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Interview : „Wir glauben nicht, dass man jetzt schon Aktien kaufen muss“

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Carsten Klude, Chefstratege von M.M. Warburg Bild: F.A.Z.

Die europäischen Börsen verbuchen am Montag deutliche Kursverluste. Händler berichten von einer „Ausverkaufsstimmung“. Wie geht's wohl weiter? Ein Gespräch mit Carsten Klude, dem Chefstrategen der Hamburger Privatbank M.M. Warburg.

          Die europäischen Börsen verbuchen am Montag deutliche Kursverluste. Händler berichten von einer „Ausverkaufsstimmung“.

          Wie geht's wohl weiter? Ein Gespräch mit Carsten Klude, dem Chefstrategen der Hamburger Privatbank M.M. Warburg. Er war mit seinen Analysen in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich.

          Die Finanzmärkte in Europa sind heute sehr nervös. Wo sehen Sie die Gründe dafür?

          Das Hauptproblem liegt in der Entwicklung in den Vereinigten Staaten. Es wird immer deutlicher, dass die amerikanische Wirtschaft im laufenden Jahr in eine Rezession geraten wird, obwohl viele gehofft haben, dass gerade das nicht passieren wird. Von der realwirtschaftlichen Seite gibt es jedoch immer mehr Hinweise darauf, dass wir uns schon zu Beginn des Jahres in einer Rezession befinden und dass man befürchten muss, dass sie deutlicher ausfallen wird, als das selbst die Pessimisten erwartet haben.

          Bisher waren viele davon ausgegangen, dass eine Rezession - sofern sie überhaupt käme - mild ausfallen und schnell vorbei sein werde. Das würde jedoch voraussetzen, dass der amerikanische Konsument zumindest ansatzweise bei der Stange bleiben und sein Ausgabeverhalten nicht zu sehr zurücknehmen werde. Allerdings mehren sich die Zweifel an dieser These immer mehr, da sich die Situation für den Konsumenten deutlich verschlechtert.

          Woran würden Sie fest machen, dass es dem amerikanischen Konsumenten schlechter geht als in den vergangenen Jahrzehnten?

          Wir haben einmal eine sich zumindest in Ansätzen verschlechternde Situation am Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote hat schon im Frühjahr des vergangenen Jahres ihren Tiefpunkt erreicht und sich inzwischen etwas nach oben bewegt. Es sieht so aus, als ob der Arbeitsmarkt schon eine längerfristige Trendwende vollzogen hat. Wichtiger noch sind die negativen Vermögenseffekte über den Immobilien- und nun möglicherweise auch noch über den Aktienmarkt. Waren die Vermögenseffekte in den vergangenen Jahren über die steigenden Preise für den amerikanischen Konsum wichtige positive Faktoren, so drohen sie nun ins Negative zu drehen. In der Folge muss mehr gespart werden, da unter anderem der Zugang zu Krediten schwieriger werden wird. Das dürfte sich in Form geringerer Ausgaben bemerkbar machen.

          Ist die Entwicklung der vergangenen Woche letztlich nicht die Folge der Kreditkrise und der Überverschuldung?

          Die Ausdehnung der Verschuldung in den vergangenen Jahren hatte sicherlich einen positiven wirtschaftlichen Effekt. Nun schlägt es ins Gegenteil um und deswegen haben wir mehr Gegenwind für die Konjunktur und auch die Märkte.

          War der Sub-Prime-Bereich nicht symptomatisch für die Lage?

          Ja. Die Probleme, die im Sub-Prime-Bereich da sind und die noch eine Weile andauern werden, führen dazu, dass die Banken sich stärker zurückhalten bei der Kreditvergabe. So kommen die Konsumenten gleich von zwei Seiten unter Druck: Am Arbeitsmarkt verschlechtert sich die Einkommenssituation und auf grund der Immobilienkrise verschlechtert sich auch die Vermögenssituation.

          Von der Abkoppelungstheorie, nach der sich die Weltwirtschaft von der konjunkturellen Schwäche in den Vereinigten Staaten „abnabeln“ könnte, halten Sie nicht viel?

          Diese Theorie basiert auf der Annahme, dass eine amerikanischen Rezession nur schwach ausfallen würde, wenn sie denn käme. Es gibt Beispiele dafür, so war die Rezession im Jahr 2001 realwirtschaftlich betrachtet vergleichsweise moderat ausgefallen. Aber selbst damals ging es an den Börsen deutlich nach unten, obwohl der Konsument noch deutlich zum Wachstum beigetragen hatte.

          Wenn die These von der schwachen amerikanischen Rezession nicht mehr zu halten ist - und danach sieht es gegenwärtig aus -, dann muss man sehr große Fragezeichen hinter die Entwicklung in China machen. Kann China als zweiter Wachstumsmotor der Welt das globale Wachstum alleine beflügeln? China exportierte zuletzt rund 20 Prozent seiner Waren in die Vereinigten Staaten direkt zum amerikanischen Konsumenten. Man muss wohl davon ausgehen, dass es hier zu einer entsprechenden Abschwächung kommen wird.

          Was bedeutet das für Europa? Noch bis vor kurzem hieß es, die europäische Konjunktur brumme, die Auftragsbücher der Unternehmer seien voll - neuerdings hört man jedoch immer mehr skeptische Stimmen.

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