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Kapitaltransfers : Die Angst vor einer Reichensteuer

  • -Aktualisiert am

Solides Singapur: Der Stadtstaat zieht Vermögende weltweit an Bild: dapd

Banker und Vermögende sorgen sich um höhere Steuern und Enteignung. Sie versuchen, ihre Vermögen in Sicherheit zu bringen – nach Kanada oder Singapur. Der rigide geführte Stadtstaat hat sich eine Infrastruktur gegeben, die jeden Superreichen entzückt.

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          Während Otto Normalanleger verschreckt auf sein verlustreiches Aktiendepot starrt, haben langfristig orientierte Finanzfachleute einen großen Teil ihres Vermögens bereits in Gold umgeschichtet – auszuliefern in Zürich. Und während die deutsche Erbengeneration um das Eigenheim und das Depot der Eltern bangt, befassen sich einige Reiche nicht einmal mehr mit der Schweiz, die mittlerweile Steuervereinbarungen mit Deutschland und Großbritannien getroffen hat. Einige Vermögende und Banker schleusen ihr Kapital lieber nach Singapur und Kanada und hoffen auf ein wasserdichtes Bankgeheimnis.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Diskussion in Deutschland um Reichensteuer, Vermögensteuer und eine Anhebung des Spitzensteuersatzes überrascht daher nicht. Schon zu Beginn der Finanzkrise warnten Banker in der Londoner City: „Erst werden die Banken unter der Last der Finanzkrise zusammenbrechen. Dann werden die Staaten die Kreditwirtschaft retten und unter der Last der Schulden wanken. Dann drohen soziale Unruhen aufgrund der fiskalpolitischen Sparprogramme. Schließlich folgen politischer Extremismus und Enteignungen.“ Seither bereiten sich viele Banker und ihre vermögenden Großkunden auf dieses Szenario vor.

          Zu welchen Verzweiflungstaten Regierungen greifen, hat die Weimarer Republik mit ihren Enteignungen gezeigt, aber auch der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt. 1933 wurde es amerikanischen Bürgern aufgrund eines Notgesetzes „Order 6102“ unter Androhung von bis zu zehn Jahren Gefängnisstrafe verboten, Gold zu horten. Bürger mussten ihre Edelmetallbestände zu einem Preis von 20,67 Dollar je Feinunze beim Staat abliefern. Die Warnung eines Vermögensberaters mit Blick auf die deutsche Diskussion um eine Reichensteuer lautet: „Die holen auch hier noch den ganzen Folterkasten raus.“ Schwer ist der Weg des Kapitaltransfers nicht: Offshore-Konten in unterschiedlichen Währungen können in Singapur zum Beispiel bei zahlreichen Banken während eines Besuches unter Vorlage des Passes und eines Nachweises des rechtmäßigen Besitzes des Vermögens eröffnet werden.

          Weltweit höchste Zuwachsraten in Asien

          Der rigide geführte Stadtstaat hat sich eine Infrastruktur gegeben, die jeden Superreichen entzückt: niedrige Steuern, hohe politische Sicherheit, ein verlässlicher Finanzsektor, eine Lage mitten in einer Wachstumsregion der Erde, hervorragende Schulen, Universitäten, Immobilien von Stararchitekten, Privatflughäfen, Casinos. Diese Vorteile bleiben, auch wenn Singapur Anstrengungen unternimmt, nicht länger als Steuerfluchtort betrachtet zu werden. Die OECD hat den mächtigen Kleinstaat von ihrer Grauen Liste gestrichen.

          Die Banken sind auch in Singapur dieselben, die schon in Europa an reichen Kunden verdienen: UBS, Credit Suisse, Société Générale, Julius Bär, Bank Leu oder LTG stehen dafür beispielhaft. Das „Private Wealth Management“, der Aufbau von „Family Offices“ für Superreiche, ist zu einer verlässlichen Renditequelle geworden – mit den weltweit höchsten Zuwachsraten in Asien. „Solange die Chinesen weiterhin ihr Geld aus China abziehen wollen und ihre Investments diversifizieren, so lange bleibt Singapur bestens positioniert“, sagt Shayne Nelson, der das Privatkundengeschäft von Standard Chartered leitet. An Geld, das eine Anlagemöglichkeit sucht, herrscht in Singapur kein Mangel. Wohl aber an Beratern. Deshalb schulen die Banken mehr und mehr Quereinsteiger an eigenen Instituten nach.

          Die Kreditzinsen liegen dauerhaft niedrig

          Das „Private Banking“ wächst rasant: Stand Asien 1986 nur für 16 Prozent der weltweiten Anlagen derjenigen, die über mehr als eine Million Dollar freies Vermögen verfügen, waren es im vergangenen Jahr schon 25 Prozent. Im Jahr 2013 dürfte Asien dann mit erwarteten 28 Prozent oder 13,5 Billionen Dollar den größten Anteil der Anlagegelder der Gutbetuchten beisteuern, heißt es bei Standard Chartered. Infolge der Krise stieg die Zahl der Millionäre in Singapur von 37.000 auf 82.000 – gemessen an knapp fünf Millionen Einwohnern.

          Nicht nur das selbst geschaffene Umfeld, auch die nackten Finanzdaten sprechen für die Insel am Äquator. Die Kreditzinsen liegen dauerhaft niedrig, weil sonst die Immobilienspekulationen platzen würden. Die inzwischen auf fast 6 Prozent gestiegene Inflation hält die Regierung durch den steigenden Außenwert des Singapur-Dollar in Schach – wovon Anleger aus dem Ausland profitieren können. Das Bankgeheimnis gilt als gesichert – obwohl Finanzminister Schäuble erst neulich wieder seine Emissäre entsandte, um das Doppelbesteuerungsabkommen ändern zu lassen, zeichnet sich bislang keine Lösung ab. Singapurs Banken stehen selbst gut da: Am Dienstag bestätigte die Zentralbank Monetary Authority of Singapore, dass europäische Banken für weniger als ein Zehntel der Kreditsumme des Stadtstaates zählen. „Die Ausleihungen unserer lokalen Banken an europäische Institute sind verschwindend“, betonte die Behörde, um rechtzeitig jeglichen Gerüchten über ein mögliches Übergreifen der Krise entgegenzutreten. Stabilität bescheinigen auch die sonst so umstrittenen Ratingagenturen: Standard & Poor’s bestätigte ihre Bestnoten für Anleihen des Stadtstaates.

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