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Interview : „G-8-Teilnehmer sollten über unterbewertete Währungen reden“

  • Aktualisiert am

Prof. Fred Bergsten, IIE Bild: IIE

Bei den Beratungen der G-8-Staats- und Regierungschefs steht vieles auf dem Programm, nicht aber die Ungleichgewichte im Welthandel. Das sei ein Fehler, erklärt Professor Bergsten vom Institute for International Economics in Washington.

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          Bei den Beratungen der Staats- und Regierungschefs der Gruppe 8 im Ostseebad Heiligendamm steht ein breites Themenspektrum auf dem Programm. Es reicht von außenpolitischen Aspekten über den Klimaschutz bis hin zum Raketenstreit.

          Nicht auf der Tagesordnung stehen die Ungleichgewichte im Welthandel und die daraus resultierenden Probleme. Das sei ein Fehler, erklärt Professor C. Fred Bergsten vom Institute for International Economics in Washington im folgenden Interview.

          Denn von der Fehlbewertung verschiedener Währungen gingen deutliche Risiken für die Weltwirtschaft aus.

          In Deutschland findet derzeit das G8-Treffen statt. Denken Sie nicht, die Anwesenden sollten sich auch über den Währungsmarkt unterhalten, zumindest hinter den Kulissen?

          Sie sollten. Ich bin jedoch nicht sonderlich zuversichtlich, dass sie das auch tun werden. Unglücklicherweise gab es kaum Bemühungen, Antworten auf die internationalen Ungleichgewichte und die Fehlbewertung verschiedener Währungen zu finden und entsprechende Konsequenzen zu ziehen. Ich denke, Sie sollten das tun, ich bin jedoch nicht optimistisch, dass es dazu kommen wird.

          Ist das nicht ein Fehler?

          Ja, denn ich denke, von den großen und weiterhin wachsenden Ungleichgewichten gehen starke Risiken für die Weltwirtschaft aus. Sie können zu starken Wechselkursbewegungen führen. Diese wiederum können die Entwicklung sowohl in jenem Land stören, dessen Währung - der Dollar - fallen kann, als auch in jenen Staaten, deren Währung - vor allem im Euroraum - steigen dürfte. Das gilt insbesondere, so lange die asiatischen Staaten die Aufwertung ihrer Währungen verhindern.

          Es wäre zwar ein Problem, dass mit China eines der Staaten, dessen Währung neben dem japanischen Yen am stärksten aufwerten müsste, an den G8-Gesprächen überhaupt nicht beteiligt ist. Nichts desto Trotz sollten die G-8-Politiker eine entsprechende Initiative ergreifen und schließlich auf die entscheidenden asiatischen Staaten zugehen, um präemptive Maßnahmen umzusetzen.

          Wie lange können die Währungsfehlbewertungen und die wachsenden Ungleichgewichte bestehen bleiben, ohne zu Schwierigkeiten zu führen?

          Niemand kann das sagen. Tatsächlich scheint die Tatsache, dass sie schon längere Zeit existieren, ohne Turbulenzen verursacht zu haben, zu Gleichgültigkeit und der von mir kritisierten Untätigkeit zu führen. Faktisch hat der Dollar in den vergangenen fünf Jahren 15 bis 20 Prozent abgewertet, ohne größere Probleme verursacht zu haben. Allerdings ist die Verteilung der Aufwertungsbewegungen problematisch, die als Gegenpol einer unvermeidbaren weiteren Dollarabwertung nötig sind.

          Denn angesichts der Überschüsse sollten vor allem die asiatischen Währungen aufwerten. Die asiatischen Staaten, angeführt von China, blockieren jedoch entsprechende Tendenzen. So haben neben dem Euro andere frei handelbare Währungen wie der Kanada- und der australische Dollar die Last zu tragen. Sie könnten weitere zehn bis zwanzig Prozent aufwerten, obwohl sie bisher schon weit gelaufen sind. Sollte der Dollar stärker nachgeben, ohne dass die asiatischen Währungen aufwerten, könnte der Euro zusammen mit anderen europäischen Währungen auf 1,50 bis 1,60 Dollar oder gar mehr aufwerten und auf diese Weise das europäische Wirtschaftwachstum beeinträchtigen. Gleichzeitig würde der schwache Dollar in den Vereinigten Staaten die Zinsen und die Inflationsrate nach oben treiben und so auch dort die Konjunktur bremsen.

          Aus diesem Grund gibt es deutliche Risiken für die Weltwirtschaft über starke Währungsbewegungen, wenn man die Anpassung der Ungleichgewichte den Märkten überlässt und wenn die relevanten Staaten die Ungleichgewichte zusammen nicht präemptiv politisch angehen.

