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Grüne Investments : Kommunalanlagen im Klimawandel

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Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach des Roten Rathauses in Berlin. Bild: dpa

Der Pensionsfonds der Stadt Berlin verabschiedet sich aus fossilen Energieträgern. Die Hauptstadt folgt damit vielen anderen Metropolen. Politisches Ziel der Stadt ist es, bis 2050 klimaneutral zu werden.

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          Immer mehr Kommunen setzen in ihren Kapitalanlagen auf Klimaschutz. Nachdem Großinvestoren wie die Allianz, der staatliche norwegische Pensionsfonds und die Rockefeller-Stiftung in den vergangenen zwei Jahren Investitionen aus fossilen Energieträgern abzogen und vermehrt in ökologisch nachhaltige Anlagen investiert hatten, hat auch das Berliner Abgeordnetenhaus nun die Anlagen des Pensionsfonds der Stadt in Kohle-, Gas- und Ölfirmen abgestoßen. Dies betrifft unter anderem Aktien der Energieerzeuger RWE und Eon sowie des Mineralölunternehmens Total.

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          Politisches Ziel der Stadt ist es, bis 2050 klimaneutral zu werden. Hinter dem vagen Begriff verbirgt sich konkret eine Reduktion der Treibhausgasemissionen auf ein Viertel der jetzigen Werte. Der Pensionsfonds der Stadt enthält gerade einmal 750 Millionen Euro, von denen wiederum nur ein Bruchteil aufgrund der neu beschlossenen ökologischen Anlagerichtlinien reinvestiert wird. Auf dem Weg zum Klimaziel 2050 dürfte die Entscheidung von letzter Woche also nur ein vernachlässigbar kleiner Schritt sein.

          Berlin reiht sich jedoch mit der (symbolischen) Entscheidung in eine ganze Reihe von Stadt- und Kommunalverwaltungen ein, die sich aus fossilen Energien verabschiedet haben: Stockholm, Paris, Oslo, Seattle, Melbourne - die Liste ist lang. Melanie Mattauch ist die Kommunikationschefin von 350.org in Europa, einer internationalen Klimaschutzorganisation, unter deren Banner auch die weltweiten Fossil-Free-Bewegungen laufen. Sie ist überzeugt von der Bedeutung der kleinen Siege. „Berlin zum Beispiel legt jetzt einen eigenen Aktienindex auf. Dieser Index wird von der Bundesbank verwaltet und steht auch anderen Städten zur Verfügung. Das wird es vielen Kommunen leichter machen, auf Anlagen ohne Kohle, Öl und Gas umzustellen.“

          Sven Giegold, finanz- und wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Europaparlament, betont allerdings, dass Graswurzelbewegungen, die Kommunen zu Reinvestitionen bringen, nicht genügen. „Es beruhigt das Gewissen, aber es reicht nicht zu sagen: Lass das Geld doch die Arbeit des ökologischen Umbaus machen. Die Divestment-Bewegung ist erfolgreich, aber sie kann niemals Ersatz für echte Änderungen in Konsumverhalten und Produktion sein.“ Deutschland verliere im Moment seine Position als Weltmarktführer in Sachen Umwelttechnologie an die Vereinigten Staaten, da Unternehmen dort von deutlich strengeren Anlageregeln für öffentliche Fonds profitierten.

          Grüne Fonds sind keine Wundermittel

          Ein erster Schritt, um diesem Trend entgegenzuwirken, ist die kürzlich verabschiedete EU-Richtlinie für die betriebliche Altersvorsorge. Das Regelwerk verlangt von Anlegern, „Risiken im Bereich Klimawandel, Ressourcennutzung und Umwelt“ bei ihren Investitionen zu beachten. Derzeit verwalten betriebliche Pensionsfonds europaweit Vermögenswerte in Höhe von etwa 3500 Milliarden Euro.

          Institutionelle und staatliche Anleger ziehen grüne Fonds nicht nur aus Idealismus immer häufiger in Betracht. Das Konzept der Kohlenstoffblase illustriert, weshalb sich Umdenken auch wirtschaftlich auszahlen könnte: Soll eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf 2 Grad Celsius tatsächlich erreicht werden, müssen laut Forschern der London School of Economics mehr als 80 Prozent der bisher nachgewiesenen fossilen Energieträger ungenutzt im Boden bleiben. Das Grantham Institut schätzt den Wert dieser Energiereserven auf rund 27 Billionen Dollar - eine Summe, die als Messwert der Überbewertung von Kohle-, Öl- und Gasreserven gelesen werden kann.

          Je offensichtlicher der politische Konsens zu Klimaschutz-Bemühungen ist und je mehr Investoren Wert darauf legen, dass ihre Geldanlagen bestimmte ökologische oder ethische Kriterien erfüllen, desto größer werden die Risiken von Investitionen in fossile Energieträger. Grüne Fonds als Wundermittel zu verkaufen, die gleichzeitig gute Renditen erzielen und das Gewissen beruhigen, ist jedoch auch nicht zutreffend. Obwohl Öko-Aktienfonds ähnliche Renditen wie herkömmliche Anlagen bieten, ist die Kursvolatilität deutlich höher. Investitionen in Unternehmen im Bereich erneuerbare Energien, Ressourcenaufbereitung oder Elektromobilität sind zwar zukunftsträchtig, aber eben auch riskant.

          Jochen Wermuth, Geschäftsführer des Vermögensverwalters Wermuth Asset Management, hält den Schwenk weg von fossilen Energien dennoch für unumgänglich: „Volkswirte extrapolieren Trends gerne nach vorne. Das geht oft gut. Im aktuell stattfindenden Transformationsprozess ist es allerdings nicht ratsam.“ Der politische Konsens der Notwendigkeit von CO2-Reduktionen ist nicht mehr umkehrbar. Öffentlicher Druck und Präzedenzfälle wie Berlin können jetzt mehr denn je für institutionelle Anleger eine Rolle spielen. „Dann wird schnell klar, dass sich hier nicht nur die Möglichkeit bietet, mit dem verwalteten Geld eine menschenfreundliche Zukunft zu gestalten, sondern gleichzeitig Rücklagen vor dem Wertverfall zu sicher.“

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