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Interview : „Japan hat eine falsche Geld- und Fiskalpolitik“

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Grob gesprochen würden die Zinseinnahmen der Haushalte um rund ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes zunehmen, wenn der Zins um ein Prozent steigen würde. Ausgehend von einer marginalen Sparquote von 50 Prozent würde eine Zinserhöhung um ein Prozent die Konsumausgaben um etwa ein halbes Prozent des Bruttoinlandsproduktes erhöhen. „Normalisierte“ die japanische Zentralbank den Leitzins von 0,5 Prozent auf ein Niveau von etwa 3,5 Prozent, so würde das Bruttoinlandsprodukt um etwa 1,5 Prozentpunkte zulegen können - und das ist eine konservative Schätzung.

Diese Argumente beziehen sich vor allem auf die Gläubigerseite. Wie sähe es aus bei den Schuldnern?

Es ist unwahrscheinlich, dass die Regierung die Steuern erhöhen oder die Ausgaben kürzen würde, wenn die Zentralbank geldpolitisch restriktiver werden würde. Auch die Unternehmen würden ihre Investitionen kaum einschränken. Denn die Finanzierungskosten würden nur leicht steigen. Bei der Finanzierung über Aktien oder Anleihen machten sich höhere Zinsen nur bei Neuemissionen bemerkbar. Abgesehen davon haben die meisten Unternehmen in den vergangenen Jahren ihre Bilanzen saniert: Ihre Gewinne liegen bei rund 25 Prozent des volkswirtschaftlichen Einkommens und die finanziellen Überschüssen liegen bei zehn Prozent nach Finanzierungskosten. Damit betragen die Ergebnisse rund 15 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Sie sind auf die Fremdfinanzierung nicht angewiesen.

Das Wachstum der Konsumnachfrage hat eine stärkere Auswirkung auf die Investitionen als die Zinskosten. Die Konsumausgaben stehen für etwa 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, Wohnungsinvestitionen stehen für 15 Prozent und Nicht-Wohnungsinvestitionen stehen für fünf Prozent. Wollte man die Konsumausgaben um 2,5 Prozent erhöhen, müssten die Investitionen theoretisch um 7,5 Prozent gekürzt werden. Aber die Chancen scheinen nicht schlecht zu sein, dass sie stabil gehalten oder sogar erhöht werden würden.

Die japanischen Wirtschaftsverhältnisse unterscheiden sich deutlich von den amerikanischen. Denn dort betragen die verzinslichen Vermögenswerte nur die Hälfte des verfügbaren Einkommens. So basiert meine Argumentation auf einer einfachen Arithmetik. Und die widerspricht im Falle Japans den Dogmen, die Kommentatoren, Banker, Regierungen, OECD oder auf der IWF regelmäßig wiederholen, ohne sie wirklich zu hinterfragen. So dürfte es kaum verwundern, dass beinahe alle daran glauben.

Befindet sich Japan nicht in einer Art von „Liquiditätsfalle“, in der tiefe Zinsen nichts bringen als steigende Immobilienpreise und riesige Carry Trades?

Die Liquiditätsfalle ist ein trügerisches Konzept. Wenn es bedeutet, dass nominale Zinsen nicht negativ werden können, fallende Preise jedoch zu steigenden Realzinsen führen, muss die Antwort „Ja“ lauten. Das setzt jedoch voraus, dass tiefe Zinsen den Konsum oder Investitionen nicht mehr beflügeln. Sobald man jedoch erkennt, dass tiefe Renditen die Einkommen der Konsumenten und damit die Ausgabe- und Investitionsneigung dämpfen, werden sie zu einer „Politikfalle“, wie sie in den Vereinigten Staaten in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu beobachten war.

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