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JP Morgan : Wie man Finanzhäuser in die Enge treibt

Geschäftiges Treiben: Das Londoner Büroviertel Canary Wharf Bild: AP

Verkaufen zu müssen, wenn die Konkurrenz die Preise drückt, wird teuer. Das ist jetzt offenbar JP Morgan passiert. Die Großbank wird den Verlust überstehen, im Gegensatz zu manch berühmtem Vorläufer.

          In der Sprache der Finanzmärkte heißt es „to corner“: jemanden in die Ecke treiben. Das ist nun offenbar auch der amerikanischen Großbank JP Morgan bei ihren missratenen Terminmarktgeschäften in London passiert, die mit einem Verlust von vorläufig 2 Milliarden Dollar abschließen könnten.

          Viele Details sind noch nicht bekannt. Aber es sieht so aus, als hätte die Bank in zwei sehr speziellen Märkten so große Positionen aufgebaut, dass sie der vorwiegend aus Hedgefonds und anderen Banken bestehenden Konkurrenz aufgefallen waren. Es handelte sich um zwei verschiedene Laufzeiten von Kreditausfallswaps (CDS) auf einen Index amerikanischer Unternehmensanleihen. Mit solchen CDS kann man sich absichern, aber auch Spekulationsgeschäfte betreiben. Solche CDS gibt es unter dem Namen „iTraxx“ auch auf Indizes, die aus Anleihen europäischer Unternehmen bestehen.

          Plötzlich änderten sich die Verlaufsmuster am Gasmarkt

          Große Positionen werden dann zum Problem, wenn sie im Markt bekannt sind und unbedingt verkauft werden müssen. In diesem Falle kann es zum „Cornern“ kommen, wenn die Konkurrenten selbst anfangen, in großem Umfang zu verkaufen, um den Preis erheblich zu drücken. In diesem Fall wird der in die Enge getriebene Verkäufer seine Position nur mit sehr großen Verlusten los, während die Konkurrenten sich billig eindecken, um ihre zuvor verkauften Kontrakte zu schließen. Für die Konkurrenz sind solche seltenen Ereignisse Festtage: Einem Wettbewerber wurden schwere Verluste zugefügt, während man selbst einen Gewinn eingefahren hat.

          Vergleich der europäischen und amerikanischen Prämienentwicklung seit Anfang 2011 Bilderstrecke

          JP Morgan wird den Verlust überstehen. In anderen Fällen lief es nicht glimpflich ab. Bekannt ist das Beispiel des amerikanischen Hedgefonds Amaranth, den hohe Engagements am Terminmarkt für amerikanisches Gas ins Verderben führten. Ein kanadischer Händler dieses Fonds hatte eine Strategie entwickelt, wie er mit Terminkontrakten unterschiedlicher Laufzeit auf denselben Basiswert (Gas) von erwarteten Preisänderungen profitieren wollte. Eine vergleichbare Strategie lag offensichtlich auch den Geschäften von JP Morgan zugrunde, nur das hier der Basiswert nicht Gas war, sondern ein aus amerikanischen Unternehmensanleihen bestehender Index. Derartige Strategien werden von vielen Hedgefonds angewandt; sie sind aber auch in den vergangenen Jahren in Banken verbreitet gewesen.

          Im Falle Amaranths wurden diese Geschäfte zunächst mit geringen Volumina betrieben. Als sie sehr hohe Gewinne brachten, weil der Händler mit seinen Preisprognosen richtig lag, erhöhte das Management des Hedgefonds den Einsatz, worauf der Händler eine sehr große Position am Terminkontrakt für Gas aufbaute, die angesichts ihres ungewöhnlichen Volumens der Konkurrenz auffiel. Doch gerade, als diese Position aufgebaut war, änderten sich die Verlaufsmuster der Preise am Gasmarkt völlig - ein überraschendes Ereignis („Black Swan“), das in den Risikomodellen des Fonds nicht vorgesehen war.

          Umfangreiche Positionen an unterschiedlichen Finanzmärkten

          Amaranth war in seiner Verlustposition gefangen - und die Konkurrenz, die wusste, dass der Fonds völlig schief lag, wartete auf den Tag, an dem Amaranth verkaufen musste. Schließlich hielt der Fonds nicht mehr durch; er musste zu sehr schlechten Preisen verkaufen. Nach einem Verlust von rund 5 Milliarden Dollar wurde der Fonds abgewickelt.

          Ein berühmter Vorläufer von Amaranth war der Hedgefonds Long Term Capital Management (LTCM), der im Jahre 1998 von Banken aus der Wall Street gestützt und anschließend abgewickelt wurde. LTCM hatte mit einer sehr hohen Verschuldung umfangreiche Positionen an unterschiedlichen Finanzmärkten aufgebaut, die anderen Marktteilnehmern zumindest zum Teil bekannt waren.

          Ein Beispiel war eine Beteiligung an dem niederländisch-britischen Ölkonzern Royal Dutch Shell, für den es zwei verschiedene Aktien, niederländische und britische, gibt. LTCM hatte auf eine Änderung des Preisverhältnisses der beiden Aktien spekuliert, als im Jahre 1997 die Finanzkrisen in Russland und Südostasien den Fonds schwer trafen. Konkurrenten spekulierten darauf, dass LTCM seine Positionen in Royal Dutch Shell auflösen musste und positionierten sich so, dass dies nur mit großen Verlusten möglich war.

          Das Phänomen des „Cornern“ könnte auch eine Rolle beim kurzfristigen heftigen Anstiegs der VW-Aktie auf mehr als 1000 Euro im Jahre 2008 gespielt haben.

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