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Interview : „Richtig billig sind Aktien erst bei einem KGV von drei“

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Wartet geduldig auf neue Chancen: Anlage-Guru Marc Faber Bild: Faber

Marc Faber bleibt sich im FAZ.NET-Interview selber treu. Für Aktien ist der anerkannte Börsenexperte nicht sonderlich positiv gestimmt und auch die Rohstoffe hält er kurzfristig für überhitzt.

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          Marc Faber gehört mit zu den schillerndsten Personen in der Finanzwelt. Seine häufig von der allgemeinen Marktmeinung abweichenden, aber trotzdem oft zutreffenden Markteinschätzungen haben ihn zu einem der renommiertesten bankenunabhängigen Börsenexperten gemacht.

          Zu seinen größten Prognose-Treffern zählt die frühzeitige Vorhersage der momentan laufenden Rohstoffhausse. Faber ging schon 1973 nach Asien und lebt heute in Hongkong und Thailand. Er arbeitet als Vermögensverwalter, berät Banken, schreibt Bücher und publiziert den Börsenbrief "The Gloom, Boom & Doom Report". Im FAZ.NET-Interview verrät der Investmentberater mehr über seine derzeitige Sichtweise der Finanzmärkte.

          Herr Faber, schon seit einiger Zeit beurteilen Sie die Aussichten an den Aktienmärkten mit einer gewissen Skepsis. Hat sich an dieser Haltung zuletzt etwas geändert?

          Nein, ich bin für Aktien und Anleihen ganz allgemein nicht sonderlich positiv gestimmt. Wer aber unbedingt Geld in Aktien anlegen will, der dürfte an den asiatischen Börsen relativ gesehen die besten Anlagechancen finden. Die Bewertungen sind hier günstiger als in Amerika und das makroökonomische Bild ist viel besser. Anders als in Amerika können diese Länder mit Handels- und Leistungsbilanzüberschüssen sowie wachsenden Währungsreserven aufwarten.

          Im historischen Vergleich relativ günstige Aktienbewertungen, wie sie etwa der Dax mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von gut zwölf aufzuweisen hat, können Sie nicht aus der Reserve locken?

          Diese Zahlen basieren auf den Gewinnschätzungen für das Jahr 2005. Wie sich da die Gewinne entwickeln werden, weiß man aber nicht. So ist in Amerika ein Einbruch beim Konsum nicht ausgeschlossen. Erste Anzeichen dafür finden sich bereits. Gleichzeitig könnte sich das Wachstum in China verlangsamen. Dann würden die Unternehmensgewinne eher etwas fallen. Dabei ist zu bedenken, daß in Amerika rund 50 Prozent aus der Finanzbranche stammen. Im Finanzsektor werden die Gewinne aber eher fallen. Dann wird sich zeigen müssen, was für Bewertungen der Markt akzeptiert. Den Finanzgewinnen wird normalerweise keine sehr hohe Bewertung zugebilligt. Und um auf den Dax zurückzukommen: Ein KGV von zwölf ist nur ein normales Bewertungsniveau und nicht ausgesprochen billig. Billig sind für mich Aktien mit einem KGV von drei.

          Sie haben den Beginn einer Rohstoff-Hausse als einer der ersten Experten erkannt. Bieten Rohstoffe auch jetzt aus Ihrer Sicht noch Chancen?

          Temporär gesehen sind Rohstoffe nicht mehr unbedingt billig. Als ich vor zwei Jahren begann, Rohstoffe zu empfehlen, hatte keiner Interesse an Rohstoffen. Heute sind sie als Anlagealternative anerkannt und nicht mehr unpopulär. Daher bin ich momentan etwas vorsichtig geworden, was den Kauf von Rohstoffen angeht. Bestimmte Rohstoffe wie Kaffee, Zucker, Orangensaft oder landwirtschaftliche Produkte wie Weizen und Mais sind aber noch relativ günstig. Die industriellen Rohstoffe inklusive Öl sind dagegen kurzfristig gesehen nicht mehr billig. Langfristig glaube ich aber eher, daß sich die Rohstoffe relativ gut halten werden. Zumindest sehen sie im Vergleich mit dem S&P 500 Index besser aus.

          Und wie sind Ihrer Meinung nach die Aussichten für den Dollar?

          Für den Dollar kann man langfristig grundsätzlich gesehen nicht positiv gestimmt sein. Die Währung hat seit 1914 bereits 95 Prozent an Kaufkraft verloren und wird das auch weiterhin tun. Die Frage ist nur, gegen was sich der Dollar abschwächen wird. Vielleicht weniger gegenüber dem Euro und dem Yen, aber langfristig vermutlich gegenüber den asiatischen Währungen und dem Gold und dem Silber. Zunächst wird der Dollar aber weiter von den asiatischen Zentralbanken gestützt werden. Deswegen bin ich kurzfristig eher etwas positiv für ihn gestimmt. Langfristig sieht das aber anders aus. Um meinen grundsätzlichen Pessimismus zu teilen, müssen Sie sich nur die Qualität der beiden amerikanischen Präsidentschaftskandidaten ansehen.

          Was ist momentan aus Ihrer Sicht der für die Finanzmärkte wundeste Punkt, den Anleger unbedingt beachten sollten?

          Seit dem Jahr 2000 haben wir in Amerika eine im Vergleich mit dem Gesamtmarkt deutlich bessere Entwicklung bei Finanzwerten gesehen. Diese Unternehmen machen inklusive den Finanztöchtern der Industrieunternehmen rund 25 Prozent des S&P 500 Index aus, stehen aber für rund 50 Prozent der Gewinne im S&P 500. Zuletzt haben sich diese Titel aber nicht mehr sehr gut gehalten, sondern sind teilweise sogar eingebrochen, während sich die Börsen seit August stark erholt haben.

          Wenn hier jetzt in nächster Zeit weitere Kurseinbrüche stattfinden, dann wäre das sehr negativ für die gesamte Börse. Dies muß man im Auge behalten. Denn die ganze Weltwirtschaft wurde sehr stark von den Finanzwerten und deren reger Kreditgewährung getragen. Wenn die Finanzwerte einbrechen, werden sich die Zuwachsraten bei den Krediten verlangsamen. Das hätte einen negativen Einfluß auf die Wirtschaft, besonders auf den Wohnbereich.

          Ihre Einschätzungen sind von Vorsicht geprägt. Wo legen Sie denn dann derzeit Ihre Gelder an?

          Ich muß nicht jeden Tag etwas machen, wenn der Markt nichts hergibt. Ich kann warten, auch wenn das zwei bis drei Jahre dauert. Ich habe aber auch jetzt einige Aktien und einige Immobilien in Asien. Einzelne Aktientitel möchte ich nicht nennen. Die Immobilien befinden sich in Vietnam, Thailand und Indonesien.

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