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Interview : Fondsmanager Ehrhardt: "Die Börse steht auf Messers Schneide"

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Saufen die Pferde?, fragt sich Fondsmanager Ehrhardt Bild:

Jens Ehrhardt verwaltet den im Vorjahr besten deutschen Aktienfonds. Im FAZ.NET- Interview verrät er, warum er derzeit nur mit Angst investiert ist.

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          Seit Jahren beweist Jens Ehrhardt von der Dr. Jens Ehrhardt Kapital AG mit soliden Prognosen, dass er ein ausgewiesener Kenner der Finanzmärkte ist. Auch im Vorjahr konnte er diesen Beweis wieder erbringen. Der von ihm verwaltete Scontinvest-German Equity Fund hat unter den auf Deutschland bezogenen Aktienfonds im Jahr 2001 am besten abgeschnitten (siehe Link: "Hohe Barreserve und Mid-Caps zahlten sich aus").

          Da interessiert FAZ.NET natürlich die derzeitige Anlagestrategie des erfolgreichen Fondsmanagers. Im Interview erklärt Ehrhardt, warum er trotz überaus günstiger Ausgangslage bei der für ihn so wichtigen Liquidität nicht in Euphorie verfällt

          Herr Ehrhardt, wie schätzen Sie die Aussichten der Aktienmärkte im Jahr 2002 ein?

          Rein statistisch gesehen gab es in den letzten 100 Jahren nur wenige Fälle, in denen es drei Jahre in Folge nach unten ging an den Aktienmärkten. Doch solche Statistiken sind weniger entscheidend als die jeweils aktuelle Ausgangslage. Und die ist derzeit zwiegespalten. Seit 30 Jahren gab es diese Konstellation nicht, dass einerseits so riesige Chancen, gleichzeitig aber auch so große Gefahren nebeneinander existieren. Theoretisch können die Pferde saufen, aber die Frage ist, ob die Pferde auch wollen. Die Börse steht auf Messer´s Schneide. Was stützt, sind die hohe Liquidität und der noch immer recht hohe Pessimismus. Andererseits sind die meisten Aktien gut bezahlt, so dass vieles für eine Seitwärtsbewegung spricht. Kursziele zu nennen ist wegen dieser Pattsituation derzeit relativ schwierig. Sonst drücke ich mich eigentlich nicht davor. Aber dieses Mal kann man sich höllisch blamieren.

          Wenn schon keine Kursziele, wie lautet denn dann Ihre Tendenzaussage?

          Die Liquidität könnte die Kurse noch einmal nach oben treiben. Die Summe der in Geldmarktfonds geparkten Titel macht mit rund 2.000 Milliarden Dollar ungefähr 20 Prozent des Wertes aller börsennotierten Aktien aus. Dies ist ungefähr so viel wie 1982, als die Jahrhunderthausse ihren Anfang nahm und fast doppelt so hoch wie normal. Wir werden also von einer Liquiditätswelle erschlagen. Unter Liquiditätsaspekten ist dies fast eine Traumkonstellation. Im Gegensatz zu damals sind Aktien heutzutage aber äußerst teuer. Daher stellt sich die Frage, ob die Anleger bereit sind, ihre Anlagen am Geldmarkt auch zu Gunsten von Aktien aufzulösen. Zumal noch lange nicht sicher ist, ob der Konjunkturaufschwung auch tatsächlich kommen wird. Schließlich gibt es angesichts vieler freier Kapazitäten keinen Zwang, wieder mehr zu investieren.

          Aber als Fondsmanager sind Sie trotz aller Schwierigkeiten gezwungen zu agieren. Wie lautet aktuell Ihre Strategie?

          Wir sind bei einer Barquote von rund acht Prozent, was für uns recht wenig ist, derzeit ziemlich investiert. Vor den Anschlägen im Vorjahr hatten wir eine Barquote von fast 50 Prozent. Darin kommt die Hoffnung zum Ausdruck, dass die Liquidität doch weiter zum Tragen kommen wird. Wenn sich der Markt aber anders entscheiden sollte, würde ich beispielsweise bei einem Dax von unter 4.900 Punkten rigoros die Notbremse ziehen. Wir sind mit Angst dabei, haben aber einen Schubladenplan, der den Ausstieg beinhaltet, wenn die Märkte nicht so laufen, wie ich mir das vorstelle. Zur Vorsicht mahnt auch die noch recht hohe Bewertung bei Titeln wie Siemens oder SAP. Von der fundamentalen Ecke sind schon noch erhebliche Unsicherheiten drin.

          Zu welchen Einzelanlagen würden Sie raten?

          Europa steht aus meiner Sicht wegen geringerer Verschuldung und gleichmäßigerem Konsum auf gesünderen Beinen als die USA. Deutschland ist dabei mit am billigsten bewertet. Das hat auch damit zu tun, dass die meisten Fonds hier untergewichtet investiert sind, weil man uns als den kranken Mann in Europa sieht. Was die Branchen angeht, sind wir noch immer eher konsumorientiert. Hier finde ich eine Karstadt mit einem Online-Anteil am Umsatz von fünf Prozent ganz gut. Auch die europäischen Autohersteller wie VW, BMW und Peugeot sind wegen Kostenvorteilen nicht schlecht.

          Unserer Langzeitfavorit Kali + Salz ist im Übrigen inzwischen recht gut bezahlt. Eine Salzgitter ist noch einigermaßen günstig, auch eine Koenig & Bauer, die Boss Vorzüge und Beru. Im Ausland sind Goldaktien noch ganz gut. Abfindungsspekulationen wie bei Allianz Leben können auch interessant sein. Die MidCaps sind jetzt ziemlich entdeckt, so dass sie nicht mehr wesentlich besser abschneiden werden als die großen Standardwerte.

          Sehen Sie auch Chancen in den Schwellenländern?

          Die sind natürlich außerordentlich billig. Im Schnitt sind sie mit dem halben Buchwert bewertet, während es in den USA das fünf- bis siebenfache ist. Außerdem ist in diesen Ländern niemand überinvestiert, nachdem man sich in den Vorjahren oft die Finger verbrannt hat. Hellt sich die Situation weltweit auf, ist man in Schwellenländern sehr gut aufgehoben. Anders ist es allerdings, wenn der Aufschwung der Konjunktur ausbleibt. Vor allem Russland bleibt aber interessant.

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