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Interview : „Japan hat eine falsche Geld- und Fiskalpolitik“

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Die Zinspolitik der Bank of Japan ist nicht nur tief deflationär, sondern auch die Budgetpolitik ist hoch restriktiv. In den vergangenen vier Jahren wurde das japanische Budgetdefizit um jeweils ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes gekürzt.

Welche Rolle spielen die so genannten Carry Trades in diesem Zusammenhang?

Bei den Carry Trades handelt es sich vielfach um eine Umschichtung kleiner Portfolios japanischer Haushalte in ausländische Vermögenswerte wie in die Uridashi-Anleihen in Neuseeland-Dollar. Selbst eine kleine derartige Umschichtung kann große Wirkung zeigen. Diese Strategien werden getrieben durch die sehr tiefen Zinsen in Japan im direkten Vergleich mit anderen Währungsräumen, wie zum Beispiel den 7,5 Prozent in Neuseeland. Sie haben den Yen geschwächt und auf diese Weise das Aufkommen der Carry Trades noch verstärkt.

Was war das Resultat?

Im Endeffekt hat es dazu geführt, dass das japanische Wachstum völlig unausgeglichen ist: Es hängt zu stark von den Exporten ab und nicht genügend von der Binnennachfrage. Gleichzeitig führt der Exodus der japanischen Liquidität dazu, dass die Finanzmärkte in anderen Teilen der Welt verzerrt werden, während der Binnenmarkt ausgehungert wird. Die japanischen Regierungsstellen machen eine völlig falsche Wirtschafts- und Finanzpolitik.

Wie könnte das Land der Situation entkommen?

Mit einer dramatischen Zinserhöhung ohne weitere strukturelle Einschränkung der Fiskalpolitik. Das zyklische und die allgemeinen Budgetdefizits würden später fallen. Der Yen würde anziehen und dabei helfen, die Volkswirtschaft zu rebalancieren. Ausgehend von der außerordentlichen Ertragskraft der Exporteure wäre die Auswirkung auf die Exportvolumina nur begrenzt, da die Preise in ausländischer Währung nur leicht steigen würden, während die Yenpreise fallen und die Margen beschneiden würden.

Welche Wirkung hätte eine „Normalisierung“ der Zinsen auf die japanische und die gesamte asiatische Konjunktur?

Japan und Asien würden von der starken japanischen Binnennachfrage und von zunehmenden Importen in Japan profitieren. Der japanische Leistungsbilanzüberschuss würde zurückgehen. Allerdings aufgrund des Binnenwachstums und nicht wegen abnehmendem Wachstum. Auf diese Weise würden die Vorteile einer solchen Entwicklung über die zunehmenden Importe in andere Länder exportiert werden.

Wie sähen die Konsequenzen für die Finanzmärkte aus?

Leider würde die falsche Auffassung, steigende Zinsen wären deflationär, zu negativen Effekten an allen Märkten führen. Der „Rückbau“ der Carry-Trades könnte zu massiven Verlusten bei hoch verschuldeten Hedge Fonds führen. Insgesamt wäre der Effekt ähnlich aber nicht so dramatisch wie beim amerikanischen Sub-Prime-Debakel. Auf der anderen Seite wären die Vorteile für die bisherigen „Carry-Trade-Opfer“ wie Australien oder Neuseeland offensichtlich.

Gehen Sie davon aus, dass Japan seine ultralockere Geldpolitik tatsächlich eindämmen wird?

Ich sehe leider vorerst keine Chance, es sei denn, unsere - ich rede auch im Namen meiner Kollegen von Lombard Street Research - scheinbar seltsamen Argumente werden von einer Mehrheit der Meinungsbildner übernommen. Der Beginn könnte darin liegen, dass unsere Argumente genügend Publizität erhalten und dass immer mehr Kommentatoren denken, die Argumente hätten ihre Logik.

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