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Interview : „Wir besitzen eine Menge Aktien von Eon und BASF“

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Mittlerweile skeptisch bei Aktien aus dem MDax: Jens Ehrhardt Bild: Jan Roeder/F.A.Z.

Vermögensverwalter Jens Ehrhardt erwartet 2005 nur bescheidene Gewinne an der Börse. Er empfiehlt Dax-Aktien und eine Prise Asien. Vorsichtiger bewertet er mittlerweile jedoch Aktien aus dem M-Dax.

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          Vermögensverwalter Jens Ehrhardt erwartet 2005 nur bescheidene Gewinne an der Börse. Er empfiehlt Dax-Aktien und eine Prise Asien, namentlich Dividendenpapiere aus Hongkong. Vorsichtiger bewertet er mittlerweile jedoch Aktien aus dem M-Dax, in die er in den vergangenen Jahren angesichts einer deutlichen Unterbewertung noch kräftig investiert hatte; zu seinem Favoriten zählte Kali + Salz (K+S).

          Herr Ehrhardt, Ihr Deutschlandfonds gewann 2004 gut 16 Prozent, nur einer war erfolgreicher. Was haben Sie besser gemacht als die Konkurrenz?

          2004 war das Jahr der Substanzwerte. Das kam mir sehr entgegen. 2003 galt: Je schlechter die Bilanzqualität eines Unternehmens, desto stärker stieg die Aktie. Im vergangenen Jahr war es genau umgekehrt. Qualität zahlte sich aus.

          Gilt das auch für dieses Jahr?

          Das bleibt so. Die Anleger werden weiter scheu sein, weil die Probleme, die der Börsenbaisse zugrunde lagen, noch nicht aus der Welt sind - vor allem nicht in Amerika.

          Wo liegt der Hund begraben?

          Was im Ausland oft bewundert wird - die günstige Binnenkonjunktur Amerikas -, ist Resultat einer völlig unsoliden Politik. Die Verbraucher konsumieren übermäßig. Sie verschulden sich immer tiefer, der Immobilienmarkt ist aufgebläht, die Sparquote fällt. Das kann auf Dauer nicht gutgehen. Die Sparquote kriegen sie nicht unter null und die Häuser können sie auch nicht höher beleihen, die sind jetzt schon völlig überteuert.

          Was muß geschehen?

          Amerika muß seine Hypotheken zurückzahlen. Das dämpft in Zukunft das Wachstum. Auf fünf oder sechs Jahre gesehen, kann ich mir nicht vorstellen, daß Amerika stärker wächst als Deutschland - ausgeschlossen! Amerika hat den Rubikon längst überschritten.

          Fürchten Sie, daß Anleger das Land fluchtartig verlassen werden?

          Wären die Vereinigten Staaten ein Entwicklungsland, hätte bereits eine massive Kapitalflucht eingesetzt mit der Folge krasser Zinssteigerungen. Denn das Leistungsbilanzdefizit, mit anderen Worten die Auslandsverschuldung, explodiert, und die Währungsreserven sind lächerlich gering.

          Droht ein Kurssturz des Dollar?

          Ein richtiger Absturz würde das Finanzsystem aus den Angeln heben. Das will niemand: Die Europäer und Asiaten würden dann bremsen. Im Trend wird der Dollar aber abwerten.

          Also doch lieber heimische Aktien kaufen?

          Warum nicht? Ich investiere gern in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

          Was ist so gut daran?

          Im deutschsprachigen Raum kann ich besser recherchieren. Ich sehe mir die Unternehmen genau an, fahre hin, gehe in die Tiefe - das ist im fernen Ausland schwieriger. Je weiter weg ein Manager sitzt, desto weniger wissen Sie, ob Sie das, was Sie erzählt bekommen, für bare Münze nehmen können.

          Gibt es noch genügend Aktien, die Ihren Ansprüchen genügen?

