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Interview : „Wir haben keinen Bullenmarkt mehr“

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Alfons Cortés, unabhängiger Marktanalyst Bild: Privat

Nach einem zweijährigen Aufwärtstrend sind die Finanzmärkte in den vergangenen Monaten unberechenbarer geworden. Nach Alfons Cortés, unabhängiger Kapitalmarktanalyst, befinden sich die Märkte in einer Transitionsphase. Interview.

          Nach einem zweijährigen Aufwärtstrend sind die Finanzmärkte in den vergangenen Monaten unberechenbarer geworden als zuvor. Es gibt zwar viele unterschiedliche Prognosen, wie es weitergehen könnte. Keine jedoch scheint derzeit so richtig ziehen zu wollen.

          Wie sollte sich der Anleger in dieser Situation verhalten? FAZ.NET unterhielt sich darüber mit Alfons Cortés. Er basiert seine Markteinschätzung als unabhängiger Analyst auf einem holistischen Ansatz, der verschiedene technische Indikatoren - relative Stärke, Marktstimmung, Momentum und das Handelsvolumen - berücksichtigt und sich auf die Österreichischen Schule der Nationalökonomie stützt.

          Wie würden Sie die aktuelle Situation an den Finanzmärkten gegenwärtig beschreiben?

          Ich unterscheide grundsätzlich zwischen Trend- und so genannten Transitionsphasen. Und schon Mitte Mai bin ich mit der Aussage an die Öffentlichkeit gegangen, die Märkte seien nach einem mehrjährigen Aufwärtstrend in eine Transitionsphase übergegangen.

          Was heißt das?

          Das bedeutet, daß sich in nächster Zeit kurz- bis mittelfristige Trends gegenseitig ablösen werden. Wir werden keine so klaren Trendrichtungen sehen, wie wir sie vom März des Jahres 2003 bis in den Mai des Jahres 2006 hinein hatten.

          Was ist die Basis für diese Aussage, welche Indikatoren oder Argumente betrachten Sie?

          Ich schaue mir an, ob sich die Akteure an den Finanzmärkten weltweit über die verschiedenen regionalen Märkte und Sektoren hinweg betrachtet homogen oder heterogen verhalten. Eine homogene Marktstruktur haben wir dann, wenn sich alle Indizes in dieselbe Richtung bewegen, wenn auch nicht mit gleicher Geschwindigkeit. Eine gewisse Homogenität gibt es auch dann, wenn sich verschieden Branchen, die ökonomisch zusammenhängen, in die gleiche Richtung bewegen - und wenn zwei Drittel der Aktien das auch tun.

          Wenn wir jedoch erleben, daß sich viele Aktien in eine andere Richtung bewegen als die Indizes, dann schließe ich auf eine heterogene Marktstruktur und damit auf eine Transitionsphase.

          Welche Werte laufen nun in eine andere Richtung als die Indizes?

          Im positiven Sinne sind das die defensiven Papiere. Das sind Werte im Bereich der Basis-Konsumgüter und des Gesundheitswesens, insbesondere die Pharmatitel. Weniger positiv verhalten sich dagegen die zyklischen Industriewerte. Noch nicht betroffen sind bisher im zyklischen Bereich die Minenaktien.

          … „noch nicht“ sagen Sie. Rechnen Sie damit, daß das noch kommen könnte?

          Ich beobachte diese Werte im Moment sehr genau, denn in diesem Bereich ist im Moment viel Spekulation im Gange. Es gibt viele Rohstofffonds, die spekulativ Bestände aufgebaut haben, die aus wirtschaftlicher Sicht in dieser Dimension nicht nachgefragt werden. Das Phänomen hat sogar auf die Metallaktien durchgeschlagen.

          Sie beurteilen die Nachfragesituation folglich nicht so optimistisch wie viele Marktteilnehmer?

          Nein. Das heißt nicht unbedingt, daß ich mit einer Rezession oder ähnlichem rechne. Sondern ich denke, viele Marktteilnehmer haben bei ihren Käufen auf Vorrat die Nachfrageentwicklung überschätzt.

          Folglich betrachten Sie Rohstoffwerte kritisch und denken über Absicherungsstrategien nach?

          Zum Teil ja. Zum anderen definiere ich die Ausstiegskriterien, bei welchen ich die Papiere verkaufen möchte und es dann auch tue. Das bedeutet nicht, alles auf einmal zu verkaufen. Wenn man beispielsweise an die Aktien von Phelps Dodge denkt, so könnte man darüber nachdenken, die Position auf das Niveau zu reduzieren, zu dem man eingestiegen war.

          Was ist für Sie das entscheidende Kriterium für den Ausstieg?

          Das ist die Veränderungsrate der relativen Preise oder die nachlassende Kursdynamik im Vergleich mit einer Benchmark.

          Wie würden Sie sich im Moment als Anleger positionieren?

          Unterstellen wir einen Anleger mit einer Aktienquote, die ihn von seiner Risikoneigung und -tragfähigkeit her einen Kurseinbruch von 20 Prozent ertragen läßt, so würde ich meine Positionierung am Aktienmarkt derzeit nicht verändern, nachdem ich mich schon im Mai defensiv orientiert hatte. Unter Branchengesichtspunkten würde ich zu defensiveren Verschiebungen in Richtung Pharmatiteln oder zu Herstellern von Gütern für das tägliche Leben tendieren. Ansonsten würde ich die Aktienquote nicht reduzieren. Da die Märkte eine gewisse Saisonalität zeigen - Spätherbst und Frühling sind an den Börsen statistisch betrachtet sehr positiv - würde ich erst danach über eine Reduktion des Aktienengagements nachdenken.

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