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Klage gegen Hypo Real Estate : Andreas Tilp und sein schwerster Fall

  • -Aktualisiert am

Anwalt Andreas Tilp Bild: ddp

Er hat Rechtsgeschichte geschrieben. Nun klagt er gegen die Hypo Real Estate. Manche sagen, der Fall sei eine Nummer zu groß für ihn. Ein Porträt über den Rechtsanwalt Andreas Tilp.

          4 Min.

          Eines regt ihn ganz besonders auf, das kann er gar nicht haben. Wenn man ihn einen Anlegeranwalt nennt oder einen Anlegerschützer sogar. Oder, noch schlimmer: einen Robin Hood. Nicht, dass es jemand im Gespräch getan hätte. Aber es ist auch gar nicht nötig. Er sagt das schon mal vorausschauend, weil nämlich die meisten solche Schlagworte gebrauchen, wenn sie ein Wort für ihn suchen. Für Andreas Tilp, den wohl bekanntesten Anwalt der Republik.

          Der ist - ja was eigentlich? Ein Fachanwalt für Kapitalanleger, so nennt er es selbst. Er vertritt Investoren vor Gericht gegen Banken, Fonds- oder Aktiengesellschaften, und das ist etwas ganz anderes. Aktionäre, das klingt nach Klein-Klein. Er vertritt aber genauso Großinvestoren, die millionenschwer sind, so wie jetzt amerikanische Pensionsfonds bei ihrer Klage gegen die Hypo Real Estate (HRE). Er nimmt auch nicht den Reichen das Geld, um es an die Armen zu verteilen. Sondern streitet für die Reichen um das Geld, das die beim Investieren verloren haben. Und davon bekommt er am Ende selbst einen Teil ab. "Ich bin Unternehmer", sagt Tilp, "ich vertrete Investoren und Anleger mit Leib und Seele - aber nicht aus dogmatischen Gründen." Sondern weil es sich so ergeben hat.

          Vor ein paar Jahren, da zog er den Unterschied zwischen Groß- und Kleinanlegern noch nicht so genau. Da waren es vorwiegend die kleinen Anleger, die Tilp in Prozessen vertrat, und die Liste der Gegner liest sich wie das "Who's who" der großen Kapitalmarktbetrügereien und der Pleiten am Neuen Markt: EM.TV, Infomatec, Comroad, die Phoenix Kapitalanlagegesellschaft. Fast alle stehen auf der Liste, die falsch informiert, Bilanzen gefälscht und Informationen verschwiegen haben. Er hatte nicht immer Erfolg, aber er erregte immer großes Aufsehen. Weil die Fälle viele kleine Anleger betrafen und weil es um hohe Gesamtsummen ging. Das machte seinen Namen bekannt.

          Denn Tilp ist keiner, der die Öffentlichkeit scheut. Genau das werfen ihm Gegner vor: Wo immer es ein Mikrofon gibt, Tilp spricht hinein. Wann immer jemand eine Frage zum Fall hat, er beantwortet sie. Und wenn man einen Seitenhieb landen kann, tut er das. Mit schelmischem Grinsen und in breitem Schwäbisch. "Der war schon immer so", sagt einer, der ihn schon seit dem Studium kennt, "der hatte noch nie eine Scheu vor Leuten, selbst wenn die viel größer waren. Als er Student war, hat er die Bundesrichter in Karlsruhe angerufen und wollte mit denen über seine Ansichten diskutieren." Und weil die am Telefon nicht mit ihm reden wollten, fuhr er hin.

          „Ich wurde Spekulant“

          Er wollte nämlich, dass sie sein Problem lösten: Als Ferienjobber hatte er sich ein paar tausend Euro zusammengespart und sie in Optionsscheine gesteckt. Das hatte ihm eine Volksbankberaterin geraten. Am Anfang machte er satten Gewinn und fühlte sich mit sechsstelliger Summe auf dem Studentenkonto wie ein Überflieger, das war 1987. "Dann drehte ich das große Rad. Ich wurde Spekulant." Die Bank ließ ihn als Studenten auf Kredit spekulieren. Und wenig später verlor er im Crash sein gesamtes Geld. Von da an hatte er 200 000 Mark Schulden und wälzte die Gesetzbücher: Ob die Bank ihn nicht auf das Risiko hätte hinweisen müssen? In dieser Frage war das Kapitalmarktrecht blank. Es gab keine Antwort. Also diskutierte Tilp seine Ansicht mit seinem jungen Juraprofessor Hans-Peter Schwintowski von der Berliner Humboldt-Universität, der heute als Koryphäe im Bankrecht gilt: "Tilp war ein mäßiger Jurist in allen anderen Bereichen, aber in diesem Gebiet, da war er spitze", sagt der. Und Tilp ließ nicht locker. Er verfasste Aufsätze, lancierte seine Meinung immer wieder in Fachblättern. "Eine Meinung, der sich fünf Jahre später der Bundesgerichtshof im ersten Urteil zu Optionsscheinen anschloss", sagt Tilp selbstbewusst. "Seine Devise war schon immer", sagt Schwintowksi, "steter Tropfen höhlt den Stein."

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