          Ich finde kaum noch Werte, die richtig preiswert sind. Deshalb werde ich vorsichtig. Gerade im M-Dax sind viele Titel um 50 Prozent und mehr gelaufen. Die Rally ist schon ziemlich ausgereizt.

          Die mittelgroßen Aktien bieten keine Substanz mehr?

          Von wegen Value! Da sind viele Kurse schon überstrapaziert. Ich erinnere mich gut, als ich Anfang 2000 die defensiven Aktien aus dem M-Dax empfahl, haben sich viele kaputtgelacht. Die Papiere wollte damals kein Mensch haben, obwohl sie kraß unterbewertet waren. Heute schwärmt jeder vom M-Dax, überall wird über Kali + Salz und andere Midcaps geschrieben. Da muß man aus Sicht der Markttechnik langsam aufpassen.

          Sollten Anleger jetzt Standardwerte favorisieren?

          Wir gehen verstärkt in größere Aktien rein. Unter den Blue Chips findet man inzwischen eine Reihe guter und günstiger Titel. In meinen Fonds sind zum Beispiel der Versorger Eon und der Chemieriese BASF die größten Posten. Das ist eine gute Sache. Wir besitzen auch eine ganze Menge Aktien von RWE und der Postbank, die ein Aufstiegskandidat in den Dax ist.

          Viele Portfoliomanager setzten verstärkt auf Asien. Ist das eine gute Idee oder zu riskant?

          Asiatische Aktien sind wesentlich billiger als amerikanische oder europäische. Das spricht für sie. Besonders überzeugt bin ich von Hongkong. Die Aktien dort sind viel preiswerter als in China. Hongkong ist exportstark, und es besitzt ansehnliche Devisenreserven. Die Währung ist an den Dollar gekoppelt und extrem unterbewertet. Die Binnenkonjunktur läuft gut. Kurz: Sie finden dort eine schöne Kombination von gutem Wachstum und attraktiver Bewertung. Das ist eine Nische, in der man sich noch engagieren kann.

          Wie groß ist Ihr Asienanteil?

          Das ist natürlich nur das Salz in der Suppe. Ich würde dort nie 20 Prozent meines Geldes anlegen. Wir gehen da im allgemeinen nicht über 5 Prozent. Wenn jemand ein großer Asienfreund ist und ein breitgestreutes Vermögen besitzt, investieren wir auch mal 10 Prozent. Aber nicht mehr.

          Warum sind Sie so zurückhaltend?

          Die Märkte Asiens sind schwierig zu beurteilen, in der Unternehmensanalyse und was die konjunkturelle Entwicklung angeht. Wenn sich Chinas Wirtschaft abkühlt, bekommt das ganz Asien zu spüren.

          Wieviel Rendite bringt ein gutgemischtes Aktienportfolio?

          Das Jahr 2005 wird nicht spektakulär, wir werden sehr bescheidene Zuwachsraten sehen. Ich erwarte aber auch keinen deftigen Rückschlag, wie ihn einige Crashgurus prophezeien.

          Warum nicht?

          Eine Baisse beginnt immer dann, wenn alle überinvestiert sind und die Notenbanken Liquidität abschöpfen. Derzeit ist das Gegenteil der Fall. Der Marktwert sämtlicher Anleihen der Welt ist beinahe doppelt so hoch wie der Börsenwert von Aktien - ein Novum. Die Anleger sind also unterinvestiert in Aktien, und das spricht für sie.

          Aber die Notenbanken bremsen?

          Der Eindruck trügt, sie geben durchweg Gas. Die Notenbanken haben sich noch nie so intensiv in das Wirtschaftsgeschehen eingemischt wie heute. Das macht die Situation auch so unberechenbar. Aber als Vermögensverwalter kann ich es mir nicht leisten, dem Aktienmarkt fernzubleiben. Denn die Leute messen einen an der Wertentwicklung, die möglich gewesen wäre. Auf wie dünnem Eis der Gewinn erzielt wurde, interessiert niemanden. Man muß nur aufpassen, daß man nicht einbricht.

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