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Norwegischer Staatsfonds : Hier spricht der größte Aktionär der Welt

Norwegen parkt seine Einnahmen aus Steuern, Lizenzen und Dividenden seit 1996 in einem Fonds, der das Geld im Ausland investiert – und heute 730 Milliarden Euro wert ist. Bild: 51109506 © Christoph Otto / Age

Norwegens Staatsfonds ist in Deutschland an allen Dax-Firmen beteiligt. Ein Gespräch mit Fondschef Yngve Slyngstad über seinen Ärger mit VW, lukrative Immobilien in Berlin – und was er von Immanuel Kant gelernt hat.

          Herr Slyngstad, Ihr Fonds ist an gut 9000 Unternehmen in 75 Ländern beteiligt. Vertrauen Sie auf Big Data und die Technik, um den Überblick zu behalten – oder auf Ihre Intuition?

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wir sind weder an rein technischen Analysen interessiert noch an Bauchgefühlen. Sondern daran, jedes einzelne Unternehmen zu kennen und mit jedem einzelnen Unternehmen im Gespräch zu sein. Dieses Jahr werden wir zum Beispiel rund 4000 Treffen mit Unternehmensvertretern haben, verteilt auf rund 1000 verschiedene Firmen. Dabei konzentrieren wir uns auf fünf nationale Märkte. Auf Großbritannien, Frankreich und Deutschland, die wichtigsten Volkswirtschaften in Europa; auf die Schweiz, weil dort mit Nestlé, Roche und Novartis gleich drei der fünf wichtigsten Firmen für unser Aktienportefeuille ihren Sitz haben; und auf Schweden, weil es unser Nachbar ist.

          In Deutschland sind Sie mit durchschnittlich 4,1 Prozent am Dax beteiligt, außerdem der wichtigste Investor im deutschen Mittelstand, Sie halten sogar Aktien von Borussia Dortmund. Was ist Ihre Strategie?

          Unser Ziel sind langfristig hohe Erträge bei moderatem Risiko. Deshalb streuen wir unsere Investitionen über die ganze Welt und orientieren uns dafür an einem Referenzindex. Außerdem sollen unsere Investitionen auch ethischen Standards entsprechen. In Deutschland gibt es viele gut geführte, profitable Unternehmen.

          Wir haben deshalb Mitarbeiter, die sich ausschließlich um die mehr als 200 deutschen Firmen kümmern, an denen wir beteiligt sind. Dafür nehmen wir uns viel Zeit, und wir werden uns künftig noch mehr Zeit dafür nehmen. Wenn Sie die großen deutschen Unternehmen fragen, werden die vermutlich antworten, dass sie uns ziemlich häufig sehen. Wir wollen der beste Investor sein, den diese Unternehmen nur haben können – langfristig, verantwortungsbewusst, vorausschauend.

          Pflegeleicht sind Sie aber nicht. Mit Volkswagen zum Beispiel legen Sie sich immer wieder an, nicht erst seit dem Dieselskandal. Warum?

          Was wir von der Eigentümer- und Aufsichtsstruktur halten, haben wir schon 2008 klargemacht, aus Anlass der Übernahmeschlacht zwischen VW und Porsche. Dieser Skandal hat die Probleme deutlich gezeigt: Wir wurden als Minderheitsaktionär benachteiligt. Und wie alle internationalen Investoren waren wir überrascht, dass das überhaupt erlaubt ist. Das kann für Deutschland kein Vorzeigemodell sein. Aber man darf eben so auftreten, solange es gutgeht. Nur wenn es dann einmal nicht gutgeht, muss man sehen, was passiert.

          Als der Betrug aufflog, haben Ihre VW-Aktien 300 Millionen Euro an Wert verloren. Immerhin weiß jetzt jeder, dass etwas faul ist in Wolfsburg.

          Ich glaube nicht, dass irgendjemand ernsthaft daran glaubt, dass die Eigentümerfamilie etwas an der Struktur ändern wird. Sieht man das in Deutschland anders? Uns als Miteigentümern macht die Familie nicht den Eindruck, dass sie uns zuhören möchte.

          Wenn Sie so unzufrieden mit den Porsches und Piëchs sind, warum verkaufen Sie Ihre VW-Aktien nicht?

          VW ist ein wichtiger Konzern für Deutschland, für Europa, für die Welt. Deshalb werden wir unseren Anteil halten, solange es den Fonds und das Unternehmen gibt.

          Auch wenn sich nichts ändert?

          Ja. Wir greifen das Thema ja auch deshalb immer wieder auf, um für Deutschland generell die Frage zu stellen, ob diese Art von Unternehmensführung gut ist oder nicht.

          Ihren Anteil an RWE haben Sie aus Klimaschutzgründen zuletzt von 2,1 auf 1,7 Prozent reduziert. Verkaufen Sie den Rest auch noch?

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