          Die Europäer haben bisher einen großen Teil der „Aufwertungslast“ getragen, während die asiatischen Staaten davon profitierten, unter anderem ihre Automobilindustrie. Wann denken Sie, werden die Europäer die Konsequenzen ziehen und sich den Amerikanern anschließen, die eine Aufwertung mit Nachdruck fordern?

          Nun, die Amerikaner und die Europäer scheinen sich bisher nicht einig zu sein. Während die Europäer ihr Augenmerk auf den unterbewerteten Yen richten, blicken die Amerikaner vor allem auf den unterbewerteten Renminbi. Sie unterstützen sich gegenseitig bisher nicht.

          Handelt es sich nicht um dasselbe Problem?

          Beide Punkte hängen miteinander zusammen. Für mich stellt sich die Frage, wie man alle asiatischen Währungen dazu bringen kann, deutlich aufzuwerten. Denn angefangen vom Renminbi über den Yen, den Taiwan-Dollar bis hin zum Hongkong- und den Singapur-Dollar sind alle asiatischen Währungen deutlich unterbewertet, mit Ausnahme des südkoreanischen Won vielleicht, der in den vergangenen Monaten nach oben gelaufen ist. Alle diese Staaten verbuchen Überschüsse, so dass ihre Währungen mehr wert werden müssten.

          Ich denke, wenn China oder Japan ihre Währungen um zehn, zwanzig Prozent aufwerten ließen, würde das die anderen Währungen der Region mit nach oben ziehen. Ich lege den Fokus auf China. Denn das Land hat nicht nur den größten Überschuss, sondern es verhindert die Aufwertung der Währung durch massive Interventionen am Devisenmarkt.

          Ich stimme mit den Europäern darin überein, dass auch der Yen deutlich unterbewertet ist. Allerdings ist der Wechselkurs gegenwärtig nicht das Resultat von Interventionen, sondern von tiefen Zinsen und damit den Marktkräften.

          Ich denke, die G7-Staaten sollten über die Stärkung des Yen nachdenken. Ich glaube, direkte Interventionen wären effektiv und würden den Yen deutlich nach oben bringen. Sie sollten begleitet werden von koordiniertem Druck auf China, seine Währung aufzuwerten.

          Rechnen Sie tatsächlich mit Yen-Interventionen?

          Nein. Ich halte sie jedoch für wünschenswert und habe das auch in einem Hearing vor dem amerikanischen Kongress so formuliert. Wenn alles andere nichts hilft, wäre eine Übereinkunft, wie das Plaza-Agreement im Jahr 1985, zur Anpassung fehl bewerteter Währungen wünschenswert.

          Ist ein Meinungswandel denkbar, falls in den Vereinigten Staaten die Regierung wechseln sollte?

          Es könnte sein. Eine demokratische Regierung könnte sensibler auf die Konsequenzen eines überbewerteten Dollars auf den Handel und den Arbeitsmarkt blicken. Auf der anderen Seite waren in der Vergangenheit auch demokratische Administrationen nicht sehr offen für Interventionen.

          Gegenwärtig geht jedoch starker Druck vom demokratisch geführten Kongress aus. In den kommenden Monaten dürfte es legislative Initiativen geben, die das Ziel haben, die relevante amerikanischen Administration zum Vorgehen gegen einen überbewerteten Dollar zu bewegen.

          Sehen sie einen „Trigger“, der zu einer dramatischen Anpassung der Ungleichgewichte führen könnte?

          Das kann man vorher nicht wissen. Es könnte ein ökonomisches Ereignis sein. Sollte zum Beispiel die amerikanische Produktivität plötzlich deutlich fallen und die Anleger verlören das Vertrauen in die Vitalität der amerikanischen Wirtschaft, dann könnte der Dollar unter Druck geraten. Der Kongress könnte protektionistische Maßnahmen ergreifen, was durchaus denkbar ist. Oder der Markt mag das Resultat der kommenden Präsidentschaftswahl nicht. Auf der anderen Seite wäre es auch denkbar, dass sich die Wirtschaft in Europa und Japan überraschend stark entwickelte, so dass die Wirtschaftsräume entsprechende Zuflüsse verbuchten. Und da ist nicht zuletzt China. Sollte das Land die eigene Währung aufwerten lassen, was es alleine schon deswegen tun sollte, weil es im eigenen Interesse wäre, dürfte das die anderen asiatischen Währungen mit nach oben nehmen und den Dollar auch gegen andere Währungen weiter abwerten lassen.

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