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Kommissionsbericht : Deutsche Banken beraten schlecht

Deutsche Banken: Oft genug kein guter Service Bild: ddp

Die Europäische Kommission stellt den deutschen Banken ein schlechtes Zeugnis aus. Während die Preisverzeichnisse vergleichsweise aussagekräftig sind, führt schlechte Beratung jedes Jahr zu Schäden in Milliardenhöhe.

          Deutsche Banken kassieren von ihren Kunden für die Nutzung eines Girokontos höhere Gebühren als Kreditinstitute in den meisten der 27 EU-Staaten. Zu diesem Ergebnis ist die Europäische Kommission in einer zwischen Februar und April vorgenommenen Erhebung bei 224 Banken gelangt, auf die 81 Prozent aller Einlagen des Privatkundengeschäfts entfallen.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Mit jährlich 89 Euro liegen die Gebühren für durchschnittliche Nutzer in Deutschland zwar niedriger als im EU-Durchschnitt (112 Euro). Dennoch sind die Gebühren in 15 der 27 Mitgliedstaaten niedriger als in Deutschland. Deutlich höher sind sie insbesondere in anderen großen EU-Staaten wie Großbritannien (103 Euro), Frankreich (154 Euro), Spanien (178 Euro) sowie vor allem Italien (253 Euro). Am wenigsten zahlen Kunden in Bulgarien (27 Euro), Litauen (35 Euro), Portugal (45 Euro) und den Niederlanden (46 Euro).

          Milliardenverluste in Deutschland wegen „unangemessener Beratung“

          Die Zahlen sind Teil einer umfassenden Untersuchung der Verbraucherschutzabteilung der Kommission, die zahlreiche Mängel bei der Aufklärung und Beratung von Privatkunden europäischer Banken aufzeigt. Dazu zählen insbesondere unzureichende und irreführende Informationen, versteckte Kosten sowie schlechte Beratung durch die Banken.

          So verweist die Kommission zum Beispiel darauf, dass Bankkunden in Deutschland wegen „unangemessener Beratung“ 50 bis 80 Prozent ihrer langfristigen Anlagen vorzeitig kündigten. Dies führe zu jährlichen Verlusten in einer Größenordnung von 20 bis 30 Milliarden Euro.

          Undeutliche Preisverzeichnisse erschweren europaweit den Bankwechsel

          Generell bemängelt die Kommission, dass die Gebührenstruktur der Banken häufig undurchschaubar sei. Dies erschwere dem Kunden den Vergleich und die Entscheidung zugunsten günstigerer Anbieter. So hätten 2007 und 2008 nur 9 Prozent aller Kunden die Bank gewechselt; bei Autoversicherungen liege der entsprechende Anteil hingegen bei 25 Prozent. Zwei Drittel der untersuchten Banken hätten über das Internet so undeutliche Angaben zu den Gebühren bereitgestellt, dass die mit der Zusammenstellung der Daten beauftragten EU-Sachverständigen zusätzliche Informationen hätten erbeten müssen.

          Die untersuchten 29 deutschen Banken schneiden in dieser Hinsicht besser als die meisten Kreditinstitute in anderen Mitgliedsländern ab. So mussten die Sachverständigen bei weniger als 30 Prozent der deutschen Banken mündlich um zusätzliche Informationen bitten. Die Studie bescheinigt deutschen Banken auch überdurchschnittlich klare Angaben zu ihren Angeboten.

          Niedrigen Grundgebühren für die Kontoführung stehen in Deutschland überdurchschnittlich hohe Kosten, nicht zuletzt bei Bezahlung per Bankkarte, gegenüber. 81 Prozent aller Transaktionen entfielen auf elektronisch vorgenommene Zahlungen durch die Kunden. Durchschnittlich kamen deutsche Haushalte jährlich auf 129 Transaktionen; der EU-Durchschnitt lag bei 149.

          Frankreich dreimal so teuer wie Belgien

          Die Kommission wertet das große Gefälle bei den Gebühren auch als Beleg dafür, dass der grenzüberschreitende Wettbewerb bei Banken im europäischen Binnenmarkt nicht wie gewünscht funktioniere. Ein Kommissionsbeamter zeigte sich befremdet darüber, dass in Frankreich die jährlichen Gebühren für Girokonten mit 154 Euro fast dreimal so hoch seien wie im Nachbarland Belgien (58 Euro). Die Kommission verweist darauf, dass in Frankreich, ähnlich wie in Österreich (140 Euro), Grundgebühren und laufende Kosten erheblich höher seien; in Frankreich kämen hohe Kosten bei der Nutzung von Zahlkarten hinzu.

          Die Kommission erhofft sich mehr Transparenz für die Verbraucher von der neuen EU-Regelung zu unlauteren Geschäftspraktiken, die insbesondere irreführende Angaben für die Verbraucher unterbinden soll. Als Fortschritt wertet sie auch die von den Banken eigenständig ausgearbeiteten Leitlinien zum Wechsel des Anbieters, die Anfang November in Kraft treten werden.

          „Privatkunden im Stich gelassen“

          Dennoch warf Verbraucherkommissarin Meglena Kuneva den Banken abermals vor, die Privatkunden im Stich gelassen zu haben. Unannehmbar sei es, dass zehn Prozent der Banken keine oder kaum Informationen zu den Gebühren auf ihrer Website böten; weitere 30 Prozent warteten nur mit unvollständigen Preislisten auf. Kuneva erinnerte auf einer Fachkonferenz daran, dass die Banken eine besondere Verantwortung trügen, da das Vertrauen vieler Bürger in die Kreditwirtschaft durch die jüngste Finanzkrise schwer erschüttert worden sei.

          Sie verwies darauf, dass viele Anlageberater Interessenkonflikten ausgesetzt seien, weil sie einerseits den Kunden beraten müssten, andererseits aber häufig auch auf Provisionen angewiesen seien. Kuneva kündigte an, dass sich die künftige Kommission um standardisierte Angaben zu den Geschäftsbedingungen bemühen werde. Diese Grundsätze sollten durch alle Anlageberater im Privatkundengeschäft beachtet werden. Über die Einhaltung dieser Grundsätze sollten die zuständigen Aufsichtsbehörden wachen.

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