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Interview: Karl-Georg Altenburg, J.P. Morgan : „Viele Unternehmen brauchen mehr Eigenkapital“

  • Aktualisiert am

Karl-Georg Altenburg Bild: Frank Röth

Karl-Georg Altenburg, Deutschland-Chef der Investmentbank J.P. Morgan sieht keine Kreditklemme. Bankkredite seien nur eine Finanzierungsquelle. J.P. Morgan betrachtet er als die führende ausländische Investmentbank in Deutschland.

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          Karl-Georg Altenburg, Deutschland-Chef der Investmentbank J.P. Morgan sieht keine Kreditklemme. Bankkredite seien nur eine Finanzierungsquelle. J.P. Morgan betrachtet er als die führende ausländische Investmentbank in Deutschland.

          Herr Altenburg, in Deutschland sind Klagen über eine Kreditklemme zu hören. Zu Recht?

          Die Ausgabe von Krediten ist immer abhängig vom wirtschaftlichen Umfeld. Daher sehen wir auf Seiten der Banken derzeit Vorsicht. Das ist nicht nur negativ, denn niemandem wäre geholfen, wenn die Banken jetzt unvorsichtig Kredite vergeben würden. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass nur 20 Prozent der Unternehmensfinanzierung über Bankkredite stattfinden. Unternehmen finanzieren sich überwiegend über die Begebung von Anleihen an Kapitalmärkten und von Commercial Papers. Auf den Anleihemärkten ist von Spannungen nichts zu sehen. In der Beschaffung von Eigenkapital hinken deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich aber noch hinterher.

          Inwiefern?

          Außerhalb Deutschlands befassen sich die Unternehmen intensiver mit der Frage nach einer ausgewogenen Kapitalstruktur.

          Zusätzliches Eigenkapital verwässert aber den Gewinn der Alteigentümer.

          Das stimmt. Aber es handelt sich um eine Frage der Priorität. Im Ausland sieht man in der Aufnahme von Eigenkapital die Möglichkeit, sich für die Zukunft zu rüsten. Und es mangelt nicht an Investoren, die sich für den Erwerb dieses Eigenkapitals interessieren, denen eine konservative Bilanzstruktur heute wichtiger ist als der Verwässerungseffekt. Eine starke Bilanz schützt Unternehmen vor Risiken, sie sichert gute Ratings, und sie erleichtert den Zugang zu Fremdkapital. Gerade die stark auf den Export ausgerichteten deutschen Unternehmen sollten dies bedenken, wenn sie von den Chancen einer kommenden Erholung der Weltwirtschaft nachhaltig profitieren wollen.

          Und für Sie als Berater von Unternehmen ist Eigenkapitalbeschaffung ein attraktives Geschäftsfeld...

          Das trifft zu, aber wir wollen nicht vergessen, dass eine zu geringe Eigenkapitalausstattung von Banken und Unternehmen zu dieser Krise wesentlich beigetragen hat. Wir brauchen eine andere Kultur des Eigenkapitals.

          Aber wie lange werden Investoren eine hohe Eigenkapitalausstattung eines Unternehmens schätzen? Besteht denn nicht die Gefahr, dass die Investoren nach einem Ende der Krise so wie in der Vergangenheit umgekehrt eine hohe Verschuldung von Unternehmen fordern werden?

          Mein Eindruck ist, dass man bereit ist, aus der Krise zu lernen und auch langfristig eine hohe Ausstattung mit Eigenkapital als erstrebenswert anzusehen.

          Was bedeutet das in Zahlen?

          Wir erwarten in diesem Jahr in Europa Eigenkapitalaufnahmen von 200 bis 300 Milliarden Euro.

          Und wer sind die Investoren?

          Da will ich keine Gruppe ausschließen. Es ist genügend Liquidität vorhanden. Und viele Großanleger haben die Hausse der vergangenen Wochen verpasst. Das Anlagevolumen der amerikanischen Geldmarktfonds zum Beispiel hat sich heute im Vergleich zu dem Zeitpunkt vor Beginn der Finanzkrise mehr als verdoppelt. Dies ist Geld, das praktisch keine Rendite verdient, also einen enormen Anlagedruck auslöst.

          Solche Liquiditätshaussen tragen nach aller Erfahrung oft den Keim eines späteren Zusammenbruchs in sich.

          Man kann die gegenwärtige Börsenentwicklung sicherlich nicht einfach fortschreiben. Steigenden Aktienkursen steht immer noch ein schwieriger wirtschaftlicher Ausblick in vielen Branchen entgegen. Die Kapitalmärkte dürften daher volatil bleiben. Aber auch die Volatilität bietet Opportunitäten, und es gilt, die sich bietenden Zeitfenster zu nutzen.

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