind immer noch nicht klar Bild: AP

Stärker als erwartet werde sich die amerikanische Wirtschaft in diesem Jahr zeigen, meinen die Analysten der Bank Vontobel. Andere erwarten eine deutlich schwächere Entwicklung. Je nachdem ändert sich die Anlagestrategie. Wer nicht weiß, wem er glauben soll, muss im Nebel umherirren.

          Es gibt viele Vorzeichen, unter denen sich Konjunkturpessimismus pflegen lässt. Der amerikanische Häusermarkt, der anhaltend hohe Ölpreis, die weltwirtschaftlichen Ungleichgewichte - all das lädt nicht zu Optimismus ein. Die Analysten der Schweizer Bank Vontobel sehen in Europa nicht zuletzt aufgrund der Zinspolitik der EZB eine Konjunkturberuhigung nahen, allzumal sich die Kernrate der Inflation der „geldpolitischen Schmerzgrenze“ von zwei Prozent nähere.

          In Japan ergebe sich ein gemischtes Bild, da zwar die aktuellen Wachstumsdaten noch gut sein, doch die Frühindikatoren schwächelten und Beschäftigungs- und Produktivitätswachstum abnähmen, so dass bei zurückgehenden Lohnstückkosten bereits die erneut deflationäre Tendenzen entstanden seien.

          Aktienmärkte in Euroland und der Schweiz vorne

          Ihre Hoffnung ruht daher abermals auf den Vereinigten Staaten, wo sie nach der deutlichen Schwäche im ersten Quartal den Tiefpunkt der Verringerung des Wirtschaftswachstums erreicht sehen. Verantwortlich für den Abschwung sei vor allem ein Einbruch bei den Exporten gewesen, der so gar nicht in das Bild einer lebhaften Weltwirtschaft passe. Ergo werde das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts im laufenden Jahr etwas höher ausfallen als bisher angenommen.

          Daher überrascht kaum, dass die Bank den institutionellen Anlegern empfiehlt, Aktien weiter überzugewichten. Die Analysten rechnen weiterhin mit attraktiven Renditepotentialen. Die Risikoprämien seien im langfristigen Vergleich noch immer hoch und würden weiter zurückgehen. Die auf historischem Tiefstand notierenden Renditeaufschläge der Schwellenländer-Anleihen gegenüber Dollar-Anleihen zeige überdies den Optimismus der Anleger in Bezug auf die Stabilität des internationalen Wirtschaftssystems und die Weltkonjunktur.

          Vor allem die Schweiz und Euroland seien weiter attraktiv, da hier anders als in anderen Regionen im Schnitt für das laufende Jahr mit einem Gewinnwachstum im zweistelligen Prozentbereich gerechnet werde. Für das kommende Jahr nehme das erwartete Gewinnwachstum weiter zu oder bleibe zumindest stabil, allzumal die Frühindikatoren außerhalb Japans positive Signale aussendeten aus.

          Marktstimmung macht mehr Kummer als Zinsen

          Allein die Marktstimmung macht den Analysten etwas Kummer. Zwar habe diese nach dem überdurchschnittlichen Optimismus des Vormonats korrigiert, befinde sich aber noch immer über dem langfristigen Durchschnitt, so dass Gewinnmitnahmen in einem volatilen Marktumfeld
          nicht auszuschließen seien.

          Weniger Sorge macht ihnen der Einfluss der Zinsen auf die gesamtwirtschaftliche Liquidität. Diese werde vielmehr den Anleihenmarkt belasten. Die Renditepotentiale seien bescheiden. Besonders unattraktiv seien für Euro-Investoren aufgrund nur minimalen Aufwertungspotentials, der Währungen die Hauptmärkte in Übersee.

          Finanzkrise noch nicht abgewendet

          Nicht alle Ökonomen teilen den Optimismus der Schweizer. Die International Strategy & Investment Group, die UBS oder die Commerzbank sehen dagegen angesichts der Subprime-Krise steigende Fremdkapitalkosten, weil Banken und Investoren höhere Risikoprämien verlangten und die Zinsen stiegen. Sie sehen die für das zweite Halbjahr angestrebte Wachstumsrate von 2,5 bis 3 Prozent in Gefahr und rechnen eher mit einem Wachstum unter zwei Prozent. Sie gehen davon aus, dass die Konsumausgaben an Dynamik verlieren und die Investitionen unter der Last der strengeren Finanzierungsbedingungen nicht anziehen.

          Bill Gross, der den weltgrößten Anleihefonds verwaltet, erwartet, dass die Konsumausgaben unter den strengeren Finanzierungsbedingungen leiden werden. „Das Subprime-Problem weitet sich auf andere Kreditbereiche aus. Der schärfere Wind bläst nun der Wirtschaft ins Gesicht“, erläutert Gross, Fondsmanager bei der Allianz-Tochter Pacific Investment Management.

          Wandern im Nebel

          Keine Entwarnung am Eigenheimmarkt will Stuart Miller geben, Vorstandsvorsitzender des größten amerikanischen Wohnbauunternehmens Lennar. „Das Angebot der zum Verkauf stehenden Häuser steigt weiter, während die Nachfrage stark abgenommen hat“, beobachtet er. Das drückt auf die Preise. „Ich mache mir am meisten Sorgen um die Ansteckungseffekte auf die Verbraucher“, erklärt William Rhodes von der Citigroup. Im ersten Quartal erreichte die Quote der säumigen Kreditzahlungen den höchsten Wert seit 2001, berichtete bereits der Bankenverband American Bankers Association. Die Prognose für das Umsatzwachstum im Einzelhandel im Juni ist schon von zwei Prozent auf 1,5 bis zwei Prozent zurückgenommen worden.

          Solange sich die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft und besonders der amerikanischen Wirtschaft im Nebel befindet, sind auch Empfehlungen für Anlagestrategien schwierig, da sie immer mit bestimmten Konjunkturhypothesen verbunden sind. Insofern scheint geraten, die eigene Anlagestrategie auf Konjunkturrisiken zu überprüfen und diese gegebenenfalls abzuschwächen. Da dies aber derzeit die meisten Anleger tun, ist das Ergebnis eine Marktentwicklung, die volatil in der Nähe der vor Wochen schon erreichten oder anvisierten Höchststände entlang wandert und im Grunde so ziellos ist, wie es eine Wanderung durch den dichten Nebel der uneindeutigen Konjunkturprognosen eben zwangsläufig sein muss.

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